Turmbeflaggung: Erinnerung an den Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Das Attentat und der versuchte Staatsstreich vom 20. Juli 1944 waren die stärksten Zeichen des Widerstands von Deutschen gegen das Regime Adolf Hitlers in der Zeit des Nationalsozialismus.

Zum Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft hat Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld heute am Mahnmal im Luisental einen Kranz niedergelegt. Außerdem ist der Rathausturm beflaggt.

Rede

von Frau Oberbürgermeisterin Mühlenfeld

anlässlich der Kranzniederlegung

zum Gedenken an die Opfer der NS-Gewaltherrschaft

am Mahnmal Luisental am 20.07.2006



Meine sehr geehrten Herren und Damen,

liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,



wir gedenken heute der Ereignisse des 20. Juli 1944...



wir gedenken der Männer und Frauen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Widerstand geleistet,

Widerstand unterstützt haben. ..



wir gedenken aller Opfer, die dieses menschenfeindliche System in den Jahren 1933 bis 1945 gefordert hat. ..



wir gedenken denen, die uns bekannt sind, stellvertretend für all´ jene, die für uns keinen Namen haben. ..



wir tun dies in jedem Jahr am 20. Juli. ..

... ohne dass dieses Thema, ohne dass die historischen Geschehnisse an Schrecken und an Aktualität verlieren. ..



Liebe Mitbürger und Mitbürgerinnen,

zu dieser Gedenkstunde möchte ich Sie alle im Namen der Stadt Mülheim an der Ruhr herzlich begrüßen!



Der 20. Juli - er bewegt Menschen und Nationen. .. so wie er sie durch die Schicksale der Nazi-Gewaltherrschaft verbindet. ..



... erst in der letzten Woche konnte ich den Bürgermeister unserer israelischen Partnerstadt Kfar Saba in Mülheim begrüßen, der mir seinen persönlichen Eindruck schilderte, dass Deutschlands Nachkriegsgeneration alles tue, um Extremismus politisch keine Chance zu geben. ...



"Alles tun!" - das war die Maxime des Widerstandes. ..



Die Auflehnung gegen das Gewaltregime und damit gegen die Ermordung der Juden, der Sinti und Roma und gegen die Verfolgung von Minderheiten kam aus dem Selbstbewusstsein dieser Männer und Frauen des Widerstandes.



Widerstand gegen das Hitlerregime bedeutete, sich und seine Familie der Lebensgefahr auszusetzen - für die Gerechtigkeit und für die Freiheit. ..

Widerstand gegen das Hitlerregime erforderte Mut. .. den Mut, seinem Gewissen zu folgen. ..



Claus Schenk Graf von Stauffenberg hatte diesen Mut. .. und bezahlte ihn. .. gemeinsam mit Friedrich Olbricht, Mertz von Quirnheim, Werner von Haeften und über hundert weiteren Menschen mit dem Tod. ..



Sie hatten den Mut etwas zu unternehmen, das auch hätte glücken und damit der Geschichte Europas eine andere Wendung geben können. ..

... und Millionen von Menschen in Deutschland und im Ausland im letzten Kriegsjahr unendliches Leid und einen grausamen Tod erspart hätte. ..



Kein Vorhaben, das wissen Sie aus eigener Erfahrung, hat eine Erfolgsgarantie - aber allein aus Angst vor dem Scheitern untätig bleiben?



Wer nichts unternimmt, der ist von vornherein verloren. ..

das Tun an sich hat ein enormes Potenzial. ..



Wenn auch die Tat der mutigen Männer und Frauen nicht dazu führte, das Unrechtssystem zu stürzen, so wirkt doch ihr Tun bis heute nach.



Mut benötigt Selbstbewusstsein!



Unser nationales Selbstbewusstsein brauchte Zeit, um aus den Trümmern neu zu entstehen...

Die Fußballweltmeisterschaft hat gezeigt, dass der Wunsch nach nationaler Identität groß ist. ..



