Archiv-Beitrag vom 19.02.2008Jubiläum "200 Jahre Mülheim an der Ruhr" / Rede der OB + Fotos von Walter Schernstein

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"Wenn man den Geburtstag einer liebgewonnenen Person feiert, dann ist es ab einem gewissen Alter der Jubilarin wohl Brauch, den Lebensweg Revue passieren zu lassen. Das wird auch hier und heute so sein. Allerdings ein wenig anders als normal üblich.

Denn erstens haben viele von Ihnen bereits den exzellenten Vortrag von Dr. Kai Rawe, dem neuen Leiter des Mülheimer Stadtarchivs, am vergangenen Donnerstag in der "Alten Post" genossen.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Zweitens geht es mir um mehr als eine Rückschau; ich möchte vielmehr zugleich eine Perspektive dessen entwickeln, was das "alte Mädchen" Mülheim morgen sein kann.

Nichts anderes nämlich ist Politik: Es ist der Versuch, aus dem Wissen von gestern und heute Antworten auf die Fragen von morgen zu geben. Doch damit nicht genug! Denn als sei dies an sich nicht schon schwierig genug, muss sich Politik auch noch Gedanken machen, welchen grundlegenden Kurs die gesellschaftliche Entwicklung der Menschheit, Europas, der Bundesrepublik Deutschland und eben auch unserer Heimatstadt nehmen soll. Einen solchen Entwurf für Mülheim möchte ich hier und heute umreißen.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Vor einigen Tagen hat der Essener Kulturdezernent und einer der beiden Geschäftsführer der Ruhr 2010, Dr. Oliver Scheytt, einen Vorschlag für das Motto des Projekts Kulturhauptstadt gemacht. Eine Passage aus einem Lied des Bochumer Sängers Herbert Grönemeyer aufgreifend, plädierte er für "Bleibt alles anders…"

' "Bleibt alles anders" ist ein Glücksgriff […].Die Überschrift bildet ab, was das Ruhrgebiet ist und zugleich sein will: eine Metropole im Werden.' So kommentierte der WAZ Chefredakteur Ulrich Reitz – und er hat recht! Leben heißt Veränderung und kaum eine Wendung bringt deren Konstanz so knapp und zugleich so prägnant auf einen Nenner, wie diese drei Worte.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Man möchte hinzufügen, was schon vor geraumer Zeit dem griechischen Philosophen Sokrates bewusst geworden war: "Wer glaubt, etwas zu sein, hat aufgehört, etwas zu werden."

Genau darum trifft diese Liedzeile auch so exakt das, was die Geschichte unserer Stadt ausmacht: Die Geschichte der Stadt Mülheim an der Ruhr ist eine Geschichte des Wandels, der Umbrüche, der Veränderungen – und dennoch, oder gerade deshalb, existiert hier in Mülheim zugleich so ein starkes, gewachsenes, lokalpatriotisches Bewusstsein, dass Mülheim immer unser Mülheim, das "alte Mädchen", die sympathische Stadt an der Ruhr bleiben wird.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Tatsächlich bedeuteten die Erhebung Mülheims zur Stadt und die in etwa zeitgleich sich vollziehenden politischen Umwälzungen unter der napoleonischen Herrschaft unstreitig Veränderungen für Mülheim und seine Menschen.

Dass mancher Bürger und manche Bürgerin damals sorgenvoll an die Zukunft dachte, wo weite Teile Europas ein wahrlich kriegerisches Zeitalter erlebten, mag nicht verwundern. Dass mit der napoleonischen Herrschaft und auch mit der späteren Eingliederung Mülheims in Preußen in der Rückschau viel Positives verbunden werden kann, vermag an der zeitgenössisch empfundenen Unsicherheit ob dem was die Zukunft wohl bringen mochte, nichts zu deuteln.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Tatsächlich aber schufen die Einführung einer neuen Zivilrechtsordnung, des sogenannten "Code Napoleon", die Aufhebung der traditionellen, zünftischen Wirtschaftsordnung und die Reorganisation des Verwaltungswesens auch erst jene Voraussetzungen, die es Mülheim und dem gesamten Ruhrgebiet schließlich ermöglichten, zu dem wohl bedeutendsten schwerindustriellen Zentrum Europas aufzusteigen.

