Rückblick auf die Veranstaltung mit Professor Klaus Hurrelmann

Berufstätige Eltern – glückliche Kinder - Professor Klaus Hurrelmann referierte über „Eltern im Zeit-Stress?!“

So mancher Gast traute seinen Ohren nicht: Die meisten Kinder in Deutschland befürworten es, dass beide Eltern arbeiten. Das hat der renommierte Bildungs- und Familienforscher Professor Klaus Hurrelmann herausgefunden. Viele berufstätige Eltern plagt ein schlechtes Gewissen. Das ist aber unnötig, denn 80 Prozent der Sechs- bis Elfjährigen sind sehr zufrieden oder ziemlich zufrieden mit ihrer Lebenssituation. Mit solchen Erkenntnissen überraschte Hurrelmann, der auf Einladung des Mülheimer Bündnisses für Familie in der Evangelischen Familienbildungsstätte zu Gast war, sein Publikum. 

Das Mülheimer Bündnis für Familie hatte anlässlich seines zehnten Geburtstags zu der Veranstaltung unter dem Titel „Eltern im Zeit-Stress?!“ eingeladen. Oberbürgermeisterin und Kuratoriumsvorsitzende Dagmar Mühlenfeld blickte in ihrer Begrüßung auf die Arbeit des Bündnisses zurück und betonte: „Wir haben uns im Kuratorium im vergangenen Jahrzehnt immer wieder mit den vielen Facetten des Themas Zeit beschäftigt.“

10 Jahre Mülheimer Bündnis für Familie. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Prof. Dr. Klaus Hurrelmann zum Dialog: Eltern im Zeit-Stress.

Fotos: Walter Schernstein

So habe das Bündnis unter anderem familienfreundliche Arbeitgeber ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf für ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eingesetzt haben. Es sei im Kuratorium auch um Kinderbetreuung und Ganztagsschulen gegangen und um die Frage, wie Zeitstrukturen besser aufeinander abgestimmt werden könnten.

Mit der Einladung zum Vortrag von Professor Hurrelmann wolle das Bündnis einen weiteren Impuls in die Stadtgesellschaft hinein geben. „Die Zeit-Frage ist für uns entscheidend, denn was Familien am Nötigsten brauchen, ist Zeit miteinander“, so die Oberbürgermeisterin.

Professor Klaus Hurrelmann gelang es, die Ergebnisse der jüngsten AOK-Familienstudie mit den Ergebnissen der „World Vision Kinderstudie“ in Zusammenhang zu bringen. Während die AOK-Studie aus der Sicht der Eltern berichte, fasse die „World Vision Kinderstudie“ das Lebensgefühl der Kinder zusammen.

Den meisten Eltern und Kindern geht es gut

Und beide Studien kommen zu einem ähnlichen Ergebnis: Über 90 Prozent der Eltern sind mit ihrer Lebenssituation zufrieden und glauben, dass es ihren Kindern gut geht. Fast ebenso viele Kinder sind mit ihren Eltern sehr zufrieden. „Das ist ein großes Kompliment für die Eltern“, so der Senior Professor der Hertie School of Governance in Berlin.

Weniger zufrieden mit ihrer Situation und hoch belastet seien die Alleinerziehenden. Und deren Kinder bestätigen diese Selbsteinschätzung. Ähnliches gelte übrigens auch für arbeitslose Eltern und deren Kinder. Mit der Unzufriedenheit und der alltäglichen Belastung einher gingen auch gesundheitliche Probleme, die diese Gruppen besonders beträfen.

Hurrelmann hob hervor, dass sich 90 Prozent der Eltern „erziehungssicher“ fühlten und gut für ihre Kinder sorgen könnten. Ein „allgemein bekanntes Geheimrezept“ für ein erfülltes Familienleben seien feste Regeln und Rituale“, so der Referent. Eine regelmäßige gemeinsame Mahlzeit, bei der die Eltern den Kindern ihre ungeteilte Aufmerksamkeit schenkten, sei ein kaum zu unterschätzender Schatz.