Um die Gegenwart gestalten zu können, erfordert die nationale wie die persönliche Identität die Erinnerung an die eigene Geschichte!

Identität braucht Selbstbewusstsein - nur selbstbewusste Menschen und Nationen können für sich und andere etwas bewirken...

Selbstbewusstsein und ein selbstverständlicher Respekt vor Menschen, die sich z.B. durch Nationalität, Hautfarbe, Lebensweise oder politischer Einstellung von der eigenen Person unterscheiden...gehören zusammen...



Und war die Tat von Stauffenberg und seinen Mitstreitern spektakulär und in ihrer Art einzigartig,. ..so gab es während der ganzen Zeit der Nazi-Gewaltherrschaft Menschen, die gegen das System opponierten. .. unter den Intellektuellen, den Christen, den Sozialisten, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschaftern und vielen anderen. .. viele bezahlten ihr Engagement mit dem Tod im Konzentrationslager oder konnten nur durch Flucht in das Ausland ihr Leben retten...



Wenn wir an den Widerstand denken, dann gilt es den Widerstand im europäischen Ausland mit einzubeziehen. ..vom Ausland aus sah man vieles klarer. .. denn. ..

obwohl das Kommunikationszeitalter erst spät nach dem Krieg Realität wurde, so verstand es Hitler auf perfide Weise eine bis dato nicht gekannte Propagandamaschinerie einzusetzen, die durch perfekte Desinformation und Demagogie dafür sorgte, dass Widerstand bei vielen Teilen der Bevölkerung erst gar nicht aufkam. ...



Das Gedenken an den 20 Juli ist somit Mahnung und Aufforderung zugleich. ..



Mahnung zum Frieden, zur Freiheit, zur Gerechtigkeit. ..



und Aufforderung, aktiv dafür einzustehen, dass wir unser Leben in Freiheit und Gerechtigkeit nicht als Selbstverständlichkeit nehmen, sondern als wertvolle und verletzliche Werte, deren Gewicht es mit aller Kraft zu erhalten gilt. ..



... und je mehr Europa, je mehr die Welt zusammenrückt, umso mehr gilt es für ein freies und einiges Europa und eine friedvolle Welt einzutreten.



Was ein einiges Europa betrifft, so sind wir durch politischen und menschlichen Einsatz auf dem besten Wege. ..

In der Welt insgesamt aber werden Krieg und Terrorismus als Mittel der Politik ungebrochen eingesetzt.

So erschüttern uns derzeit die massiv aufgeflammten Konflikte im Nahen Osten und wir hoffen für alle betroffenen Menschen und Regionen auf ein Ende der Eskalation der Gewalt und ein Ende der Verletzung von Menschenrechten. ..

... und auch hier wird es wieder auf die Menschen ankommen, mutige und richtige Entscheidungen für Recht und Gerechtigkeit zu treffen. ... ...



Tun wir alles dafür, dass unsere Kinder zu Menschen werden, die sich für Recht und Gesetz einsetzen, machen wir sie selbstbewusst, damit wir weiterhin in einem demokratischen Staat leben können. ..



Verehrte Mitbürger und Mitbürgerinnen,

ich möchte gerne den Aufruf Stauffenbergs zitieren, der durch seinen Tod seinerzeit nicht sofort zur Veröffentlichung kam:



"Unserer Väter wären wir nicht würdig, von unseren Kindern müssten wir verachtet werden, wenn wir nicht den Mut hätten, alles, aber auch alles zu tun, um die furchtbare Gefahr von uns abzuwenden und wieder Achtung vor uns selbst zu erringen."



Unser heutiges Deutschland ist auch ein Ergebnis des mutigen Einsatzes der Männer und Frauen des 20 Juli. ..

Ihr Vermächtnis gilt es umzusetzen. ..

Lassen wir die Kraft des Widerstandes, die Kraft des 20. Juli 1944 durch unseren ganz persönlichen Einsatz für Recht und Freiheit weiter wirken,



Herzlichen Dank

Kontakt


Stand: 20.07.2006

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