Stimmen zum Projekt
Dagmar Mühlenfeld, Oberbürgermeisterin der Stadt Mülheim an der Ruhr
Das ganze Projekt ist bei Ihnen Chefsache. Wieso?
Ich bin gelernte Lehrerin und habe als Schulleiterin natürlich auch meine Vorstellungen darüber gehabt, wie Erziehung und Bildung in dieser Gesellschaft eigentlich aufgestellt sein müssten, nämlich ganz oben. Und da ist es mittlerweile angekommen in der bildungspolitischen Diskussion. Infolgedessen habe ich natürlich als Oberbürgermeisterin den Ehrgeiz, das für diese Stadt wirksam werden zu lassen.
Das Wort Early Excellence, was bedeutet das für diese Stadt?
Zukunft zu gestalten und diese Stadt zukunftsfähig zu machen. Das geht nur über die Potenziale, die die Menschen mitbringen. Und gleichzeitig wollen wir natürlich alle zu gesellschaftlicher Teilhabe befähigen. Wir alle die wir hier sind, müssen für die Zukunft dieser Gesellschaft arbeiten und dafür einstehen. Wir müssen darum ganz früh anfangen, so zu bilden, dass alle auch teilhaben können mit ihren Talenten, die sie mitbringen.
Wie ergänzt sich das mit dem Konzept der Familienzentren, das die Staatssekretärin hier vorgestellt hat?
Ich bin der Frau Staatssekretärin sehr dankbar, dass sie gesagt hat, das kann kein verkrampftes Verknüpfen sein oder es gibt nicht diese und jene Verbindung, sondern es müssen ja die Lösungen vor Ort den Bedingungen vor Ort angepasst sein. Der Blick ist der gleiche. Das macht die Sache so spannend. Die Familienzentren richten einen ganzheitlichen Blick auf eine städtische Gesellschaft, auf Kinder und Familien und das tun wir hier auch. Ein ganzheitlicher Blick auf Bildung heißt: Bildung möglichst früh, Bildung möglichst umfassend. Und immer mit dem Ausgangspunkt, das Kind in den Mittelpunkt zu stellen und dann zu fragen, was braucht das Kind, und dann die Strukturen anzupassen. Und nicht vorher Strukturen zu schaffen und zu glauben, dass die Kinder dann schon passen werden.
Was bedeutet das für die einzelnen Stadtteile?
Zunächst mal ist es eine grundsätzliche Entscheidung der Stadt, sozialraumorientiert die Stadt zu betrachten. So eine Stadt hat ja unterschiedliche Voraussetzungen. So wie die Menschen in den unterschiedlichen Stadtteilen sozial unterschiedlich zusammengesetzt sind, brauchen sie unterschiedliche Dinge. Wir haben in manchen Teilen mehr ältere Menschen, wir haben in anderen Teilen der Stadt mehr Menschen, die zu uns zugewandert sind. Sozialraumorientierung heißt: Weg von einem formalen Prinzip der Gleichartigkeit. Sondern die Stadtteile kriegen das, was sie brauchen, und das kann was anderes sein als in einem anderen Stadtteil. Und das wird sich niederschlagen auf die Strukturierung von Bildungseinrichtungen. Das wird sich niederschlagen auf die Strukturierung von Stadtteilarbeit insgesamt. Aber auch wenn wir Stadtentwicklungspolitik betreiben wollen, so löst der sozialraumorientierte Ansatz ein Prinzip ab, bei dem man versucht die ganze Stadt in den Blick zu nehmen und immer auszugleichen.
Profitieren dann nur sozial schwache Viertel oder die ganze Stadt?
Es soll die ganze Stadt davon profitieren, damit man dem eigenen Charakter des jeweiligen Sozialraums Rechnung trägt. Natürlich auch den Veränderungspotenzialen. Es kann ja sein, dass ein Stadtteil sich gar nicht so sieht, wie er ist und etwas anderes möchte. Das Beispiel, dass wir im Moment ein Stadtteilmanagement in einem Stadtteil, in Eppinghofen, eingerichtet haben, soll diesen Stadtteil dazu befähigen, seine Stärken wieder zu erkennen. Es gibt ein Idealbild von Stadt, aber das differiert von Stadtteil zu Stadtteil, oder von Sozialraum zu Sozialraum, was ja eigentlich noch ein kleinerer Fokus ist als der Stadtteil.