Im vergangenen Jahr, so Hurrelmann, habe es in Deutschland eine „kleine Revolution“ gegeben. Erstmals habe es mehr Familienhaushalte gegeben, in denen beide Eltern arbeiteten als Alleinverdiener-Haushalte. Diese Entwicklung werde weiter voranschreiten und bringe für die Eltern natürlich auf der Zeitachse eine höhere Belastung mit sich. Viele Mütter und Väter empfänden chronische Zeitknappheit und beklagten, zu wenig Zeit für sich selbst zu haben. Auch hier sei die Gruppe der Alleinerziehenden besonders unter Druck und die Arbeitgeber mit innovativen Arbeitszeitmodellen am Zug.

„Unsere Fördersysteme und die Arbeitswelt sind auf die Alleinerziehenden nicht eingestellt“, bemängelte Hurrelmann. Hier seien Veränderungen nötig, denn die Familienformen würden bunter und die Zahl der klassischen Kleinfamilien nehme jedes Jahr weiter ab. Fast ein Drittel der Kinder lebe nicht mehr in einer traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie mit verheirateten Eltern. „Wir müssen aufpassen, dass wir keinen Familientyp diskriminieren“, warnte der Familienforscher. Das sei gerade für die Kinder sehr wichtig.

Netzwerke für Familien

10 Jahre Mülheimer Bündnis für Familie. Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Prof. Dr. Klaus Hurrelmann zum Dialog: Eltern im Zeit-Stress.Er warb dafür, Familien in breite soziale Netzwerke einzubinden und Eltern bei der Erziehung dort Unterstützung zu geben, wo diese nötig sei. Die meisten Eltern kämen gut zurecht und bräuchten nur hier und da einmal Hilfe. „Aber rund 20 Prozent schaffen es nicht alleine, sie sind überfordert“, sagte Hurrelmann.

Er sprach sich für eine enge Kooperation und Partnerschaft von Elternhaus und öffentlichen Einrichtungen wie Kitas und Schulen aus, um den Kindern die bestmögliche Förderung zuteil werden zu lassen. „Elternführerscheine“ oder verbindliche Elternkurse halte er für zielführend. Diese sollten kostenfrei sein, bestenfalls sollten die Eltern sogar Geld dafür erhalten, wenn sie an solchen Kursen teilnähmen, provozierte der Referent. Allerdings dürften solche Angebote die Eltern nicht belehren, sie müssten vielmehr den Austausch zwischen Eltern und professionellen Erziehern und Pädagogen sicherstellen.

Folgerichtig müsste der Staat in die öffentliche Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsinfrastruktur investieren, statt eine weitere Erhöhung des Kindergeldes zu diskutieren, so Hurrelmann, der sich auch vehement für den weiteren Ausbau des gebundenen Ganztagsunterrichts aussprach.

„In unserem Gemeinwesen ist traditionell vieles den Eltern überlassen. Sie sollen entscheiden, was für ihr Kind gut ist“, erklärte der Bildungsfachmann. Allerdings sei damit nicht gewährleistet, dass pauschal gewährte Unterstützung wie das Kindergeld auch tatsächlich bei den Kindern ankomme.

Eltern entlasten und fortbilden, Kinder fördern und familienfreundlichere Arbeitszeitstrukturen finden, wenn dies gelänge, dann sei die Basis dafür gelegt, dass es Familien gut gehe, so das Fazit Hurrelmanns, der das Mülheimer Bündnis für Familie für die Auszeichnung familienfreundlicher Unternehmen ausdrücklich lobte.

Hurrelmanns Schlussfolgerungen wurden vom Publikum intensiv diskutiert. So könnten verbindliche Elternkurse den Zeitstress der Eltern vergrößern und es bestehe die Gefahr, dass sich Eltern zu sehr bevormundet fühlten, waren die zentralen Gegenthesen. Der Gast aus Berlin ermutigte die Anwesenden jedoch dazu, den direkten Austausch mit Müttern und Vätern zu suchen und gemeinsam nach dem besten und Weg für Eltern und Kinder zu suchen.

Weitere Informationen zu Professor Dr. Klaus Hurrelmann und den beiden Studien finden Sie auf den folgenden Internetseiten:

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Stand: 13.11.2014

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