Projekt "Lernallianz im Ruhrgebiet – Bürgerschaftliches Engagement"

"Eine repräsentative Umfrage des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend brachte es an den Tag: Jeder dritte Bundesbürger engagiert sich ehrenamtlich. Das ist viel. Doch das heißt auch, dass zwei von drei BundesbürgerInnen noch nicht ehrenamtlich aktiv sind. Diese Menschen wollen wir in Mülheim erreichen. Unsere Stadt braucht BürgerInnen, die nicht nur bereit sind, Verantwortung für sich selbst, sondern auch für andere zu übernehmen.

Sie sind ein wichtiger Baustein, wenn uns das notwendige Umsteuern von der zum Teil doch sehr ausgeprägten Versorgungsmentalität hin zu mehr Eigenverantwortung des Einzelnen gelingen soll. Hin zu einem aktivierenden Staat, hin zu einer aktivierenden Stadt, das ist unser Ziel hier in Mülheim. Wir wissen, dass wir die BürgerInnen auf diesem Weg nicht alleine lassen dürfen. Wer sich ehrenamtlich für andere engagieren will, der braucht Unterstützung durch die Kommune. Die bieten wir in Mülheim: Eine wichtige und auf breite Akzeptanz und Anerkennung in der Bürgerschaft stoßende Institution ist das CBE, das Centrum für Bürgerschaftliches Engagement," mit diesen Worten begrüßte Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Abschlusskonferenz "Engagement zieht Kreise" in der Mülheimer Stadthalle. 

Ute Fuhrmann (rechts) engagiert sich ehremamtlich für Kinder und Jugendliche (hier mit ihren Starlight-Kids). Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld (mitte), Ministerpräsident Peer Steinbrück und Prof. Dr. Eckhart Pankoke informieren sich über das Projekt am Rande der Abschlusskonferenz

