"stücke"-Festival

Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld

zum "Stücke"-Theaterfest

am Samstag, 10.04.08, 18.30 Uhr,

Raffelbergpark



***

Heute wird gefeiert. Wir feiern unsere "stücke", die nunmehr 33 Mülheimer Theatertage, das Festival deutschsprachiger Gegenwartsdramatik. Wir feiern sie im Jahr des 200. Geburtstages der Stadt Mülheim an der Ruhr. Wir feiern das Theater. Wir feiern die Theaterstadt Mülheim an der Ruhr.

Also jede Menge Theater in Mülheim! Und was wir feiern, ist Ausdruck vieljähriger konsequenter Kulturarbeit in unserer Stadt. In den letzten Jahren trotz knappster öffentlicher Mittel. Dafür danke ich allen, die an unserem Projekt "Theaterstadt" mitarbeiten, allen Theatermachern in der Stadt und unseren Unterstützern in Bund, Land und privaten Stiftungen.

Gut, Sie können natürlich fragen: Wieso Theaterstadt Mülheim an der Ruhr, und was heißt das denn? Das heißt zum Beispiel, dass aus gutem Grund die kulturpolitische Weichenstellung der letzen Jahre in Mülheim auf eine mehrdimensionalen Entwicklung der Sparte Theater gelenkt wurde: auf die Entwicklung der Theaterkunst, auf die kulturelle Positionierung unseres Theaters in der Region sowie auf die Entwicklung von Amateur- und Schultheater als Ausdruck kultureller Bildung - und damit als Beitrag, den Bildungsstandort Mülheim an der Ruhr weiter zu qualifizieren.

Gerne möchte ich Ihnen ein wenig mehr über das Heute und das Morgen der Theaterstadt Mülheim an der Ruhr berichten.

Es gibt bundesdeutsche Städte, die tragen neben ihrer Namensbezeichnung den Zusatz "Theaterstadt". Da geht es meist um eine Vielzahl von Bühnen oder um berühmte Theater in diesen Städte. Bei uns ist das anders: Denn die Theaterstadt Mülheim an der Ruhr entwickelte ihre Bedeutung durch die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Theaterkunst und im Bereich neuer Strukturen für die Organisation von Theater. Damit ist in Mülheim etwas Modellhaftes für das Theater entstanden.

Und dieser Modellcharakter soll mit der Marke "Theaterstadt Mülheim an der Ruhr" verbunden werden und soll so verdeutlichen, dass die Theaterinstitutionen inhaltlich und strukturell auf der Höhe der Zeit agieren.

Wenn also die Stadt Mülheim auf das Label "Theaterstadt" nun auch Außenwirkung aufbaut, so muss schon noch mehr da sein. Ist es auch. So z.B.,

- dass seit nunmehr 33 Jahren die Mülheimer Theatertage die bedeutendsten deutschsprachigen Autoren mit Aufführungen einmal im Jahr nach Mülheim an der Ruhr einladen, um den Mülheimer Dramatikerpreis zu vergeben,

- dass das Theater an der Ruhr mit seinem Aufbruch in der Theaterlandschaft eine neue Struktur des ensemblegebundenen Theaters etabliert hat,

  • dass ein Festival wie die "Impulse" in Mülheim an der Ruhr seinen Anfang nahm und inzwischen die besten freien Theateraufführungen hier gezeigt werden und
  • dass ein Kulturzentrum wie "Kultur im Ringlokschuppen" mit seinem Schwerpunkt in der Theaterarbeit bereits deutlich überregionale Aufmerksamkeit genießt.

Aber es gibt noch mehr Bemerkenswertes. Neben unserem professionellen Theaterbereich, der heute national und international anerkannt ist, hat sich nämlich auch ein Amateur- und ein Schultheaterbereich entwickelt, der inzwischen zum unverzichtbaren Bestandteil der Kultur in unserer Stadt geworden ist. Beide Aspekte – Profi- und Amateurbereich - gehen in den Begriff der Theaterstadt ein.

Und wir gehen dann noch einen wichtigen Schritt weiter, denn das Modell der Theaterstadt Mülheim an der Ruhr ist auch das Projekt einer anderen Politik, nämlich der Versuch, über ästhetische Erfahrungen das gesellschaftliche Leben zu verändern.

Ich weiß, das ist ein starker Satz, und wie soll so was geschehen? Z.B. durch mutige Inszenierungen, die vom Publikum eine andere Wahrnehmung verlangen, ihm nicht mehr die bekannten Klischees liefern.