Auch diese Entwicklung erwies sich für das Ruhrgebiet und Mülheim als ungemein folgenreich. Neue Gewerbe siedelten sich an, der Bergbau expandierte und 1849 geschah es in Mülheim an der Ruhr, dass der deutschlandweit erste mit Koks statt mit Holzkohle befeuerte Hochofen in Betrieb ging.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Die städtische Gesellschaft wandelte sich. Neue Berufsgruppen tauchten auf und dominierten die Erwerbslandschaft: Bergleute und Eisen- und Stahlarbeiter gab es immer zahlreicher. Zugleich stieg das eher traditionelle Mülheimer Ledergewerbe zur Weltgeltung auf, während die Hochzeit der Ruhrschifffahrt spätestens mit dem Aufkommen der Eisenbahn in der Region ihren Zenit überschritten hatte.

Über all diese Wandlungen und sozialen Verwerfungen hinweg blieb Mülheim auf seinem Weg zum Industriestandort im Bewusstsein seiner EinwohnerInnen jedoch stets der vertraute Flecken Erde, die liebgewonnene Heimatstadt und das vertraute Lebensumfeld.

In diesem Sinne feierten die Mülheimer 1908 das 100-jährige Jubiläum in gewisser Weise auch als Selbstvergewisserung, dass aus dem eigentlich recht nüchternen Verwaltungsakt der Stadterhebung dennoch ein kollektives, stadtbürgerliches Selbstbewusstsein der Bürger und Bürgerinnen erwachsen war.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Ohne Zweifel waren die offiziellen Feierlichkeiten vor 100 Jahren in erster Linie eine Selbstbespiegelung des Mülheimer Patriziats von Kaufleuten, Unternehmern und sonstigen städtischen Honoratioren, an dem die breite Masse der Bevölkerung kaum Teilhabe hatte.

Doch auch diese nicht unbedeutende Einschränkung vermag nicht infrage zu stellen, dass die Stadt und ihre Einwohner in einem eigentümlichem Liebesverhältnis einander zugetan waren.

Waren schon die ersten 100 Jahre wie geschildert von stetem und nicht selten tiefgreifenden Wandel geprägt, so muss man aus der Perspektive des Jahres 2008 – leider – feststellen, dass das 20. Jahrhundert unserer Stadt und ihren Menschen wohl noch mehr zugemutet hat, als selbst das 19. es vermocht hatte.

Der Erste Weltkrieg brachte erstmalig in der Geschichte den Krieg vom Schlachtfeld in die Häuser und Wohnungen der Menschen hinein. Zwar noch nicht unmittelbar wie im Zweiten Weltkrieg mit seinen verheerenden Bombenangriffen auf das schwerindustrielle Ruhrgebiet, doch deshalb für die Menschen nicht weniger dramatisch. Die radikale Ausrichtung der gesamten deutschen Wirtschaft auf Rüstungsproduktion und die Folgen der alliierten Seeblockade führten zu erheblichen Lebensmittelengpässen, die ihren Höhepunkt im sogenannten "Steckrübenwinter" hatten.

Stadtjubiläum. 200 Jahre Stadt Mülheim an der Ruhr.Festakt zum Stadtjubiläum. Festliche Inszenierung von 200 Jahren an der Ruhr, Theatersaal und Foyer der Stadthalle. 18.02.2008Foto: Walter Schernstein

Nach Ende des Krieges kostete die grassierende "spanische Grippe" auch in Deutschland schließlich zahllose von schlechter Ernährung ohnehin erheblich geschwächte Menschen das Leben.

Nach dem Zusammenbruch der monarchischen Ordnung und dem Ende des Kriegs war Mülheim eine Hochburg der kommunistischen Arbeiterbewegung. In den folgenden Jahren, geprägt von einer chronisch krisenanfälligen Wirtschaft, französischer Besatzungsherrschaft und politischer Radikalisierung im Angesicht des Aufstiegs des Nationalsozialismus, zeigte Mülheim jedoch auch ein anderes Gesicht. Neben einer starken, jedoch gespaltenen Arbeiterbewegung verfügte Mülheim auch über eine starke Zentrumsbewegung.