Welche Rolle spielt Migration in dem Konzept?
Migration ist ja zunächst eine Tatsache, der wir uns schon seit vielen Jahren ausgesetzt sehen. Wir feiern nächstes Jahr 200 Jahre Mülheim und wissen, das sind 200 Jahre Migrationsgeschichte im Ruhrgebiet. Also, Migration hat immer stattgefunden, aber die Aufnahmegesellschaft in den Städten hat immer noch nicht im Kopf klar, dass die Leute bleiben, die hier sind. Und deswegen müssen wir dafür sorgen, dass das was an Zuwanderungspotenzial und an kultureller Vielfalt hierhin gekommen ist, auch erstmal als solches wahrgenommen wird. Und dann kann man die Benachteiligungen, die daraus resultieren, dass nämlich Zuwandererkinder schlechter integriert sind und schlechtere Abschlüsse machen, aufknüpfen. Aber nur dann, wenn man dafür sorgt, dass sie erstmal alle ankommen und ihnen von vornherein Möglichkeiten der Teilhabe offeriert. Und dann können sie Teil werden. Insofern ist natürlich Bildung eine zentrale Voraussetzung, um Migration zu einem Bildungsfaktor zu machen und nicht einfach nur als eine Belastung für die Gesellschaft zu sehen.
Was leistet da das Projekt konkret?
Das müssen Sie mich natürlich in drei Jahren fragen. Aber das Projekt ist für mich im Prinzip so überzeugend, dass es sich mit meiner Vorstellung deckt, es kann nur über diesen Weg gehen. Möglichst früh, möglichst ganzheitlich und möglichst viel Bildung und das dauerhaft.
Denken nicht noch viele Leute, lasst die kleinen Kinder im Kindergarten doch Kinder sein, lernen müssen sie in der Schule noch früh genug?
Ja, das denken sicherlich viele. Das ist aber ein Bildungsbegriff, mit dem wir eigentlich nicht mehr arbeiten. Es gibt ja eigentlich nicht den Unterschied zwischen Kindheit und danach dem "Ernst des Lebens", wie man früher so gesagt hat. Sondern die Neugierde, die Welt sich anzueignen und zu verstehen, die ist bei jedem Kind von Anfang an da. Und deswegen sehe ich da keine Diskrepanz. Wir machen ja auch nicht einfach nur Verschulung nach vorne. Von daher sehe ich den Unterschied nicht mehr zwischen vorher der behüteten spielerischen Kindheit und dann der Bildung, sondern ich glaube, dass Bildung etwas sehr Motivierendes, sehr Kreatives ist und an sehr viel Spaß orientiert. Von daher halte ich es für den richtigen Weg.
Was soll am Ende dieses Weges stehen?
Dass viele andere Kindertagesstätten, die jetzt zuhörend teilnehmen, im Laufe dieses Prozesses durch intensiven Austausch viel gelernt haben, dass ein Schneeballeffekt in Gang kommt und dass sich die Kindertagesstätten alle in diese Richtung entwickeln. Die müssen nicht alle ein kleines Pestalozzi-Fröbel-Haus in Mülheim sein. Aber die müssen ihr eigenes Profil gefunden haben, für die Kinder, die ihnen in ihrem Sozialraum anvertraut sind, und für die Eltern, die dann natürlich auch aktiv mitarbeiten.
Dr. Marion Gierden-Jülich, Staatssekretärin im Ministerium für Generationen, Familie, Frauen und Integration des Landes NRW
Wie bewerten Sie das Projekt hier in Mülheim?
Ich bewerte das durchaus positiv, weil es eine große fachliche Nähe zwischen der Arbeit von Early Excellence Centres und Familienzentren gibt. Wir sagen, es kann nicht jede Kindertageseinrichtung Familienzentrum werden. Aber ich finde es auch richtig, dass man beim Thema frühe Bildung für Kinder auch mit anderen Konzepten noch versucht, da mehr Qualität hineinzubringen.
Das heißt, es ist eine Ergänzung zu dem was das Land macht?