Foto: Walter Schernstein

Bilanz und Perspektiven – so war die Abschlusskonfererenz "Engagement zieht Kreise" des Projektes "Lernallianz im Ruhrgebiet – Bürgerschaftliches Engagement" aufgeteilt. Die Projektpartner, die Universität Duisburg-Essen (finanziert durch die Projekt Ruhr GmbH) und das Centrum für Bürgerschaftliches Engagement (CBE) in Mülheim an der Ruhr, unterstützt vom Ministerium für Wirtschaft und Arbeit, sehen Erfolgsstrategien, die in diesem Projekt entwickelt wurden. Prof. Dr. Eckart Pankoke, Soziologe und wissenschaftlicher Leiter des Projektes schaut gerne auf die zwei Jahre des Projektes "Lernallianz im Ruhrgebiet – Bürgerschaftliches Engagement" zurück. "Wer Engagement fordert, muß Kompetenz fördern" – diese programmatische Formel der Enquetekommission des Deutschen Bundestages "Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements" war umzusetzen in die Praxis von "Lernallianzen im Ruhrgebiet – Wege und Netze aktiver Gesellschaft" – so Pankokes Zwischenbilanz. Darin werden noch einmal die Lernmodule erwähnt, die die Universität Duisburg-Essen auf dem Weg gebracht hat und die auf der Internetseite "cbe-mh.de" abzurufen sind. Am Bild des Kreises erläutert Prof. Pankoke den Projektablauf. "Ich erinnere an ein altes Dekret der französischen Revolution, das aufforderte, die neue Gesellschaft zu feiern durch öffentliche Feste im offenen Kreis. Damit sollten die neuen Ideen von 1789 (Freiheit, Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit) – symbolisiert werden durch offene Runden in denen sich das solidarische Miteinander feierte 'in gleicher Augenhöhe' unter Gleichen und – wie der Dichter Schiller formulierte - 'unter offenen Himmel des Gemeinsinns'". "Wir wählten deshalb das Bild des wachsenden Kreises zum Symbol für unser Projekt, wobei die Prozess-Formel 'Engagement zieht Kreise' die Entwicklungsdynamik von 'Netzwerken' und 'Lernprozessen' programmieren will." Als "wachsende Kreise" beschreibt Pankoke den Formwandel bürgerschaftlichen Engagements, wie es auch in den Lerneinheiten der Allianzen des Projektes beobachtet werden konnte in den Lernschritten von geschlossener Selbstgenügsamkeit zu offener Selbststeuerung. "Selbstgenügsamkeit: hier geht es um den inneren Halt fester Bindung. Selbststeuerung: bedeutet demgegenüber eine neue Qualität von gesellschaftlicher Entwicklung und deren Steuerung über Netzwerke und Lernprozesse." In dem Projekt "Lernallianz im Ruhrgebiet – Bürgerschaftliches Engagement" war der soziale Halt von selbstgenügsamer Einbindung wie die soziale Dynamik selbstgesteuerter Bewegung zu beobachten. Es gab Bürgervereine wie auch Ausländervereine, die mit der Selbstbindung schon genug beschäftigt waren. Aber es entwickelten sich auch Ansätze, die geschlossenen Kreise der Selbstgenügsamkeit zu öffenen im Sinne einer öffentlichen Kultur der Verantwortung. Das bedeutet ein aktives Verhältnis zur gesellschaftlichen Umwelt und ihrer Zukunft. Praktisch stellt sich dann die Frage nach der nächsten Generation, die einen Verein in diese Zukunft führen soll. Frau Hille Richers wird darüber mit besonderem Blick auf die Bürgervereine berichten. Auch den Selbsthilfegruppen konnte durch das Projekt mit Lernmodulen und Workshops geholfen werden, sich ihren Aufgaben besser zu stellen. "Über den Umgang mit Verantwortung und Überforderung" hieß beispielsweise einer der Workshops. Eine Lernallianz, die für Brückenbau oder die Selbstregulierung steht, waren die Workshops in den ausländischen Vereinen zu "Vereinsrecht" und "Vereinsfinanzen". Hier sind Experten aus den Weiterbildungsprogrammen des Landessportbundes in die ausländischen Vereine gegangen und haben mit ihnen Probleme des Vereinsrechts und der Vereinsfinanzen besprochen. Hier werden noch weitere Lernmodule entwickelt. Der Anspruch an Selbststeuerung der Gesellschaft sei enorm hoch, so erläutert Pankoke weiter: " 'Institutionelles Lernen' wird praktisch als die Steuerung von Prozessen des Wandels, auf der Ebene der Organisationen als Organisationswandel, oder chic formuliert als 'Change-Management', aber auch auf der Makroebene als die Steuerung gesellschaftspolitischer Großprozesse der sozialen Reform und der gesellschaftlichen Transformation." Ganz praktisch sah das im Projekt so aus: "Ein Partner unseres Projektes sind die Bürgervereine, die nicht zu reduzieren sind, selbstgenügsam Halt und Heimat zu bieten, sondern in denen der gute Zusammenhalt zur Basis wird, sich in den Prozessen gesteuerten Wandels – etwa der Stadtentwicklung – als das Selbststeuerungspotential kritisch und zugleich aktiver Öffentlichkeit partizipativ zu engagieren." Das Unternehmensengagement in der Bürgergesellschaft ist dabei genauso zu benennen. Eine Form ist der zeitliche Einsatz von Unternehmern und ihren Mitarbeitern in soziale Projekte kurz "Corporate Volunteering" genannt. Hier war ein Unternehmer, der Bäcker Peter Hemmerle eine Woche in der Drogenhilfe tätig und berichtet auf der Konferenz von seinen Erfahrungen. Sehr innovativ war die Idee, bei jungen Menschen Verantwortungsrollen zu stützen und zu stärken. Mit mehreren Lernmodulen und Workshops wurden Klassensprecher in ihrer Tätigkeit beraten und begleitet. "Zukunftspotentiale der Bürgergesellschaft, sind die jungen Schülerinnen und Schüler, die sich als Schul- und Klassensprecher für andere und ihre kleine Gemeinschaft engagieren. Hier entwickelt sich eine frühe 'Kultur der Verantwortung', der es dann bald nicht mehr nur um die Klassengemeinschaft geht und deren Vertretung – gerade auch im Konfliktfall – gegenüber der Institution Schule. Oft sind es gerade die Klassensprecher, welche die Brücke schlagen zur Bürgergesellschaft, indem sie sich zugleich oder später in den Vereinen und Initiativen des lokalen Umfeldes engagieren." Entwickelt wurden die Lernmodule und Workshops von Reinhild Hugenroth und Jens Watenphul. Das Projekt "Lernallianz im Ruhrgebiet – Bürgerschaftliches Engagement" fand in den Städten Mülheim an der Ruhr, Essen, Oberhausen und Essen statt. Die MEO-Region ist dadurch wieder näher zusammengerückt und drückt in einer Absichtserklärung aus, dass sie im Feld des bürgerschaftlichen Engagements stärker kooperieren wollen.

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Stand: 07.07.2004

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