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Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Türkisches Zentrum eine Brücke zur Stadt für die 3.900 Nachfahren Kemal Atatürks
Unter dem türkischen Halbmond hören die Ausländer täglich Nachrichten aus der Heimat, lesen türkische Zeitungen oder diskutieren bei Tee und Kaffee

Türkisches Zentrum eine "Brücke zur Stadt" für die 3.900 Nachfahren Kemal Atatürks

In Ihrem Verein erhalten Türken nicht nur Hilfe bei Probleme. Jeden Abend um 17.40 Uhr wird es im Haus Nr. 68 an der Friedrich-Ebert-Straße mucksmäuschenstill, verstummen alle Gespräche, obwohl sich zuvor die dort versammelten Männer – montags auch die Frauen – viel zu erzählen haben. Statt lautstarker Diskussionen, Lachen oder Rascheln mit Zeitungsseiten plötzlich gespannte Aufmerksamkeit. Das Ereignis, das diese unvermittelte Ruhe auslöst, ist eine ständige wiederkehrende, bestimmte Erkennungsmelodie im Rundfunk, die den dort Versammelten ankündigt: Jetzt beginnt der WDR IV mit seiner "Türkler icin yayinlar" (Sendung für die Türken). Ort der "Lauschaktion": Das türkische Zentrum des "Türkischen Vereins".

Seit seiner Gründung vor mehr als drei Jahren hat sich der "Türkische Verein" immer mehr zu einem Kristallisationspunkt vor allem für die in Mülheim lebenden Nachfahren des berühmten Kemal Atatürks entwickelt. Und nach dem Einzug in das Jugendstilhaus im Frühjahr 1977 ist die ehemalige Gaststätte zu einem Stückchen Heimat geworden für die mit etwa 3.900 Angehörigen größte Ausländergruppe, die in der Ruhrstadt wohnt.

Dort fühlen sich die "deutschen Bürger auf Zeit" zumindest für Stunden wie auf einer türkischen Insel, gleich, ob sie aus Anatolien, dem kleinasiatischen Teil, oder aus Ostthrakion, dem südosteuropäischen Teil des Halbmond-Staates kommen. Dort hocken sie zwischen Gleichgesinnten und, was für sie noch wichtiger ist, zwischen Gleichsprachigen, schlürfen nach orientalischer Art heißen Tee, trinken Kaffee oder Säfte – Alkohol wird im türkischen Zentrum nicht ausgeschenkt, da alle Mohammedaner sind – und besprechen die neuesten politischen Nachrichten aus der Heimat, die sie über den Äther und über vier verschiedene Tagezeitungen in türkischer Sprache erfahren. Dort erhalten sie aber auch den einen oder anderen Rat im Umgang mit dem Arbeitgeber oder den Behörden, wenn mal Schwierigkeiten oder Verständigungsprobleme auftauchen.

Dass sich das "Türkische Zentrum" nach der Wiedergründung unter solch positiven Aspekten entwickelt hat und zu einer kaum mehr wegzudenkenden Institution für die Türken geworden ist, dass es für viele der etwa 350 Mitglieder (eine Familie = ein Mitglied) eine Art praktische Lebenshilfe bedeutet, ist vor allem einem Mann zu verdanken, dem Vorsitzenden des Vereins, Fevzi Eraslan.

Migration & Geschichte: Türkisches Zentrum eine Brücke zur Stadt für die 3.900 Nachfahren Kemal Atatürks
Sie büffeln für eine bessere Verständigung. Jeden Montagabend treffen sich bis zu zehn Türkinnen im „Türkischen Zentrum”, um mit Dozentin Inge Petersmann (nicht im Bild) die deutsche Sprache zu lernen

Der Diplom-Ingenieur bei der Kraftwerk Union, seit 1957 mit einer kurzen Unterbrechung in der Bundesrepublik, weiß um all die Probleme, die sich oftmals wolkenkratzerhoch vor seinen Landsleuten auftürmen, kennt die Einsamkeit, die vor allem die getrennt von ihrer Familie in der Fremde beschäftigten Väter schnell befällt, erfährt hin und wieder, dass auch heute noch für einige nur die Arbeit und das Wohnheim existieren, sie manchmal aus einer gewissen Angst oder auch aus Unwissen in zum Teil selbstgewählter Isolation verharren.

"Für diese Gruppe stellen unsere Räume an der Friedrich-Ebert-Straße so etwas wie ein Freizeitzentrum dar", unterstreicht Eraslan den Wert des Hauses für seine Landsleute.

"Hier können sie täglich eine neue Zeitung lesen, fernsehen, Rundfunk hören, Billard spielen oder, was mir noch viel wichtiger erscheint, sich in ihrer Landessprache unterhalten".

Dass es überwiegend die türkischen Männer sind, die das Zentrum zu ihrem Treffpunkt erkoren haben, ist aus der Sicht der Mohammedaner verständlich. Im Islam spielt die Frau nur eine untergeordnete Rolle, hat für die Familie dazusein und weilt mehr im Haus und am Herd als in der Öffentlichkeit. Nur langsam ist auch hier abendländischer Einfluss zu erkennen, wie er zum Beispiel beim Sprachkursus für Türkinnen jeden Montag sichtbar wird und mit der Gründung des deutsch-türkischen Kontaktkreises "Ausländische Frauen" einen gewaltigen Sprung gemacht hat, auch wenn die meisten Türkinnen noch nicht daran teilnehmen.