Ich denke, es ist eine Ergänzung, eine gute Ergänzung, ja.
Wo liegen die Unterschiede zwischen Early Excellence Centres und Familienzentren? Sie haben sich das Konzept auch angesehen, aber nicht eins zu eins umgesetzt.
Die Ursprungsidee der Engländer bei der Errichtung dieser Zentren war, dass alles unter einem Dach zusammengefasst werden sollte, und dass es vor allen Dingen ein Konzept für sozial schwache Familien sein sollte. Dieses ist nicht unser Ansatz bei den Familienzentren. Es geht das Modell "Unter einem Dach", aber es gehen eben auch andere Modelle, nämlich intelligente Vernetzung unterschiedlicher Anbieter auf dem Feld der Familienhilfe, der Familienbildung, der Familienberatung mit den Angeboten, die eine Kindertagesstätte macht. Da liegt ein Unterschied. Und es liegt bei uns der Unterschied darin, dass wir den Anspruch haben, eben alle Familien zu erreichen in ihrem Stadtteil und allen Familien ein Angebot zu machen. Aber ich denke das sind jetzt, wenn Sie so wollen, Unterschiede in den Ressourcen, die man braucht. Wenn Sie das Konzept der Briten flächendeckend hätten machen wollen, das hätten die auch nicht regeln können.
Das Land wird weiter beobachten, was hier in Mülheim passieren wird?
Wir werden uns das anschauen. Ich wäre auch sehr daran interessiert, dass wir nach einer gewissen Zeit, vielleicht zur Halbzeit der Laufzeit dieses Projektes uns einmal austauschen, wo es Gemeinsamkeiten, wo es aber vielleicht auch Unterschiede gibt bei den Angeboten der Early Excellence Centres und der Annahme dieser Angebote, darauf kommt es mir an. Also mir geht es nicht nur um Angebote, sondern auch um die Frage, werden die dann auch angenommen von den Familien, und trägt das auch wirklich zu einer Stärkung der frühkindlichen Bildungsprozesse bei. Und da wäre ich auch gerne bereit, mich mit den Verantwortlichen hier in Mülheim auszutauschen.
Dr. Sabine Hebenstreit-Müller, Direktorin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses, Berlin
Wie sieht die Kooperation zwischen den Kindergärten hier in Mülheim und dem Pestalozzi-Fröbel-Haus konkret aus?
Wir haben es als Pestalozzi-Fröbel-Haus übernommen, die Qualifizierung zu machen, und zwar in erster Linie die Qualifizierung der Multiplikatorinnen, also Leitungen und Fachberatung. Und einmal im Jahr wird in Mülheim eine Veranstaltung stattfinden für alle Teams, so dass man dann noch mal die Möglichkeit hat, den Stand untereinander auszutauschen und gemeinsam also auch die Richtung weiter anzugehen.
Wie schätzen Sie das ein, dass eine Stadt wie Mülheim hier ihre ganz eigenen Konzepte entwickelt, auch neben den Konzepten des Landes?
Erstmal finde ich es toll, dass sich hier eine ganze Stadt auf den Weg macht, Early Excellence zu entwickeln. Ich denke, damit setzt man auch gerade bundesweit Signale in eine solche Richtung. Das zeigt deutlich, Bildung im Elementarbereich ist uns wichtig, hier wollen wir Akzente setzen. Und was das Verhältnis zum Modell "Familienzentren" angeht: Ich denke, das ist kein Programm daneben, sondern eines, das ganz wesentliche Aspekte der Familienzentren aufnimmt und faktisch als Early Excellence Qualitätsstandards setzt in diesem Feld.
Was sagen Sie denn Erzieherinnen, die sie fragen würden: "War das was wir bisher gemacht haben denn nicht gut genug?"
Das würde sozusagen das ganze Konzept konterkarieren und ad absurdum führen. Denn Early Excellence setzt darauf, Stärken und Kompetenzen zu entwickeln. Und wer die Kompetenzen von Kindern entwickeln will, der muss auch und gerade seine eigenen entwickeln. Das heißt, nur Einrichtungen, die in der Lage sind zu erkennen, was kann ich, wo bin ich gut, was sind meine eigenen Kompetenzen, die ich mit auf den Weg nehmen kann und die ich auch mit einbringen kann, sind überhaupt in der Lage, Early Excellence zu entwickeln.