Zugleich aber war die Außenwahrnehmung der Stadt geprägt durch die zahlreichen Unternehmer-persönlichkeiten, die in Mülheim ihren Wohnsitz hatten. Dass Mülheim nicht zuletzt wegen deren massierter Präsenz und extrem konservativen politischen Ansichten auch als "rheinisches Potsdam" beziehungsweise "Potsdam an der Ruhr" Bekanntheit erlangte, gehört auch zu den – freilich weniger rühmlichen – Aspekten unserer Stadtgeschichte. Tatsächlich reichte die antidemokratische Gesinnung mancher Unternehmer so weit, dass sie sogar bereit waren, mit dem Nationalsozialismus zu paktieren, um ihre autoritären Vorstellungen von Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung durchsetzen zu können.

Und so muss man wiederum von 2008 aus gesehen zu dem Schluss kommen, dass wohl kaum ein Ereignis so folgenreich für diese Stadt gewesen ist, wie die NS-Herrschaft und der von ihr begonnene Krieg, der schließlich in Form von Luftangriffen auf jenes Land zurückfiel, von dem er ausgegangen war. Als der Krieg 1945 mit dem Untergang des "Dritten Reiches" endlich zu Ende gegangen war, lagen in Mülheim wie in zahlreichen anderen deutschen Städten weite Teile insbesondere der Innenstadt in Schutt und Asche. Das alte Mülheim existierte nicht mehr; es hatte ein Stück seines Gesichtes verloren.

Doch weit mehr noch hatte sich verändert: Die Einwohnerschaft war nicht mehr die gleiche, die sie vor 1933 gewesen war. Mit seiner jüdischen Einwohnerschaft, die in den Jahren der NS-Diktatur aus Deutschland floh oder aber der Vernichtungspolitik zum Opfer fiel, verlor Mülheim ein Stück seiner eigenen Identität. Ein Verlust, der über die bloße Zahl an Schicksalen, die mit diesem furchtbaren Kapitel verbunden sind, weit hinausreichte.

Auch wenn wir heute wissen, dass es so etwas wie eine Stunde Null im Sinne eines völligen Neubeginns nicht gegeben hat – wie auch, schließlich waren es dieselben Menschen, die nach Krieg und Niederlage den Wiederaufbau zu bewältigen hatten – so muss man doch in Rechnung stellen, dass viele Zeitgenossen, die Jahre zwischen 1945 und 1949 genau so empfunden haben.

Zurückgeworfen auf die Bewältigung des Alltags, die Ernährung der Familie, nicht selten in der Ungewissheit lebend, wie es nahen Verwandten ergangen war, begannen die Mülheimer, ihre Stadt wieder aufzubauen.

Und wiederum verlor die innige Zuneigung aller Mülheimer und Mülheimerinnen zu ihrer Stadt nichts von ihrer Intensität. Vielmehr zeugten auch die Wiederaufbauten von einem ungebrochenen Mülheimer Selbstbewusstsein, das bis in die 1960er und 1970er Jahre hinein von der festen Überzeugung eines ungebrochenen Bevölkerungs-wachstums unserer Stadt getragen war.

In dieser Erwartung, dass Mülheim einst eine Heimat für mindestens 220.000 Menschen sein werde, wurden Stadt- und vor allem Verkehrsplanung entsprechend dimensioniert. Die Iduna-Hochhäuser, mit denen wohl beinahe jeder Bewohner und jede Bewohnerin unserer Stadt in inniger Hassliebe verbunden ist, symbolisierten einerseits den großstädtisch-urbanen Anspruch der sympathischen Stadt an der Ruhr. Andererseits sind sie heute auch Zeugen einer Stadtentwicklungspolitik, die nach gegenwärtigen Maßstäben nur als unglücklich bezeichnet werden kann.

Doch, wie schon eingangs erwähnt, ist Politik der Versuch, mit den Antworten und Erfahrungen von gestern und heute die Fragen von morgen und übermorgen zu beantworten. Wer ahnte seinerzeit schon etwas von einem demographischen Phänomen namens "Pillenknick"? Wer konnte voraussehen, dass dank der Endlichkeit der irdischen Ressourcen der Anfang vom Ende des automobilen Zeitalters so rasch kommen würde? Und wer ging seinerzeit davon aus, dass aus den als "Gastarbeitern" auch nach Mülheim gekommenen Menschen, ihren Kindern und Enkeln einmal ein fester und dauerhafter Bestandteil unserer Stadtgesellschaft werden würde?

