Sally Nkrumah, mit Eltern aus Ghana und Anja Schmidt, mit deutschen Eltern. Beide junge Frauen sind so um die 20 Jahre jung und haben schon eine Menge gesehen in ihrem kurzen Leben. Kennen gelernt haben sie sich im Arbeitskreis Migration & Geschichte. Sally war dort, weil Stella Weber (Verein Love from Africa) sie mitgebracht hat. Anja war „beruflich“ da, denn sie macht 2009 und 2010 hier bei uns in der VHS und im Medienhaus ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur. Und weil beide eine ähnliche „Geschichte“ mitbringen, haben sie sich diese gegenseitig erzählt. Klaus Wichmann durfte zuhören und hat das aufgeschrieben.
Anja: „Ich bin in Berlin geboren.“
Sally: „Ich kam in Frankreich, in Toulouse zur Welt.“
Anja: „Schon als ich nur drei Monate alt war, kam ich nach Kenia, da war ich dann zwei Jahre lang. Mein Vater hat bei der Welthungerhilfe gearbeitet, am Viktoriasee. Aber von der Zeit weiß ich nichts mehr, war noch zu klein.“
Sally: „Mein Vater war schon in Frankreich und die Mutter kam aus Ghana nach, eine Art Familienzusammenführung. Ich habe daher zuerst Französisch gesprochen. Dann zogen wir nach Holland, bis zu meinem siebten Lebensjahr habe ich dann Niederländisch gesprochen. Ich habe noch einen Bruder und eine Schwester.“
Anja: „Von Kenia aus ging es dann nach Brandenburg, in ein ganz kleines Nest. Da haben meine Eltern ein Haus gekauft und meine Mutter hat eine Pension aufgemacht, mein Vater einen Bio-Bauernhof. Schon in der Grundschule lernte ich Englisch, später dann, am Gymnasium, kam Französisch dazu. Das lief alles ganz prima.“
Sally: „Mit sieben Jahren ging’s von Holland nach Hamburg, da bekam ich Schwierigkeiten, weil ich in der Schule nicht am deutschsprachigen Unterricht teilnehmen konnte. Erst in einem Hort für Kinder und Jugendliche, da habe ich dann spielerisch Deutsch gelernt, aber mit dem Schreiben in Deutsch habe ich mich immer noch sehr schwer getan. Meine beste Freundin war eine Türkin. Und ab meinem neunten Lebensjahr waren wir in Essen zuhause. Die Probleme mit Deutsch gab es immer noch, meine Lehrerin hat mir einen Sonderunterricht vermittelt, dann hat es geklappt.“
| Fahrt der Klasse 7 der Gesamtschule Essen-Vogelheim nach England, 2001. In der Mitte oben die Lehrerin, mit deren Hilfe Sally besser Deutsch lernte |
Aber hier im Ruhrgebiet wurde ich dann wegen meiner Hautfarbe von einem Mitschüler beschimpft. Ein anderer ist auch mit seinem Hund hinter mir hergelaufen. In der Nähe wohnten Rechtsradikale, die haben mich angeschrieen und eingeschüchtert. Die haben mich richtig fertig gemacht, habe geweint und wollte nicht mehr zur Schule. Das ging auch auf der weiterführenden Schule so. Erst eine Lehrerin hat für Ordnung gesorgt, ein Junge musste mir als Entschuldigung eine Uhr mit Kaugummi kaufen, darüber habe ich mich gefreut.“
Anja: „Mit 13 Jahren kam ich nach Burundi. Das ist ein ganz kleiner Staat, nicht größer als Nordrhein-Westfalen, in Ostafrika. Mein Vater war mittlerweile bei der Europäischen Kommission. Wir wohnten in der Hauptstadt, in Bujumbura. Mein Englisch hat mir geholfen, in Französisch bekam ich Privatunterricht. In meiner Schulklasse waren Kinder mit zehn unterschiedlichen Nationalitäten.