Wird das Projekt auch auf andere Einrichtungen ausstrahlen, außer denen die sich an dem Pilotprojekt beteiligen?
Es ist so, dass das Modell Early Excellence mittlerweile ausstrahlt durch gute Beispiele, bundesweit auch ausstrahlt, und es viele Einrichtungen gibt, die diesen Weg gehen können. Und ich denke, es liegt in der Natur von Early Excellence, dass Einrichtungen, die hier etwas pilotartig entwickeln auch andere mitreißen, ausstrahlen in ihren Stadtteilen, ausstrahlen auf die Stadt und andere motivieren durch das gute Beispiel, indem sie zeigen, es geht, Early Excellence ist ein Modell, das ist praktikabel, das lässt sich umsetzen, andere motivieren, das Gleiche zu tun.
Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Wie verändert sich die Berufsausübung der Erzieherinnen, die sich an diesem Projekt beteiligen?
Ich glaube die Berufsausübung wird vielfältiger. Sie wird an vielen Stellen ganz andere Schwerpunkte bekommen, weil die Fragen der täglichen Selbstreflektion und des Versuchs zu verstehen, was das jetzt bedeutet und was daraus für neue Angebote für die Kinder gemacht werden, einen viel größeren Raum einnehmen werden. Was auch dazu führen wird, dass Erzieherinnen sich vielleicht unsicherer fühlen und immer daran arbeiten müssen, wie sie diese Unsicherheit und Ungewissheit überwinden können. Das heißt, sie müssen dauernd neu dazu lernen. So eine Formulierung wie "Ich bin eine gestandene Erzieherin, ich weiß wie's geht", muss ersetzt werden durch: "Ich bin eine Erzieherin in der Entwicklung. Ich bin eine Erzieherin, die sich mit den Kindern und den Eltern zusammen als Lernende in einer Bildungsgemeinschaft versteht." Ich glaube, dass die Veränderungen der täglichen Arbeit und des grundlegenden Selbstverständnisses sich unter Umständen für einige um 180 Grad drehen werden.
Heißt das, dass die Erzieherinnen Angst vor dieser Entwicklung haben müssen?
Wenn welche sagen, das machen wir doch auf der linken Pobacke oder mit dem kleinen Finger, dann haben sie sich geschnitten. Im Gegenteil, es ist ein sehr tiefgreifender Prozess, der auch biografisch, glaube ich, unter Umständen schmerzhaft ist, weil man sieht, was man alles machen kann und was man bisher nicht oder so nicht gemacht hat. Angst soll man dann nicht haben, wenn Angst daran hindert, etwas zu beginnen. Aber zu meinen, Ärmel aufkrempeln und jetzt los, das wäre eine falsche Einstellung dazu.
Aber der Prozess lohnt sich am Ende – auch für die Erzieherinnen?
Ja, der Prozess lohnt sich. Ich finde, dass die Erzieherinnen, die sich auf diesen Weg gemacht haben, glücklicher aussehen. Sie können es auch weniger emotional formulieren und sagen, sie sind zufriedener. Ihre Berufszufriedenheit ist größer. Sie sehen, dass sie sich im Beruf weiterentwickeln. Sie sehen auch ihre Erfolge jeden Tag, während sonst Erzieherinnen ja doch oft abends nach Hause gehen und sagen: Alles wieder nicht so geschafft, wie man sich das gedacht hat. Das ist ja doch ein Beruf, wo man morgens vielleicht mit einem Plan in die Einrichtung kommt und abends hat sich davon nicht so recht was erfüllt. Das aber zu begreifen, dass es vielleicht deswegen so war, weil die Kinder viel bessere Ideen hatten, was man machen könnte, das ist der entscheidende Wechsel dabei.
Wie beurteilen Sie es, dass die Stadt Mülheim hier auf kommunaler Ebene so vorangeht, und ein eigenes Projekt auf die Beine stellt?
Das ist das eigentlich Tolle, das ist das Faszinierende, das mich auch dazu gebracht hat, hier mitzumachen. Das ist für meine Begriffe völlig außergewöhnlich, dass eine ganze Stadt politisch, administrativ und auch ganz praktisch dahinter steht. Also sich dieses Modell, das sehr anspruchsvoll ist, auf die Fahnen zu schreiben und das auch noch einzubinden, in so ein Gesamtkonzept von kommunaler Bildungsverantwortlichkeit. Das ist absolut großartig und einmalig, aber es sollte nicht einmalig bleiben. Die Städte konkurrieren ja auch untereinander und gucken sich das ganz genau an, was da so eine Mittelstadt wie Mülheim sich traut. Und deswegen habe ich da ganz viel Optimismus, dass das in anderen Städten auch aufgenommen wird.
Profitiert von so einem Vorhaben auch die ganze Stadt oder nur diejenigen, die ihre Kinder in der Kindertageseinrichtung haben?
In mehrfacher Hinsicht ist das so. Ich denke Bildung ist, wie die Wirtschaftswissenschaftler sagen, ein Standortfaktor. Es wird Eltern hierher ziehen, die das hochinteressant finden für ihre Kinder. Es wird einfach den Bekanntheitsgrad von Mülheim als eine innovative Stadt erweitern. Und eine Stadt, in der es den Kindern gut geht, ist einfach attraktiv für alle Beteiligten, nicht nur für die Eltern und die Kinder.
Sonia Rall, Kindertageseinrichtung "Papilio"
Warum haben Sie sich mit Ihrer Einrichtung für dieses Projekt beworben?
Es gibt grundsätzlich ganz viele Gründe. Einerseits ist es so, dass man in der Pädagogik manchmal in Dinge verfällt, die gut sind, die man dann aber auch so belässt und vergisst sich weiter zu entwickeln. Und ein Punkt ist einfach, dass man das mit dem gesamten Team ausarbeiten kann, also dass wir jetzt die Möglichkeit haben in drei Jahren mit Teamfortbildungen alle zusammen dieses Konzept zu entwickeln. Und ein anderer Punkt war auch, einen eigenen Weg zu entwickeln. Also nicht irgendein Pendant zu Berlin oder England oder sonst was zu werden, sondern wirklich für unser Kita, für unsere Eltern und für unsere Kinder einen eigenen Weg zu entwickeln. Das macht aber auch ein bisschen Angst. Angst heißt nicht, wir verstecken uns, sondern eine Angst, zu lernen das anzupacken. Dieses Gefühl, da stehen ganz viele hinter uns und wir schaffen das auch. Aber trotzdem ist da so ein Angstmut, ich weiß nicht, ob es so etwas gibt.
Wie war das mit ihren Mitarbeiterinnen? Waren alle von Anfang an dafür?
Nein, es waren natürlich einige auch skeptisch, aber das sind wir alle irgendwo auch. Weil wir natürlich unsere Arbeit auch nicht schlecht machen wollen, nicht einfach sagen, das, was wir bisher gemacht haben, ist falsch oder ein Fehler oder schlecht. Ich denke mir, es wächst ein bisschen der Mut, weil wirklich auch so viele Leute hinter einem stehen. Und ich denke, das ist auch notwendig, dass das auch wirklich – es hört sich ungewöhnlich an – kontrolliert wird. Dass diese Erfolge wirklich auch festgehalten werden und veröffentlicht werden, dass man Erfolge dann auch richtig beachtet. Das passiert nur wenig in unserer Arbeit.
Wie sind die Reaktionen und Erwartungen bei den Eltern?
Ganz unterschiedlich. Man muss das abwägen, weil Eltern auch nicht diesen pädagogischen Hintergrund haben. Es gibt Eltern, die sagen, das finden wir toll, dass da was passiert, wir meckern immer nur, aber da sind jetzt welche, die arbeiten zusammen und möchten da was verändern. Auf der anderen Seite ist auch ganz viel Skepsis da, dass sie sagen, wir haben Sie ja ausgewählt, weil Sie so arbeiten, wie Sie jetzt arbeiten, wir wollen gar nicht, dass Sie das verändern. Und offene Arbeit, das macht ein wenig Angst. Eltern meinen, Kinder dürften dann tun und lassen was sie wollen und turnten dann alle um die Erzieherin herum und der Auftrag Bildung würde dann nicht so gewährleistet, wie es jetzt ist. Also wirklich ganz unterschiedliche Reaktionen.
Haben Sie eine Vorstellung wie Ihre Einrichtung am Ende des Projektes aussehen soll?
Ein Haus mit vielen, vielen Funktionsräumen, wo Kinder sehr viele Möglichkeiten haben sich selbst zu entwickeln, ihre eigenen Ideen zu entwickeln, ihre Stärken zu sehen und wirklich fröhlich und ausgelassen, ich sage es in Anführungsstrichen, zu "arbeiten".
Heike Küßner, Kindertageseinrichtung "Menschenskinder"
Was war für Sie der Grund, sich für dieses Projekt zu bewerben?
Wir hatten kurz vorher in unserer Einrichtung über verschiedene Probleme gesprochen, die aufgetreten waren, und wollten unsere Konzeption grundsätzlich überdenken. Die Ziele die wir uns gesetzt hatten, konnten wir nicht so verwirklichen wie wir wollten. Dabei ging es um Projektarbeit und Rahmenpläne. Wir mussten feststellen, dass trotz aller Angebote, die wir gemacht haben, viele Kinder das Schulfähigkeitsprofil nicht erreichen konnten. Die Kinder hatten trotz allem viele Defizite. Das war ein Zeitpunkt, wo wir uns verstärkt mit den Selbstbildungskräften der Kinder beschäftigt haben. Parallel kam dann die Ausschreibung Early Excellence. Da haben wir gesagt, das ist etwas, womit wir uns beschäftigen möchten. Es geht auch um die Verbesserung der Elternarbeit. Unsere Elternarbeit ist vielfältig, aber viele Eltern waren bisher nur Konsumenten. Die haben alles aufgesogen, was von uns kam, kamen auch zu den Veranstaltungen, aber sie haben nicht die pädagogische Verantwortung so übernommen, wie sie das nach unserer Meinung sollten. Alles, was Freizeitgestaltung für die Eltern angeht, wurde angenommen. Aber in anderen Bereichen haben wir uns mehr wie Ratgeber oder Besserwisser gefühlt. Zum Beispiel, wenn es um die Frage eines gesunden Frühstücks, die Gesundheit der Kinder, Zahnarztbesuche usw. ging.
Wie wurde das Projekt im Team aufgenommen? Was gab es für Befürchtungen oder Hoffnungen?
Das Team ist immer offen für Neuerungen. Wir haben es komplett als Chance gesehen, anders zu arbeiten und anderes umzusetzen als bisher. Wir haben uns auch kritisch auseinander gesetzt mit Vor- und Nachteilen des Konzepts, aber es gab keine Kollegin die gesagt hat, sie will nicht.
Sehen Sie Ihre Einrichtung als besonders geeignet für Early Excellence?
Gerade für unsere Einrichtung, wir haben über 85 Prozent Migranten unter unseren Kindern, ist es gut, im Fokus eines solchen Projektes zu stehen. Early Excellence ist aber grundsätzlich für ganz Mülheim geeignet, als einheitliche Konzeption der Kommune. Ich glaube, es ist gut, dass man mit einer Einrichtung mit hohem Migrantenanteil anfängt, uns nutzen auch die zusätzlichen Mittel. Das Konzept ist aber gut für die ganze Stadt.
Wie waren die Reaktionen der Eltern?
Wir haben es auf Elternratsveranstaltungen besprochen, und ich habe das weitergegeben, was wir auf den ersten Informationsveranstaltungen erfahren haben. Und die Eltern haben die Informationen die ich hatte positiv aufgenommen. Der Lokalrundfunk hatte auch gemeldet, dass wir uns an dem Projekt beteiligen. Daraufhin kamen Eltern und haben uns gelobt und gesagt, wenn eine Einrichtung es verdient, dann ihre. Die komplette Elternschaft ist aber noch nicht informiert, das werden wir ausführlich machen, wenn wir aus Berlin zurück sind.
Wo wollen Sie in drei Jahren stehen?
Wir freuen uns grundsätzlich, dass diese Fortbildung für das ganze Team gemeinsam erfolgen kann, dass wir einen gleichen Wissensstand haben werden und alles, was für unsere Pädagogik relevant ist, gemeinsam erarbeitet werden kann. Das wird dann ein neuer Ist-Zustand sein. Das heißt nicht, dass das Alte schlecht war, aber etwas Neues wächst gemeinsam. Mein Wunsch ist, eine Zufriedenheit herstellen zu können für alle Beteiligten, für Kinder, Eltern und Erzieher. Zufriedenheit heißt, unsere Ziele zu erreichen. Und das Ziel ist, dass das Kind auf alle Bedürfnisse, alle Herausforderungen denen es im Leben begegnen kann, bestmöglich vorbereitet ist.
Michael Vossebein, Kindertageseinrichtung "Hummelwiese"
Warum haben Sie sich entschieden, sich an dem Projekt zu beteiligen?
Wir wollten strukturell umdenken, gerade weil wir schon lange zusammenarbeiten. Der positive Blick in dem Projekt auf Kinder, Eltern und uns als Team war uns wichtig. Wir wissen, dass wir bisher schon gute Arbeit leisten. Aber die neuen Strukturen würden die offene Arbeit intensivieren. Wir würden einen viel besseren Zugang zu den Eltern bekommen und könnten sie viel besser in die Arbeit integrieren. Dieser positive Blick, den man früher auch mal hatte, der ist im Laufe der Zeit etwas verloren gegangen. Den wieder in den Vordergrund zu rücken, das gibt uns einen völlig neuen Blickwinkel auf unsere Arbeit.
Wie waren die Reaktionen Ihrer Kolleginnen?
Es ist in erster Linie sehr positiv aufgenommen worden. Es gab aber auch Skepsis und es wurden Sorgen genannt, dass man nicht weiß, was auf einen zukommt. Aber man hat auch die Chance gesehen, in seinem Berufsfeld komplett umzudisponieren, in eine andere Richtung zu gehen. Bei der Veranstaltung im Vorfeld, die wir besucht haben, haben wir die Ängste, die wir haben, auch mitgeteilt. Es ist gut an dem Projekt, dass wir durch die Begleitung über drei Jahre von außen dabei unterstützt werden, intensiv und konsequent zu arbeiten. Und es ist wichtig, dass sich alle Kollegen und Kolleginnen für das Konzept entscheiden und es keine Gegenwehr gibt.
Die Vernetzung im Stadtteil und die Elternarbeit spielen bei Early Excellence eine große Rolle. Was erwarten Sie sich da?
Wir haben schon eine gute Zusammenarbeit mit der Grundschule, auch mit den städtischen Einrichtungen, und dem kommunalen sozialen Dienst. Wir haben Frühförderstellen in unserer Nähe, wo wir die Eltern motivieren wollen hinzugehen. Das sollte alles intensiviert werden. Wir arbeiten mit einigen Eltern sehr gut zusammen, aber wir wollen die Zusammenarbeit mit den Eltern und den Betreuungsstellen verstärken. Es gibt auch Eltern, die außen vor sind. Da hoffen wir, dass die mehr integriert werden. Da wollen wir den Blick öffnen, Ängste erkennen und Hilfe anbieten.
Was ist Ihre Vorstellung davon, wie Ihre Einrichtung in drei Jahren aussehen soll?
Wir wissen ja auch nicht genau, was da auf uns zukommt. Es werden sich Strukturen ändern in unserem Haus. Da werden wir uns in Berlin ansehen, wie sich da die Strukturen verändert haben. Berlin ist ja eine Piloteinrichtung, wir müssen sehen was man davon übertragen kann. Wir müssen das nachher individuell für uns umsetzen. Wie die Gruppen aussehen werden, wie offene Arbeit aussieht, das müssen wir gemeinsam sehen. Nach vielleicht einem Dreivierteljahr bis einem Jahr wird sich eine Richtung abzeichnen, denke ich. Was in der Praxis daraus wird, das ist das Spannungsmoment. Da wird es kein Grundkonzept geben, da muss jede Einrichtung individuell ihren Weg finden.
Kontakt
Stand: 01.03.2011










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