Eine Antwort auf diese rein rhetorischen Fragen zu geben, ist überflüssig, denn Sie alle kennen sie schon: Niemand hat dies vorausgesehen oder auch in dieser Form voraussehen können. Allein, es entbindet uns, die wir heute mit den Folgen der Weichenstellungen von gestern und vorgestern zu leben haben, nicht von der Pflicht, uns diesem Erbe zu stellen. Und: Manche Entwicklung wurde ja auch richtig erkannt. Es wurden Entscheidungen getroffen, und so kann man bereits seit einigen Jahren unwiderlegbar feststellen, dass die Vision Willy Brandts vom "blauen Himmel über der Ruhr" inzwischen tatsächlich Wirklichkeit geworden ist. Weithin sichtbares Zeichen dieser Entwicklung ist das MüGa-Gelände, das aus einer alten Industriebrache ein Naherholungsgebiet inmitten der Stadt geschaffen hat.

Ohne Frage war auch diese Entwicklung keine reine Erfolgsgeschichte, denn die Verbesserung der Lebensqualität und die Wiedergutmachung an der Natur sind ohne den enormen wirtschaftlichen Umbruch, der so oft mit dem bekannten Begriff des "Strukturwandels" umschrieben wird, nicht vorstellbar gewesen. Insofern ist mit dem "blauen Himmel über der Ruhr" untrennbar verbunden, dass die Steigerung der Lebensqualität hier im Revier erkauft war durch Zechensterben, Arbeitsplatzverluste, Arbeitslosigkeit und Abstiegsängste.

Insofern ist es leicht gesagt, dass unsere Stadt im regionalen Vergleich noch am besten mit den Folgen der wirtschaftlichen Umbrüche zurechtgekommen ist – Mülheim war schon in den 1960er Jahren die erste zechenfreie Stadt im Revier. Wer von den Folgen dieser Entwicklung direkt und persönlich betroffen war, dem konnte die relative Unbeschadetheit seiner Stadt insgesamt kaum ein Trost sein.

Doch auch trotz jener Schicksale haben die Stadt und ihre Menschen sich nicht grundlegend verändert. Ganz egal, ob Mülheim ein Standort der Montan- und Schwerindustrie war, ob die Stadt sich zum Standort von Wissenschaft und Technologie gewandelt hat oder ob sie vielleicht demnächst gar Hochschulstandort werden sollte: den Menschen war immer bewusst, dass Mülheim immer noch Mülheim geblieben war! Eine kleine und überschaubare Großstadt, in der vielleicht nicht alle, aber doch viele sich untereinander kennen und wo so manche neu entdeckte, gemeinsame Bekanntschaft beinahe selbstverständlich mit den Worten kommentiert wird: "Mülheim ist halt ein Dorf…"

Als die Stadt und ihre Menschen vor 100 Jahren den ersten großen, runden Geburtstag Mülheims feierten, waren die Bürger und Bürgerinnen bestenfalls als Zuschauer beteiligt. Heute, 2008, geht ein Großteil des Festprogramms auf Initiativen aus der Bürgerschaft zurück. Viele Mülheimer und Mülheimerinnen haben mit ihrer Beteiligung an den Planungen, mit ihren Ideen, ihren Anregungen und ihren Vorschlägen bewiesen, dass sie nach wie vor existiert, die innige Verbundenheit der Menschen mit ihrer Stadt.

Und genau diese Verbundenheit, ja Liebe ist es, die Mülheim geholfen hat, letztlich noch jede Krise, jede Veränderung, jeden Umbruch zu bewältigen, ohne dabei die eigene Identität aufzugeben.

Sie sehen also, dass Wandel und Veränderungen stets gegenwärtig sind. Stets bleibt alles anders, doch zumeist wird die Existenz von Wandel erst dann spürbar, wenn er plötzlich, tiefgreifend und weithin sichtbar auftritt.

Von solch revolutionären Epochen, deren letzte wohl die tiefgreifende Zäsur des Zweiten Weltkriegs war, möge diese Stadt in Zukunft verschont bleiben.

