Preisverleihung Stücke 2010
Rede für Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld zur Verleihung des Dramatikerpreises am Sonntag, 27. Juni 10, 12 Uhr, Kunstmuseum Alte Post *** Meine sehr geehrten Herren und Damen, herzlich willkommen zur Vergabe des Mülheimer Dramatikerpreises 2010, diesmal nicht auf der Bühne unserer Stadthalle, sondern in unserem Kunstmuseum Alte Post. Werten Sie dies als ein selbstverständliches Zeichen dafür, dass die Kultur in Mülheim die Grenzen der Sparten überwunden hat Ich begrüße heute ganz besonders herzlich: Sehr geehrte Gäste, meine Herren und Damen, gestatten Sie mir, bevor wir zum eigentlichen Anlass des heutigen Tages kommen, einige grundsätzliche Anmerkungen zu unserem Theaterfestival. "Läge Mülheim nicht an der Ruhr, sondern an der Spree, dann müsste das Theatertreffen der Berliner Festspiele hart um seinen Platz auf den ersten Seiten der Hauptstadtfeuilletons kämpfen. Denn die Mülheimer Theatertage überschneiden sich zeitlich mit der glamourösen Berliner Leistungsschau und bieten das spannendere Programm." So urteilt "theater heute", immerhin eine der wichtigsten deutschsprachigen Theaterzeitschriften. Der Blick von außen auf unsere "Stücke" bestätigt mal wieder unser gelungenes Konzept, die jahrgangsbesten AutorInnen des deutschsprachigen Theaters zu einem Wettbewerb nach Mülheim einzuladen. Als das Forum der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik bildet es in jedem Jahr mit den eingeladenen Aufführungen das Beste ab, was in über 120 neuen Texten geschaffen wurde. 35 Jahre "stücke", das heißt heute .... 35 Jahre Auseinandersetzung mit aktueller Gegenwartsdramatik, .... 35 Jahre Diskussion über Qualität und Aktualität auf höchsten Niveau, .... 35 Jahre die wunderbare Vielfalt der Theaterwelt in Mülheim an der Ruhr. Die Creme de la Creme der deutschsprachigen Bühnen, SchauspielerInnen, AutorInnen und Regisseure versammelt in unserer Stadt. Und es heißt für Mülheim 35 Jahre lang kritische, produktive und zugleich stolze Begleitung unseres Festivals, das gleichzeitig die Keimzelle unserer Theaterstadt Mülheim an der Ruhr ist. Unser Modell der Theaterstadt ist der Versuch, über ästhetische Erfahrungen das gesellschaftliche Leben zu verändern. Ja, Sie haben sich nicht verhört. Das wollen wir in der Tat, und an diese Möglichkeit glauben wir weiterhin! Die Theaterstadt Mülheim an der Ruhr ist ein Ort, der die Auseinandersetzung mit zeitgenössischem Theater fördert, internationalen Austausch verstärkt initiiert und für ein breites Diskussionsforum sorgt. Die ästhetische Fortentwicklung von Theaterkunst ist das Zentrum aller Aktivitäten. Die mutigen Vorstöße der Inszenierungen an der Spitze der Modernität verlangen von uns als ZuschauerInnen eine andere Wahrnehmung, die nicht mehr mit den bekannten Klischees rechnet, sondern bereit ist, sich unvoreingenommen dem zu stellen, was aus der Improvisation geboren wurde. Inszenierungen, die unseren Ehrgeiz, alles zu verstehen, voll befriedigen, gibt es nicht mehr. Die sollten wir auch gar nicht erst erwarten. Die Stücke bieten vielmehr den Zauber des Geheimnisvollen, mit dem sich nach Kant ein Kunstwerk gegen den "Schematismus der reinen Vernunft" wappnet. "Denn was ein Kunstwerk rätselhaft macht, ist die Unendlichkeit des Assoziierens." Theater sind Räume eines kollektiven Gedächtnisses. Orte der aktiven Erinnerung. In ihnen wird das Vergangene Gegenwart in der Frage nach unserer Zukunft: Es sind die Geschichten von