Sinter Mätes Vügelsche

"Papperlapapp!" sagte der reiche Rentner Meiser zu seiner Mülheimer Waschfrau Silberkuhl, die breit und behäbig vor ihm stand und sich den Seifenschaum kunstgerecht von den roten Armen strich. "Das verrückte Martinssingen sollte man auch abschaffen. Das sind solch überlebte Sachen, bei denen sich kein Mensch was denken kann. Bei uns in Danzig, da kannte man solches Getriebe nicht. Ja, bei uns in Danzig... - "

Jetzt war Frau Silberkuhl in Stellung gegangen. Ihre Lippen befanden sich schon vorher in zitternder Bewegung, ihr Augenlider hoben und senkten sich während des Rentners Rede wie die pumpenden Flügel eines Maikäfers vor dem Auffliegen.

"Nu schlohn doch Gott dänn Döiwel doad!... Bei uns in Danzig..., bei uns in Danzig!... We-i sind doch hie in Möllem, un we-i dinken us ouk watt derbe-i, ja, nä, jo, ja,nä. Hebb"che dann noch niemols watt gehurt van dän frumme Martin, dänn sinnen Böis an en armen Bedeler gegewen het, dänn ke-inen hatt? Un et wur doch am friere, datt de Kraihe vam Daake fielen, ja, nä, jo, nä ich sägg ouk: Et giew Lüht, die höre nit gähn watt van Almosegewe. Jo, die häwwe Schwiel om Hatte!... "

Der Rentner Meiser hatte vor dem Wortgeprassel der angriffslustigen Mülheimerin erst wie abwehrend seine Arme erhoben. Als die in ihrem Heiligsten verletzte Waschfrau, deren Platt er gar wohl verstand, immer deutlicher wurde, brachte er schnell die Tür zwischen sich und die Scheltende, an deren robustem, bodenständigem Wesen er sich gerne rieb. Wenn sie in seiner Waschküche hantierte, konnte er nicht in seinen Garten gehen, ohne ein paar spitze Worte nach ihr geworfen zu haben. Die butte Mülheimerin gab ihm aber allemal Wort und Stich schlagkräftig zurück. Schoß er mit Pfeilen, so schoß sie mit Kugeln, derben, alten Steinkugeln, die bei dem Rentner immer ihre Wirkung taten und Spuren hinterließen, wenn auch nicht so sichtbar wie an der Mauer des Schlosses Broich, in der noch heute solche Kugeln stecken.

Der Rentner Meiser war nicht für den herzhaften Mülheimer Martinsbrauch geschaffen. Sein Martinslied waren die Kursberichte, sein Atem Geldgeschäfte, sein Lebensblut war das Geld. die innere Kälte schien das Äußere des Mannes gefroren zu haben. Daher die steifen Beine, das grimmige gefaltete Gesicht, die bläulichen Lippen. Wie Reif lag es auf seinen Augenbrauen und auf seiner Oberlippe. Seine Stimme klang wie das Bellen eines Hundes, der Blick seiner Augen wirkte besonders auf die Kinder beängstigend, und kein Mensch bot dem alten Geizkragen freundlich die Tageszeit, höchstens zwangen sich seine Schuldner dazu. Kein Bettler wagte es, ihn um eine Gabe anzuhalten, kein Kind, ihn nach der Zeit zu fragen, kein Fremder ließ sich von ihm den Weg weisen.

Aber den Rentner Meiser störte das nicht. Er hatte zu Hause einen Zauberschrank, der sein Sinnen und Trachten ganz gefangen nahm. Seinen Schrank voll Geld, Schuldscheinen, Beschreibungen und Einlagequittungen. Dazu ein Zauberbuch, das sang ihm ein anderes Martinslied. Darin marschierten pausbäckige Ziffern, die schrien ihm, wann er's nur wollte, ins Ohr, wieviel Geld er hatte. Ei freilich, da glaubte der Rentner Meiser auf den Martinssang der Mülheimer Kinder verzichten zu können. Was brachte das denn ein? Das konnte höchstens etwas kosten. Und wenn er, der reiche Mülheimer Bürger, auch nur weniger gute Äpfel und Nüsse gekauft hätte, - es kostete doch Geld.

Geld hin, Geld her! Er haßte den Mülheimer Brauch. So ganz unbekannt war ihm das Martinssingen nicht, wenigstens nicht so unbekannt wie er der Waschfrau gesagt hatte. In seiner Jugendzeit hatte er einige Jahre bei den Mülheimer Großeltern verlebt. Bei ihnen und in ihrer Nachbarschaft das Sinter-Mätes-Lied mitgesungen. Merkwürdig, wie die Klänge aus der Mülheimer Jugend zeitweise wieder in seiner Seele aufflammten, ganz merkwürdig!

An stillen Sommerabenden, wenn draußen im Garten die Amsel sang, dann tönte plötzlich wie aus den Kindertagen von irgendwoher ihm in die Seele: "Wir treten auf die Kette." Helle, leuchtende Kinderstimmen! Ein Erschauern dazu wie vor einem Zauberhauch!