Unsere gemeinsame Aufgabe als Bürger und Bürgerinnen dieser Stadt ist es deshalb, die notwendigen Veränderungsprozesse zu gestalten. Neben vorrangig städtebaulichen Veränderungen, zu denen auch der Bau des neuen Quartiers am Wasser und die Ruhrpromenade gehören, stehen weitere Veränderungen an, die keine architektonischen Spuren hinterlassen. Sie betreffen vielmehr unmittelbar den täglichen Umgang der Menschen in der Stadt, also die Stadtgesellschaft als Ganzes. Hier geht es um die eng miteinander verflochtenen Themen Bildung und Integration. Unsere gemeinsame Anstrengung muss dem Ziel gelten, allen jungen Menschen in dieser Stadt eine möglichst gute Chance für ein gutes, erfolgreiches und zufriedenes Leben zu bieten.

Bildung ist dabei der Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage des 21. Jahrhunderts. Dies gilt insbesondere für die Kinder und Enkel jener Menschen, die aus anderen Ländern in unsere Stadt kamen und inzwischen selber hier heimisch geworden sind. Bildung und Spracherwerb sind die Grundvoraussetzungen für ein friedvolles, gleichberechtigtes und auskömmliches Miteinander aller Menschen in dieser Stadt.

Dabei betone ich ausdrücklich, dass Integration nicht nur interkulturell wirken muss, sondern auch ein alle Generationen betreffendes Unterfangen ist. Es gilt, angesichts einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung für ein auskömmliches Miteinander von Alt und Jung in der Stadt zu sorgen.

Doch – und damit will ich an dieser Stelle den Ausblick beschließen – beginnen wir bei diesen Themen nicht von Null. Unter reger Beteiligung interessierter Bürger und Bürgerinnen sind in den vergangenen Jahren bereits Initiativen zur Bewältigung dieser Aufgaben auf den Weg gebracht worden.

Insofern ist der heutige Tag, ja das gilt eigentlich für das ganze Jahr 2008, durchaus ein Moment des Innehaltens und der Selbstbesinnung. Dies ist richtig und wichtig, meint aber nicht, dass 2008 ein Jahr des Stillstands wäre, denn, wie schon gesagt, es "bleibt alles anders…" – immer und überall. Und: "Zukunft gestalten" heißt in der Rückschau "Geschichte machen".

Ihre Geschichte machen die Menschen bekanntlich selbst, und daher wird über das Wohl und Wehe unserer Stadt einmal mehr durch die Mülheimer und Mülheimerinnen selber entschieden.

Meine Hoffnung ist es daher, dass wir alle, die wir in unserer Heimatstadt zusammen leben, die vor uns liegenden Aufgaben gemeinsam bewältigen. Hierzu möchte ich zwei Bemerkungen machen – traditionell eine gute und eine auf den ersten Blick nicht ganz so gute.

Die erste lautet mit Blick auf die ersten 200 Jahre Stadtgeschichte: Wer diese zwei Jahrhunderte schlussendlich so erfolgreich gemeistert hat, dem muss vor der Zukunft nicht bange sein.

Und zweitens füge ich hinzu: letztlich haben wir alle zusammen auch gar keine andere Wahl, denn wirkliche Alternativen zu einer gemeinsam gestalteten Zukunft gibt es nicht. Etwas anderes als ein friedvolles Zusammenleben aller Menschen kann niemand wirklich ernstlich wollen.

Oder wie schon der Philosoph Karl Popper sagte: "Alles Leben ist Problemlösen!" Also, lassen Sie uns über die Lösungen reden!

Wie Sie schon vorher wussten, hat Mülheim Geschichte -, sogar eine, die weit über den Gründungsakt von 1808 hinausreicht. Mülheim hat Zukunft – und davon bin ich fest überzeugt, - eine, die über die nächsten 200 Jahre hinausreichen wird.

Wer dann an dieser Stelle am 18. Februar 2208 stehen und Rückschau halten wird, vermag keiner von uns zu sagen. Wenn Sie mir aber gestatten, einen Wunsch zu äußern, was in der Festrede meines Nachfolgers oder meiner Nachfolgerin 2208 stehen sollte, dann wäre es dies: "Die Stadt und ihre Bürger haben es auch nach 2008 vermocht, Mülheim als liebens- und lebenswerte, solidarische Großstadt mit Herz zu bewahren, und die Herausforderungen des vielfältigen gesellschaftlichen Wandels am Beginn des 21. Jahrhunderts erfolgreich zu bestehen."

Für die nächsten 200 Jahre wünsche ich unserem "alten Mädchen" alles erdenklich Gute und sage uns allen ein herzliches "Glückauf"!"

Kontakt


Stand: 22.02.2008

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