Aus der Überzeugung, dass Theater bildet und Bildung die Gesellschaft voran bringt, folgt dann aber auch, dass Kunst und Kultur - und in unserem Fall das Theater - künftig noch stärker in den Mittelpunkt des politischen Handelns rücken müssen. Was nichts anderes heißt als: Wir brauchen – und auf diese Dimension unsers Theaterstadtmodells komme ich gleich noch zurück - eine Bildungspolitik, für die auch ästhetische Erziehung unverzichtbar ist. Dann brauchen wir eine Finanzpolitik, die Kunst und Kultur nicht dem Markt ausliefert, sondern finanziell so ausstattet, dass sie eine Zukunft haben. Folglich brauchen wir eine Kulturpolitik, die Perspektiven für die Gesellschaft entwickelt und nicht vorrangig den finanziellen Mangel verwaltet.

Theater ist ein Ort, an dem Wissen und Erfahrung vermittelt werden. Es prägt unsere Gesellschaft kulturell auf unverwechselbare und unersetzbare Weise, weil es einen besonderen Blick auf die Welt ermöglicht, die heutige und die vergangene.

Und dann geht es neben Wissen und Erfahrung auch um Kreativität. Um sie nicht nur zu lernen, sondern auch zu leben, brauchen wir das Theater. Also müssen wir Angebote bereithalten - und nicht abbauen. Sonst sieht es so aus, als habe man es mit einer aussterbenden Gattung zu tun.

Wir feiern heute das "stücke"-Fest, also insbesondere zeitgenössisches Theater. Das ist innovativ und widerständig. Und damit sollte es auch Muster sein für eine lebendige, wandelbare Schule sein.

Ich höre Ihre Frage schon: Was hat das jetzt mit Schule zu tun? Nun, eine kreative, pluralistische und offene Schule wird von den Denk- und Arbeitsweisen der zeitgenössischen Theaterszene profitieren. Weil sie Raum schafft und Raum lässt für Eigensinniges und Experimentelles, für Projekte, deren Wert und Bedeutung sich erst noch zeigen dürfen. Und weil sie Gegenentwürfe zur gesellschaftlichen Realität ermöglicht, deren Grenzen bewusst macht, aber auch neue Perspektiven eröffnet.

Aber jetzt zu der spannenden Frage, was davon schon jetzt Wirklichkeit in der Theaterstadt Mülheim an der Ruhr ist?

Eine ganze Menge:

Die Stücke, das Theater an der Ruhr, das Junge Theater, die Spielwerkstätten, die Theaterlandschaften, die Austauschgastspiele, die Impulse, das Theaterfestival Unruhr, unsere Amateurtheater (beispielhaft das Backsteinstudio, das Theater Mülheimer Spätlese) die zahlreichen Schultheater, die Schulkulturtage, der Wettbewerb um den RWW-Schulkulturpreis und noch viel mehr Theater an Grundschulen und in Kindertageseinrichtungen.

Und wohin soll die Reise gehen? Was soll noch werden in der Theaterstadt Mülheim an der Ruhr?

Dazu habe ich in den Schlussbericht der Enquetekommission des Deutschen Bundestag geschaut. Er empfiehlt, das "Theaterspiel muss als selbstverständlicher Bestandteil der kulturellen Kinder- und Jugendbildung in Deutschland allen Heranwachsenden offen stehen und wohnortnah zugänglich sein. Die curriculare Verankerung des darstellenden Spiels in Kindertagesstätten, Grundschulen und weiterführenden Schulen bildet die Basis dieser Entwicklung".

Dies ist nun der neue Entwicklungsaspekt unserer Theaterstadt, an dem wir zur Zeit, wie immer mit langem Atem arbeiten.

Natürlich wirft das weitere Fragen auf, z.B.:

  • Wie ist eine Übertragung unserer erfolgreichen Theaterarbeit mit den Grundschulen auf die weiterführenden Schulen leistbar, wie können wir alle Schüler regelmäßig ins Theater bringen?
  • Wie können mehr konkrete und vertraglich geregelte Partnerschaften zwischen unserem Theater und unseren Schulen realisiert werden?
  • Wie können in allen Schulferien Feriencamps angeboten werden, bei den die SchülerInnen mit den Mitteln des Theaters wie im letzen Herbst ihre Sprachkenntnisse auf eine Weise verbessern, dass einem der Atem stockt?
  • Wie können unsere Schulen flächendeckend mit Bühnenequipment ausgestattet werden?

Diese Fragen stehen im Mittelpunkt unserer Diskussionen über die Weiterentwicklung unseres Theaterstadt-Modells.

Deutlich wird, dass die Entwicklung der Theaterstadt als dynamischer und dauerhafter Prozess verstanden werden muss. Und dass viel los ist, dass es jede Menge Theater in der Theaterstadt gibt.

Ich danke fürs Zuhören und wünsche uns allen nun ein schönes Theaterfest in der Theaterstadt Mülheim an der Ruhr.

Kontakt


Stand: 13.05.2008

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

Sicherheitscode (Was ist das?)

 

Bookmarken | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel