Die Stolpersteine in der Düsseldorfer Straße
Familie Leffmann (Düsseldorfer Straße 16)
Die Großfamilie Leffmann war seit mindestens fünf Generationen in Saarn ansässig. Insgesamt acht Familienangehörige wurden im nationalsozialistischen Deutschland umgebracht. Vier von ihnen hatten ihren letzten freigewählten Wohnsitz in der Düsseldorfer Straße 16 in Saarn.
Albert Leffmann, geboren am 11. Oktober 1907, war ein Sohn des im Ersten Weltkrieg gefallenen Arthur Leffman. Nach dem Tod des Vaters kam er zu seinem Onkel Louis Leffmann. Er hatte den Beruf des Kaufmanns erlernt und arbeitete als Verkäufer. Nach dem 9. November 1938 - der Reichspogromnacht - wurde er in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen, von wo er nach wenigen Wochen mit der Aufforderung entlassen wurde, Deutschland zu verlassen. Über die Niederlande floh er Anfang 1939 mit dem Ziel Brüssel. Von dort wurde Albert 1943 nach Auschwitz deportiert. Dort kam er Anfang 1945– vermutlich auf einem der „Todesmärsche“ - nach Bergen-Belsen, wo er am 13. April 1945 erschossen wurde. Zwei Tage später wurde das Lager von britischen Truppen befreit.
Berta Leffmann, geboren am 31. Mai 1916 in Viersen als Berta Köffler - laut amtlichen Unterlagen Berta Kowler - war die Ehefrau von Albert Leffmann. Auch sie floh 1939 nach Brüssel, wurde von dort nach Auschwitz deportiert, in Auschwitz ermordet und später mit Datum vom 8. Mai 1945 für tot erklärt.
Eduard Leffmann, geboren am 28. Mai 1879, ledig, von Beruf Ingenieur, wurde am 21. April 1942 nach Izbica deportiert, von dort weiter nach Auschwitz. Nach dem Krieg wurde er für tot erklärt.
Sein Bruder Louis Leffmann, geboren am 16. Dezember 1869, ledig, von Beruf Metzger, wurde am 21. Juli 1942 zunächst nach Theresienstadt deportiert und dann weiter nach Treblinka, wo er am 26. September 1942 ermordet wurde.
Otto Müller (Düsseldorfer Straße 36)
Otto Müller wurde am 19. Mai 1922 in Mülheim-Saarn geboren. Im Alter von drei Jahren stürzte er beim Spielen auf dem Hof des elterlichen Hauses in einen Teich. Der dabei erlittene Sauerstoffmangel führte fortan zu epileptischen Anfällen, die mit zunehmendem Alter häufiger auftraten.
In Saarn besuchte er die evangelische Volksschule am Klostermarkt. Nach Beendigung seiner Schulzeit begann er eine berufliche Ausbildung als Landschaftsgärtner. Seine Beschäftigung bei der Gärtnerei Volkenborn musste er jedoch wegen der häufig auftretenden epileptischen Anfälle aufgeben; die Mitarbeiter des Betriebes waren nicht mehr bereit, die Verantwortung seiner Beaufsichtigung zu übernehmen.
Bedingt durch diese Anfälle war er des Öfteren in der Heil- und Pflegeanstalt Hephata im niederrheinischen Waldniel (heute Schwalmtal) untergebracht. Von dort wurde er im März 1943 in die Landesheilanstalt Meseritz-Obrawalde (heute Polen) eingewiesen. Die "Provinzial-Irrenanstalt Obrawalde bei Meseritz" war 1904 als vierte Heilanstalt der preußischen Provinz Posen gegründet worden. Zur Anstalt gehörten zeitweise neben der Heil- und Pflegeanstalt auch ein Altersheim, eine Frauenklinik, mehrere medizinische Abteilungen sowie eine Lungenheilstätte. Unter den Nationalsozialisten wurde die Einrichtung wieder in eine reine Heilanstalt für psychisch Kranke umgewandelt und über den anstaltseigenen Gleisanschluss aus den Großstädten Berlin, Hamburg, Bremen sowie den Provinzen Rheinland und Westfalen mit Patienten versorgt.
Im Spätsommer 1942 begannen nach der Bestellung eines neuen ärztlichen Leiters in der Anstalt Obrawalde die systematischen Krankenmorde. Die Tötungen erfolgten überwiegend durch eine Überdosierung von Schmerz- oder Beruhigungsmitteln. Zudem starben viele Kranke infolge von vorsätzlich herbeigeführten Erschöpfungszuständen und an chronischer Unterernährung. Die Gesamtzahl der von 1942 bis 1945 in Obrawalde ermordeten Patienten wird auf knapp 7.000 geschätzt.
Es ist anzunehmen, dass auch Otto Müller dem Euthanasieprogramm von Obrawalde zum Opfer fiel. Laut offiziellem ärztlichem Bericht starb er am 29. März 1943 „an gehäuften Krampfanfällen mit hinzugetretener Herzlähmung und Herzschwäche". Dem Vater gelang es, seinen Sohn Anfang April nach Mülheim-Saarn zu überführen. Hier wurde er wenige Tage später am 7. April 1943 von Pfarrer Stiasny auf dem evangelischen Auberg-Friedhof beerdigt.
Anna Lehnkering (Düsseldorfer Straße 38)
Anna Lehnkering wurde am 2. August 1915 als drittes Kind der Eheleute Heinrich Friedrich Hermann Lehnkering und seiner Frau, Anna Johanna Helene, geb. Sommer in Oberhausen-Sterkrade geboren. Die Eltern betrieben dort eine Gaststätte. Als Anna 6 Jahre alt war, starb ihr Vater. Die Mutter heiratete erneut.
Anna Lehnkering wird von ihren Brüdern als sehr liebes und sanftmütiges Mädchen beschrieben. Auf Grund ihrer Lernschwäche besuchte sie die damals sogenannte Hilfsschule. Zeitweise wurde sie mit anderen behinderten jungen Mädchen in der evangelischen Kirchengemeinde Oberhausen betreut. Sie half ihrer Mutter im Haushalt und ging später zeitweilig den Schwestern im Evangelischen Krankenhaus in Mülheim zur Hand. Am 1. September 1934 zog Anna Lehnkering nach Mülheim in die Düsseldorfer Straße 38.
Nach der Machtübernahme durch die Nazis geriet sie in deren Visier, da man Menschen mit Behinderung als "unwertes Leben" betrachtete. So wurde sie am 2. November 1935 im Evangelischen Krankenhaus Mülheim zwangssterilisiert. Die genauen Umstände dieser Maßnahme sind nicht bekannt.
1936 wurde zu einem Schicksalsjahr für Anna Lehnkering und ihre Familie. Die zweite Ehe der Mutter war zerbrochen und brachte eine wirtschaftliche Notlage mit sich. Am 21. Dezember 1936 wurde Anna in die Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Bedburg-Hau im Kreis Kleve eingewiesen. Hier begann ein schrecklicher Leidensweg, der sich fortsetzte, als Anna am 6. März 1940 in die Euthanasie-Vernichtungsanstalt in Grafeneck auf der Schwäbischen Alb verlegt wurde. Nach offizieller Version starb Anna Lehnkering am 23. April 1940. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie bereits am 7. März 1940 ermordet wurde.
Johannes vom Bruch (Düsseldorfer Straße 58)
wurde am 28. Februar 1919 in Mülheim an der Ruhr geboren. Er litt unter diversen Kinderkrankheiten, lernte erst spät laufen und wiederholte eine Klasse der Volksschule. Weil er auch seine Lehre als Klempner nicht abschließen konnte, arbeitete er als Hilfsarbeiter bei der AEG in Mülheim. Der Vater bezeichnete seinen Sohn als Sorgenkind.
Trotz seiner geistigen Behinderung führte er aber zunächst ein ganz normales Leben als zukünftiger "Volksgenosse", er trat in die Hitlerjugend ein und wurde Mitglied der SA. Als er im April 1939 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen wurde, fiel seine schwache geistige Konstitution auf und man zog ihn zu niederen Arbeiten wie dem Toilettenreinigen heran.
1940 wurde Johannes Soldat. In Russland erkrankte er an Malaria. Nach überstandener Krankheit gelangte er über seinen Ersatztruppenteil in Aachen wieder nach Russland. Seine Vorgesetzten nahmen auf sein geistiges Vermögen keine Rücksicht, sondern versuchten, den jungen Mann mit Druck und Strenge zu einem "richtigen" Soldaten zu machen. Beim Knüppeldammbau trieben sie Johannes bis an die Grenze seiner körperlichen Belastbarkeit, und das führte schließlich zu seinem völligen seelischen und körperlichen Zusammenbruch. Beim Ersatztruppenteil in Aachen, zu dem er zurück geschickt wurde, legten seine Vorgesetzten seine schwache Konstitution als "Schwerverbrechertum" aus. Er wurde aus der Wehrmacht entlassen und nach Mülheim zur Kriminalpolizei überstellt, da die örtliche Gestapoabteilung bereits geschlossen hatte. Nach zwei Tagen wurde er entlassen und nahm seine Arbeit bei der AEG wieder auf.
Die Eltern versuchten ihren Sohn wieder aufzubauen, denn er litt unter starkem Gewichtsverlust und Depressionen. Selbst die Ausübung der motorischen Fähigkeiten war nur unter ständigem Einsatz von Hilfsmitteln möglich. Nach einer Verbesserung seines sowohl seelischen als auch körperlichen Zustandes, arbeitete der junge Mann von 1942 bis 1943 in der Fabrik, denn an diesem Tag wurde er von der Staatspolizei Mülheim an der Ruhr vorgeladen. Von dort kehrte er nicht mehr ins öffentliche Leben zurück. Der Vater wandte sich in seiner Verzweiflung sogar schriftlich an Goebbels mit der Bitte, den geistig und körperlich stark angegriffenen Sohn in die Obhut der Eltern zu entlassen, aber das brachte ihm nur eine Vorladung bei der Gestapo ein. Er sollte sich dort schriftlich verpflichten, alle Nachforschungen bezüglich seines Sohnes einzustellen. Der Vater lehnte ab und wurde daraufhin 20 Stunden in Einzelhaft genommen. Nur mit Rücksicht auf seine schwerkranke Frau willigte er schließlich ein.
Die Gestapo überstellte Johannes vom Bruch in das KZ Buchenwald, wo er am 23. Dezember 1944 verstarb. Die näheren Umstände seines Todes sind nicht bekannt. Erst einen Monat später erhielten die Eltern Nachricht vom Ableben ihres Sohnes.
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Stand: 15.03.2011








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