Doch das Zentrum deckt nicht allein den Freizeitbereich ab, gibt vielmehr bei Bedarf individuelle Tipps und Ratschläge, hat seine Aktivitäten auf Sprachkurse, zum Teil gemeinsam mit der Volkshochschule, und auf einen Dolmetscherdienst erweitert. So gehen gut deutschsprechende Türken von Fall zu Fall mit einem Landsmann oder auch dessen Frau und Kindern zum Arzt, zum Krankenhaus oder einer Behörde, wenn sich die Ratsuchenden nicht entsprechend artikulieren können. Gern bedienen sich auch einzelne Ämter des "Türkischen Vereins" wenn sie Mitteilungen weitergeben wollen. "Wir erreichen sicherlich etwa 1.000 unserer erwachsenen Landsleute, vor allem über die Mund-zu-Mund Propaganda", skizziert Eraslan den Wert der Institution. "Für diese Stadt sind wir zum Beispiel so etwas wie eine Brücke zu unseren Männern und Frauen".

Der tägliche Umgang mit den Mitgliedern hat den Vorsitzenden, der aufgrund seiner Stellung und seiner Ehe mit einer deutschen Frau von den Alltagssorgen anderer Ausländer verschont bleibt, hellhörig gemacht für die Probleme, mit denen Türken ständig konfrontiert werden.

  • Eraslan: "Wir wissen, dass eine Eingliederung auf Schwierigkeiten stößt, kommen diese Menschen doch ebenso wie ich aus einem anderen Kulturkreis mit einer anderen Religion, anderen Sitten und Gebräuchen.
  • Dazu gesellt sich für viele die Ungewissheit, ob sie wieder in die Heimat zurückkehren oder in Deutschland bleiben sollen. Es ist auch in der Türkei schwer, dort nach Jahren wieder Fuß zu fassen.
  • Wirtschaftliche Unsicherheit beschäftigt ebenfalls viele Landsleute, wissen sie doch, das Ausländer, insbesondere Türken schneller arbeitslos werden und bei der Arbeitssuche als letzte berücksichtigt werden.
  • Sorgen um die Familie schließlich komplizieren die Situation, was vor allem bei der Erziehung der Kinder offensichtlich wird. Die meisten Türken fragen sich, ob sie ihre Söhne und Töchter auf ein späteres Leben in Deutschland oder in der Heimat, in der sie oftmals nicht geboren wurden, vorbereiten sollen, können aber keine schlüssige Antwort geben.
  • Als letztes wären noch die Sprachschwierigkeiten zu nennen".
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Anlaufstelle für ratsuchende Landsleute: Sozialbetreuerin Ülkü Eyüboglu hilft seit einigen Monaten in der zentralen Beratungsstelle der Stadt vielen über schwierige behördliche Klippen hinweg

Vor diesem Berg von Problemen möchte der Vorsitzende, der auch noch in dem Arbeitskreis "Ausländische Mitbürger" sowie in einer daraus gebildeten Projektgruppe tätig ist, manchmal resignieren. "Der Vorsitz bringt nur Ärger und Arbeit und ist mit erheblichem Zeitaufwand verbunden", weiß er, um dann mit einem Seitenblick auf etliche andere, in Mülheim lebende und bereits integrierte türkische Akademiker, die Türken Türken sein lassen und ihre eigenen Wege gehen, zu fragen: "Aber wenn w i r schon Landsleuten nicht helfen und sie aufmuntern, wer soll sich dann um sie kümmern?"

Die jetzt in der zentralen Beratungsstelle der Stadt beschäftigte türkische Sozialbetreuerin Ülkü Eyüboglu nimmt dem Verein seit wenigen Monaten viel Arbeit ab.

Doch dieser Lichtblick wird getrübt durch die ungewisse Zukunft des Zentrums. Wenn die Sanierung der "Nördlichen Innenstadt" beginnt, muss der Verein ausziehen. Wohin, weiß er bisher noch nicht. hh

Nachdruck, mit Genehmigung des Verkehrsvereins und der Pressestelle der Stadt Mülheim an der Ruhr, Artikel aus "Mülheim an der Ruhr - illustrierter stadtspiegel", Dezember 1978, Seiten 9 bis 11 Fotos: Walter Schernstein


 

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Treffpunkt für Mülheimer

Längst hat der Verein ein neues Zuhause gefunden ist immer noch tätig. Türkischer Verein in Mülheim an der Ruhr und Umgebung e. V., Schulstraße 3, 45468 Mülheim an der Ruhr, in der Innenstadt, gegenüber dem Karl-Ziegler-Gymnasium. Telefon 02 08/38 11 12, E-Mail tuerkischerverein@web.de

(Karte: Google 2009)


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 06.07.2010

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