Ich hatte Befürchtungen, als einzige Weiße unter Schwarzen in der Schule zu sein, das war dann aber nicht so. Aber wenn man in der Stadt fuhr, dann war das schon sehr unangenehm, als weißes Mädchen von den schwarzen Männern angegafft zu werden.“
Sally: „Ich habe hier in Deutschland immer gedacht: Hoffentlich ist da noch ein Schwarzer, oder zumindest eine Migrantin. Dann bin ich nicht allein. Und immer gab es da so blöde Sprüche, wir würden in Afrika nackt rumlaufen, mit Blättern um die Hüfte, statt Kleider. Gut war, wenn man gemerkt hat, die sieht anders aus, spricht aber die gleiche Sprache, hat die gleichen Hobbies, macht den gleichen Sport.“
Anja: „Ich war mal auf dem Geburtstag einer burundischen Freundin, die außer mir nur Afrikaner eingeladen hatte. Das war dann schon etwas komisch, weil alle nur im Kreis saßen und nix sagten. Aber nicht wegen mir. Ich versuchte dann so gut ich konnte Konversation zu machen und dann sind wir auch irgendwann aufgestanden und haben uns amüsiert. Tagsüber sprach ich in Burundi immer Französisch, Zuhause dann aber Deutsch. Ich war dann zuletzt in Brüssel.“
| Anja lässt sich in Burundi Zöpfe flechten; ein Hilfsprojekt auf dem Land und das Wohnhaus Anjas in Bujumbura |
Sally: „Bei uns geht alles durcheinander, da spricht jeder wie er will, deutsch oder französisch. Als ich mal in Ghana war, mit 14 Jahren, da hat man gesagt, ich wäre gar nicht typisch für Ghana. Ich würde ganz anders laufen, mich ganz anders verhalten. Meine Mutter will wieder nach Ghana, da fühlt sie sich wohler. Ich mache hier mein Studium und den Abschluss, der gilt auch in Ghana, weiß aber noch nicht, was dann wird.“
Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im Juni 2010
Fotos: Anja Schmidt, Sally Nkrumah, Klaus Wichmann
| Anja Schmidt, geboren am 13.12.1990 in Berlin. Eltern sind Sibylle Klefinghaus und Andreas Schmidt, beide sind deutsche Staatsbürger. Ihre Mutter ist Krankenschwester, hat Ethnologie studiert und ist Autorin. Der Vater hat Landwirtschaft studiert und arbeitet zurzeit bei der Europäischen Kommission in Brüssel als Handelsreferent. Beide wohnen in Brüssel und in ihrem Haus in Brandenburg. Anja Schmidt wohnt im Moment in Essen, macht ihr Freiwilliges Soziales Jahr Kultur in der Stadtbibliothek und der Volkshochschule in Mülheim an der Ruhr. Anja will in viele Länder reisen. | |
| Sally Nkrumah, geboren am 26.05.1988 in Toulouse. Die Eltern sind in Ghana geboren und haben beide die französische Staatsbürgerschaft. Sally wohnt im Moment in Deutschland und studiert in Essen Wirtschaftswissenschaften. Sie will viel reisen und die Welt entdecken. |
* „Sichtbare Minderheit“: Dieser Begriff wurde in Kanada geprägt. Das Gesetz zur Gleichbehandlung am Arbeitsplatz (Employment Equity Act) von 1996 definiert so genannte „sichtbare Minderheiten“ als Personen, die weder Ureinwohner noch von kaukasischer Abstammung (AdR: Europäer) oder weißer Hautfarbe sind.
| Fischer auf dem Tanganjikasee in Burundi |
Einer der kleinsten Staaten in Afrika und sehr dicht besiedelt, 8,7 Mio. Einwohner, es wird Französisch und Kirundi gesprochen. Mit 28.000 qkm ca. so groß wir Nordrhein-Westfalen, Hauptstadt Bujumbura. Burundi liegt mitten im Ostafrika zwischen dem Viktoria- und dem Tanganjikasee, er ist 60 mal so groß wie der Bodensee. Die Berge sind bis 2.700 m hoch, das Klima ist tropisch-wechselfeucht.
Staat in Westafrika am Atlantischen Ozean, früher Goldküste genannt, mit 240.000 qkm fast 9 mal so groß wie Burundi, 24 Mio. Einwohner, Amtssprache ist Englisch. Die Hauptstadt ist Acra. In Ghana leben bis zu hundert unterschiedliche Ethnien mit einer facettenreichen Kultur. Mit dem Volta-See hat Ghana den größten vollständig künstlich angelegten Stausee der Welt, es gibt tropische Regenwälder, das Land ist reich an wertvollen Bodenschätzen.
(Redaktion: Klaus Wichmann; Quelle Fotos: Wikipedia)
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