Archiv-Beitrag vom 16.07.2007Preisverleihung "Stücke 2007"

Rede der Oberbürgermeisterin zur

Preisverleihung "Stücke 2007"

am 17.06.07 im Theater an der Ruhr

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Wenn zutrifft, was George Braque, der französische Maler und Grafiker über die Kunst gesagt hat, nämlich, in ihr zähle " nur eines – das, was man nicht erklären kann", dann erleichtert und entlastet mich das zu gleichen Teilen. Einerseits, weil ich als Oberbürgermeisterin in meinen Anmerkungen anlässlich der diesjährigen Preisverleihung der Mülheimer Stücke auf keinen Fall beabsichtige, eine Juryentscheidung zu erklären.

Und andererseits, weil ich gerne auch über ein paar Dinge zu Ihnen sprechen möchte, die mit dem Festival und unserer Stadt zu tun haben.

Zunächst zum preisgekrönten Text "Karl Marx: Das Kapital. Erster Band" und seiner dramatischen Realisierung durch "Rimini Protokoll".

Ich beglückwünsche die Preisträger 2007 Helgard Haug und Daniel Wetzel sehr herzlich zu einem Festivalbeitrag, der nach meiner persönlichen Meinung als Seismograph für die Entwicklung der zeitgenössischen Dramatik deutscher Sprache gelten darf.

Er hat Staunen, Widerspruch und - große Zustimmung - ausgelöst – sonst hätte er nicht gesiegt. Die Besonderheit der Form wurde heftig debattiert, der Charakter eines "Stückes" verneint. Ich sage: gut so, richtig so, wichtig so – und hoffe, dass zunächst auf eine schnelle Wertung, eine voreilige Festlegung, auf ein abschließendes Ergebnis verzichtet wird.

Warum wünsche ich mir das?

Lassen sie uns einen ganz kurzen Ausflug in die Geschichte des Dramas tun. Sie ist bestimmt von Brüchen und Verstörungen.

  • In der Antike: Teil von Kulthandlungen
  • Bei Shakespeare: formale Avantgarde
  • In der Klassik steht neben der Formerfüllung der Tabubruch des Bürgerlichen Trauerspiels
  • Bei Büchner erfolgt eine mit neuen Inhalten korrespondierende Relativierung der Form
  • Naturalismus, Realismus und Expressionismus experimentieren mit Sprache
  • Unter Piscator entsteht das Politische Theater
  • Bert Brecht revolutioniert die Form durch das Epische Theater
  • Nach 1945 folgen offene und geschlossene Form, Absurdes Theater, Publikumsbeschimpfungen und Stationendrama...

Und jetzt also im 32. Jahr der "Mülheimer Stücke" – ein Preisträger-Duo, das sich gar nicht als Dramatiker versteht.

Also seien wir nicht so zagend überrascht, wie uns die Medien nahe legen wollen. "Was wird nun aus den Stücken?" ist angesichts ihrer Geschichte die falsche Frage.

Die richtige lautet: "Was wird aus den Preisträgern?"

Das Mülheimer Festival hat oft genug Entwicklungsrichtungen und kommende Dramatiker "entdeckt" und war Startpunkt für große Erfolge. Seien wir also mutig und offen für das, was jetzt mit "Karl Marx: Das Kapital. Erster Band" geschieht.

Verehrte Preisträger,

die Berichterstattung hätte einhelliger und gleichzeitig divergierender nicht sein können. Sie spiegelt damit die Berechtigung für die Auszeichnung. Sie spiegelt den Grad der gesellschaftlichen Verstörung und Ratlosigkeit beim Versuch der Beantwortung uns vorliegender offener Fragen.

Ich habe eingangs angekündigt, auch über ein paar Dinge zu Ihnen sprechen zu wollen, die mit dem Festival und unserer Stadt zu tun haben.

Im 32. Jahr der "Stücke" haben die Zuschauer und Künstler ein gereiftes Festival erleben können. Besser denn je, weil weiter angereichert. Kam im vergangenen Jahr die Publikumsstimme hinzu, erfuhr das Festival in diesem Jahr durch ein hochklassiges fachwissenschaftliches Symposion ebenso wie durch das wunderbare Stücke-Fest mehr als eine Attraktivierung des Rahmenprogramms – nämlich eine substantielle Erweiterung.

Wer live dabei war - sowohl beim Symposion als auch beim "Stücke"-Fest im Raffelbergpark - konnte die Bereicherung erleben und genießen. Das ist deshalb so wichtig und so schön, weil man in Mülheim von Anfang an weder auf den vordergründigen Charme der großen Besucherzahlen noch auf einen Festival-Party-Zirkus geschielt, sondern vielmehr konsequent auf Qualität gesetzt hat. Es galt und gilt: Qualität statt Quote. Und das, weil in Mülheim Kultur mehr ist als eine Marketing-Instrument. Deshalb möchte ich an dieser Stelle dem Festival-Team aus Kulturbetrieb und TaR sehr herzlich zu der gelungenen Weiterentwicklung des Festivals gratulieren.

Das Bekenntnis zur Qualität in der Theaterarbeit in Mülheim zeigt sich auch in den aus den "Stücken" abgeleiteten Impulsen für die Schultheaterarbeit. "Schools on stage" – die Verleihung dieses neu ausgelobten Schülertheaterpreises kann ich mir im nächsten Jahr durchaus im Kontext der Preisverleihung für die "Stücke" vorstellen.

Das Geld aus den Mitteln vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der NRW-Staatskanzlei und vom Theaterbüro des Mülheimer Kulturbetriebs ist in Mülheim gut angelegtes Geld. Mir ist es wichtig, an dieser Stelle ausdrücklich für die uns zuteil werdende und weiterhin zugesagte finanzielle Unterstützung der Stücke Dank zu sagen. Sowohl die künstlerische als auch die Breite gehende Wirkung sind enorm, von der Bedeutung für die Kulturqualität in der Metropole Ruhr mal ganz zu schweigen.

Dass es sich dabei um in der Region erarbeitete, nicht wie andernorts um "ererbte" Kultur handelt – so hat es der frühere NRW Ministerpräsident Steinbrück im Rahmen der Bewerbungsentscheidung für die Kulturhauptstadt 2010 richtig festgestellt – macht die Investition um so wichtiger, weil nachhaltiger.

Sie merken, ich freue mich auch 2007 schon auf 2010. Vor allem aber freue ich mich heute mit Helgard Haug und Daniel Wetzel über ihren Titelgewinn und gratuliere beiden noch einmal im Namen der Stadt Mülheim an der Ruhr.

Kontakt


Stand: 16.07.2007

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