Und wenn der alte Meiser durch die naßkalten Herbstabende schritt, dann drang ihm als ein Klang aus Kindertagen das "Sinter-Mätes-Vügelsche" ins Herz, mahnend, tönend, aufrüttelnd!

Wie konnte sich nur der Kindersang in die kahlen und öden Tage seiner Geldgeschäfte hinein verirren?

Und endlich kam der Martinsabend, viel zu langsam für die Kindesungeduld, aber doch angelockt durch die Stimmen und Stimmchen, die schon seit Tagen allabendlich an ihrem "Sinter-Mätes" - Sang geübt hatten. Auf dem Scharpenberg, auf dem Dickswall, im Mellinghofer Bruch, auf dem Hagerfelde waren kaum die abendlichen Lichter aufgeflammt, als der uralte Martinssang wie schweres Glockenläuten durch den kühlen Herbstabend zog.

Mit einem Zauberschlag waren plötzlich alle Straßen belebt. Näher und näher kamen die singenden Kinderscharen dem Geschäftsviertel der Stadt. Eine besonders starke Singergruppe pflanzte sich vor dem Hause des Rentners Meiser auf und schmetterte das Heischelied, daß es klang wie ein Trompetenchor. Was half es, daß sich Meiser die Ohren zuhielt? Was half es, daß die Rolladen an seinen Fenstern niederprasselten? Immer wieder hub der Sang von neuem an:

"Hier wohnt ein reicher Mann,
der uns was geben kann.
Viel soll er geben,
lang soll er leben,
selig soll er sterben,
das Himmelreich ererben."

"Verfluchte Bande!" schrie der Rentner voller Wut über das Geschrei durch den Hausflur.

"Gieß ihnen Wasser über den Leib!
Werft ihnen faule Kartoffeln ins Maul!"

Abwartend blieb er stehen, als mit einem breiten Grinsen im polnischen Gesicht seine vom Osten stammende Magd Kathinka zwei Eimer Wasser herbeischleppte. Sie öffnete plötzlich die Haustür und schickte mit einem polnischen Fluch einen Wasserschwall über den singenden Kinderschwarm.

Da war ein Kreischen, Aufheulen und Auseinanderstieben! Vor der Haustreppe aber suchten sich die kleineren Mädchen und Knaben in dem Wasserpfuhl leise weinend und schluchzend zusammen.

Meiser schlug mit dem Stock auf den Flurbelag, drehte sich auf dem Absatz um und schritt durch seinen Garten zu stilleren Straßen. Als er die Gartenpforte schloß, schlug der Racheschrei der Enttäuschten gellend in sein Ohr:
"Giz, Giz, Giz! het nix!"

Der Rentner knirschte mit den Zähnen. Als wenn sich die Welt gerade heute abend gegen ihn verschworen hätte. Nun, er war ja glücklich entronnen, was konnte es ihn weiter kümmern?

Aber merkwürdig, ein Unbehagen hatte ihn gepackt, das ließ sich nicht bannen. Die tausend Kinderstimmen fern und nah, ganz Mülheim überhellend, brannten ihm schmerzhaft in die Seele. Das tausendfache Locken: "Gudd Frau, gewt us watt," verwirrte ihm die Gedanken. Jahrhunderte alte, geheimnisvolle Mächte schienen ihn zu umspinnen. War nicht er auch einmal ein Kind gewesen? Hätte nicht er als Kind am Martinsfest auch so herzhaft und eindringlich gesungen? Lang, lang war"s her, wohl 50 Jahre... bei der Großmutter in der Delle.

Wie lebhaft ihm der Martinsabend vor der Seele stand.

Wie traulich, wenn er mit den jungen Vettern und Bäschen im dunklen Hausflur des großmütterlichen Hauses zweimal das "Sinter-Mätes-Lied" von Anfang bis zu Ende heruntersang. Wenn dann plötzlich mit einer Fülle blendenden Lichtes die verhängte Tür aufsprang und von irgendwoher Äpfel, Birnen und Nüsse in die heischende Kindergruppe prasselten. Hatte sich das "Grabbeln und Grubbeln" dann endlich gesättigt, dann stand die gute Großmutter im Lichtrahmen der Tür, lachte ihr herzinniges Lachen: "Und nun kommt mal herein, ihr lieben Puten, Großmutter hat auch noch was Besonderes...!"

"Dass dich!" der Rentner schlug mit seinem Krückstock nach einem Hunde, der vorüberschlich.

Kräftiger scholl das Martinslied aus einer nahen Straße heraus: "Sinter Mätes" und "Sankt Martin". Meiser kannte die Legende wohl von dem heiligen Mann, der sich selbst des Mantels beraubte, um einen Armen zu bekleiden. Sonderbar, daß eine einzige gute Tat so viele Lungen zu Lob und Preis in Bewegung setzte, durch Jahrhunderte hindurch. Dieser Sankt Martin mußte doch wohl ein Leben voll Güte und Aufopferung für andere geführt haben, wenn das Volksbewußtsein sich so unauflöslich an sein Guttun klammerte.