Hoffnungen und Träumen der Menschen, von ihren Niederlagen und Empörungen, von der Sehnsucht, das Leben selbst gestalten zu wollen. Dem tragen wir als Theaterstadt auch mit den "Stücken" Rechnung. Meine sehr geehrten Herren und Damen, 35 Jahre Mülheimer Theatertage heißt für uns auch systematische Präsentation von über 200 Stücken, von rund 100 AutorInnen. Diese stolzen Zahlen bezeugen die Seriosität des Wettbewerbs und unseren Anspruch, kontinuierlich und nachhaltig neue deutsche Dramatik zu fördern und auszuzeichnen. Den vielen Mitgliedern der unabhängigen Auswahl- und Preisjurys gilt mein herzlicher Dank. Sie garantierten und garantieren die Qualität unseres Festivals. Die "Stücke" sind Institution geworden und in ihrer Bedeutung aus der nationalen und internationalen Theaterlandschaft nicht mehr wegzudenken. Die Mülheimer Theatertage schaffen in jedem Jahr berechtigte Erwartungen beim Publikum – einem exzellenten Publikum, das fachkundig, gespannt, interessiert, wissbegierig und zahlreich zu den Aufführungen kommt, anschließend qualifiziert mitredet und mit der Möglichkeit der persönlichen Bewertung (Publikumsstimme) ernst genommen wird. Wir nehmen das Publikum tatsächlich ernst. Und das heißt auch, ihm die Möglichkeit zu bieten, sich mit Regisseuren, Schauspielern und Autoren offen auseinander zu setzen. Deshalb waren die Publikumsgespräche von Anfang an fester Bestandteil des Festivals. Das hat sich bewährt. Eine Herkulesaufgabe wie die "Stücke" ist nur mit starken Partnern zu stemmen. Das Geld aus den Mitteln vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, der NRW-Staatskanzlei, der Leonard-Stinnes-Stiftung und vom Mülheimer Kulturbetrieb ist in Mülheim gut angelegtes Geld. Mir ist es wichtig, an dieser Stelle ausdrücklich für die uns zuteil werdende und weiterhin zugesagte finanzielle Unterstützung der "Stücke" Dank zu sagen. Sowohl die künstlerische als auch die in die Breite gehende Wirkung sind enorm, von der Bedeutung für die Kulturqualität in der Metropole Ruhr mal ganz zu schweigen… Hochgeschätzte Preisträger des Jahres 2010: Über sexuelle und ökonomische Ausbeutung zu schwadronieren, fällt niemandem schwer. Sie mit leichter Hand, der das Fantastische, Surreale selbstverständlich ist, zu zeigen, erfordert Meisterschaft. Im "Goldenen Drachen", steckt eine unaufdringliche Parabel: Die Welt der Globalisierung hat hier in einer Nussschale Platz. Und doch: Der Menschheit ganzer Jammer fasst uns an. Roland Schimmelpfennig Mit "Nathans Kinder" ist eine ebenso kluge wie frische Neufassung eines alten, berühmten Stoffes gelungen. Von herausragender sprachlicher Qualität nähert es sich dem Thema Religionen- und Generationenkonflikt ohne Zeitgeisteleien und mit lakonischem Witz. Ulrich Hub Das Tor zum unendlichen Raum immer wiederkehrender Fragen wird aufgestoßen: Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir? Ihre Kraft schöpft das Werk aus einer dichterischen, vieldeutigen Sprache, die Pointen zuzuspitzen weiß und auch das Schweigen gestaltet. Der Publikumspreis geht in diesem Jahr an Dea Loher für "Diebe" in der Inszenierung des Deutschen Theaters Berlin. Ihnen allen meine herzliche Gratulation und hohe Anerkennung. Sie haben das kulturelle Leben unserer Stadt und der Region mit ihren Sprachkunstwerken bereichert.
Dea Loher, Ulrich Hub und Roland Schimmelpfennig.
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Stand: 18.08.2010













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