"Wieviel Gutes hast du denn getan?"

Wer hatte das gesagt? Ganz verwirrt drehte sich der Alte um, aber nur schwarze Hausmauern gähnten ihn an. "Verflucht," murmelte Meiser, "ich hätte die Kleinen doch nicht mit Wasser beschütten sollen. Dieser Wasserpolacke, die Kathinka! Ein Gemüt wie ein Metzgerhund!" Der Rentner blieb stehen. War das dahinten nicht das baufällige Fachwerkhaus seiner Waschfrau, der alten Witwe Silberkuhl? Zum Kuckuck, war er denn so in Gedanken gewesen, dass er gerade hier landen mußte? - Da bog auch schon der Trupp der Singenden hinter ihm aus der Gasse hervor, leise, verstohlen, wie wenn man jemanden mit einer Liebesgabe überraschen will. Und stellte sich wahrhaftig vor der Haustreppe der armen Witwe Silberkuhl auf. Wie gebannt blieb der Rentner stehen. So spielte sich denn das ganze Schaustück vor ihm ab. Das Lied erscholl breit, behäbig, wie ein Lastkarren, der durch ausgefahrene Geleise fährt:

"Gudd Frau, gewt us watt,
Ahl die Hönnerkes legge watt!"

Ein milder Lichtschein quoll vom Fenster der Witwe aus um die Gesichter der singenden Kinder. Die kleinsten Mädchen und Buben standen auf der Treppe. Kleine Mädchen, deren Stimmchen sich überschlugen vor Freudegefühl. Rotglühende Pausbäckchen von innigem Entzücken gemalt. Selig blickende Unschuldsaugen! Und die kleinen Buben dahinter, dralle Jungen, die sich in Erwartungsfreude stolz aufreckten wie krähende Hähnchen.

"Pack wahl nit dernewe,
Se sall us wahl watt gewe!"

Da sprang plötzlich das Licht aus der geöffneten Haustüre über die fröhliche Singeschar. Wahrhaftig, da stand die Witwe Silberkuhl mit ihrem Marktkorbe im Heiligenschein des Türrahmens. Warf aus ihrer Armut voll Martins-Gebefreude mit zitternden Händen unter die bettelnde Schar. "Un hie, un do, un hie noch watt, un do noch watt. Un et scheint noch ni genug te sien." Die Witwe Silberkuhl drehte sich erregt um zu ihrer im Flur stehenden Tochter:

"Anneke, hol me doch dat kle-in Körwken ouk noch, et sind doch su völl liew Pöhste!"

So opferte die Arme fürwahr auch noch den Rest von Obst, den sie für sich und ihre Tochter zurückgelegt hatte. Da war es dem Rentner Meiser, als sei in seiner Brust etwas geschmolzen. Er stürzte mit einem ganz verklärten, aufgeregten Gesichte die Straße hinunter und zu seinem Hause. "Kathinka," brüllte er in seinem Hause treppauf, "hol mir das Obst herauf, das noch im Keller ist! Hol mir Äpfel! hol mir Nüsse! Hol mir Birnen! Heute feiern wir auch Sinter Mätes!"

Als Kathinka mit offenem Munde vor ihrem Herrn stand und nicht begriff, wie ihr geschah, da stieß er sie zur Kellertür hinein. Stand dann aufgeregt am Fernsprecher: "Ein Sack Äpfel..., ein Sack Nüsse..., nur schnell, schnell!"

An diesem Abend geschah, was die Mülheimer Jugend bis dahin noch nicht erlebt hatte. Es wurde allüberall reichlich gegeben, aber als man zuletzt auf Geheiß einer dicken Dienstmagd noch einmal vor Meisers Haus sang, da ergoß sich eine wahre Springflut von Martinsgaben über die bettelnde Singeschar. Als dann der Gabensegen vorbei war, reichlicher als irgendwo, da mußte die Jugend noch einmal von vorne singen: "Sinter Mätes Vügelsche."

Nach dem "Padsfut" fragte der Rentner von der Treppe herunter: "Ist auch jemand von euch heute hier naß geschüttet worden?" Worauf alle riefen, sie seien schon längst wieder trocken.

Bei der nächsten Wäsche im Meiserschen Hause wandte sich Frau Silberkuhl beim Mittagessen - es gab ihr Leibgericht, Sauerkraut mit einer ganzen Mettwurst - einigermaßen unmutig an Kathinka: "Ik we-it nit, wat den aulen Meiser vamorgen het. He üs vandag vall dre-imol an de Waschküke vorbe-igekommen un het me jedesmol en Oigsken tu geknepe. Un statt en ganz kle-in Stückske Woß, wie süß ümmer, sett`he`me verhaftig hiedä ganze Rängel Mettwoß vür de Nas. Ja, nä, jo, ja, nä, ick segg ouk: me wädd ut de Mannslüht nit kluk."

aus: K.Broermann: "Das Mülheimer Schelmenbuch", 1926

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Stand: 12.04.2017

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