Verleihung des Ruhrpreises 2007 an Christof Schlingensief
Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld
zur Verleihung des Ruhrpreises 2007 an Herrn Schlingensief
am Freitag, 15.05.09, 17.00 Uhr,
Sparkasse
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Sehr geehrter Herr Schlingensief,
sehr geehrter Herr Professor Brock, Herr Weck,
meine sehr geehrten Herren und Damen,
die Verleihung des Ruhrpreises für Kunst und Wissenschaft für das Jahr 2007 führt uns heute in diesem feierlichen Kreis innerhalb weniger Tage ein zweites Mal zusammen. Mit dieser ungewöhnlichen Form tragen wir den vollen Terminkalendern und der internationalen Einbindung der zu Ehrenden Rechnung.
Ich begrüße Sie zu diesem für unsere Stadt bedeutungsvollen Ereignis sehr herzlich. Zusammen mit meinem Willkommensgruß möchte ich meine Freude darüber zum Ausdruck bringen, dass Sie - meine Herren und Damen - der Einladung in so überzeugender Zahl gefolgt sind und durch ihre Anwesenheit die öffentliche Anerkennung, die im Rahmen dieser Feierstunde ausgesprochen werden soll, mittragen.
Denn mit dem Ruhrpreis verbindet sich seit seiner Stiftung das Anliegen, die Bedeutung sowie den Stellenwert von Kunst und Wissenschaft noch stärker in das Bewusstsein der BürgerInnen zu rufen.
Seit Menschengedenken ist die Kunst ein Schlüssel zur Welterfahrung und Selbsterkenntnis des Menschen. Das gilt für die Höhlenmalerei von Chauvet ebenso wie für die Popkultur des zwanzigsten Jahrhunderts.
Die Kunst drückt aus, was die Menschen bewegt; was ihnen Halt gibt und wovor sie sich ängstigen. Mit den Mitteln der Kunst entdeckt sich der Künstler selbst, versucht in der Erfahrung des eigenen Ichs sein Selbstbewusstsein zu finden. Der Künstler schafft sich seine Welt. Indem er Kunst produziert, produziert er sich selbst; jedenfalls soweit es um die immaterielle Seite seines Seins geht.
Und für uns Betrachter ist Kunst der Raum ohne Grenzen. Hier können wir - sei es sinnlich oder intellektuell- nach Sinn fragen, indem wir ein Gegengewicht zu Zweckbestimmungen und Funktionalisierungen schaffen.
Kunst wird so zum Erfahrungsraum jenseits unserer marktgemäßen Rollen als Arbeitskraft und Konsument. Kunst verwirklicht den alten Wunsch nach individueller Freiheit, nach Sinn- und Selbstbestimmung, ist aber auch der Ort phantasievoller Kritik und neuer Fragen nach Handlungsorientierung.
In der Sphäre der Kunst findet die ständige Selbstreflexion der Gesellschaft über ihre Werte und Standards statt. Deswegen ist es nicht nur für die Individuen und ihre Lebensqualität, sondern auch für die Entwicklung der Gesellschaft wichtig, dass möglichst viele Menschen in jenen kulturellen Diskurs einbezogen werden, der mit dem Medium der Künste stattfindet.
Mit Ihnen - sehr verehrter Herr Schlingensief - zeichnet die Stadt Mülheim an der Ruhr einen der bedeutendsten Künstler im deutschsprachigen Raum aus.
Dies zeigt und bestätigt, dass der Ruhrpreis - obwohl er auf eine nun schon 47 Jahre dauernde Tradition zurückblicken kann - eine lebendige und von der Substanz her aktuelle Einrichtung ist, eine Einrichtung, deren wesentlicher Inhalt neben der Förderung junger Menschen die Anerkennung herausragender Leistungen in Kunst und Wissenschaft ist.
Die Laudatio, die wir im Anschluss von Herr Professor Brock hören werden, wird uns den Menschen Christoph Schlingensief näher bringen und Einblicke in sein künstlerisches Schaffen bieten.
Aus diesem Grunde möchte ich mich darauf beschränken, den Preisträger in einigen wenigen Sätzen vorzustellen, die insbesondere auch seine Verbindung zu unserer Stadt darstellen.
Christoph Schlingensief wurde zwar in Oberhausen geboren, allerdings ist er in Mülheim an der Ruhr aufgewachsen. Und hier machte er auch seine ersten künstlerischen Schritte. Anfang der 80er Jahre arbeitete er als Assistent des Mülheimer Experimentalfilmers und Ruhrpreisträgers Prof. Werner Nekes. In Mülheim an der Ruhr drehte er auch seine ersten eigenen Kurzfilme. Seine darauf folgenden Langfilme werden von der Fachkritik zwar eingehend besprochen, allerdings noch nicht landesweit in den Kinos gezeigt. Sie bringen ihm jedoch eine erste Auszeichnung ein, denn 1988 wird ihm der Förderpreis zum Ruhrpreis für Kunst und Wissenschaft auf dem Gebiet der Filmkunst verliehen.
Heute können wir forsch behaupten, dass diese Auszeichnung das Ereignis war, das eine Folge weiterer Ereignisse, Ideen oder Entwicklungen auslöst hat, quasi eine Initialzündung für eine große Karriere war. Denn danach hat Christoph Schlingensief konsequent und mit großer Ausdruckskraft an seinem außerordentlichen Erfolg gearbeitet. Das breite Spektrum seiner Begabungen ermöglichte es ihm dabei, sich virtuos zwischen Film und Theater, Oper und Museum zu bewegen.
Er startet seine Karriere als Theaterregisseur an der Berliner Volksbühne. Durch die Aufmerksamkeit, die seine Projekte dort erfahren, wird er zu Produktionen von den großen Staats- und Stadttheatern u. a. nach Hamburg, Frankfurt, Zürich und Wien eingeladen. Dann wendet er sich der Kunstform Oper zu:. In Bayreuth steht seine Inszenierung des „Parsifal" drei Jahre lang auf dem Spielplan der Richard-Wagner-Festspiele. An der Deutschen Oper Berlin präsentiert er mit „Jeanne d'Arc - Szenen aus dem Leben der heiligen Johanna" eine weitere mit großem Applaus bedachte Produktion.
Und vor gut zwei Jahren begann er seine Karriere als Bildender Künstler. Seine Installation „18 Bilder pro Sekunde", die Motive der anlässlich der Wagner-Festspiele in Manaus/Brasilien entstandenen Inszenierung des „Fliegenden Holländer" aufgreift, wurde im Haus der Kunst in München ausgestellt. Danach folgten weitere, viel beachtete Präsentationen in Zürich, Sao Paolo, London, Innsbruck und Amsterdam.
Die Juryentscheidung für den Ruhrpreis 2007 - und damit schließe ich an meine grundlegenden Überlegungen zur Funktion von Kunst für das Individuum und die Gesellschaft an - ist damit begründet worden, dass der Allroundkünstler Christoph Schlingensief in seinen Arbeiten immer an physische und psychische Grenzen geht. Dass er dabei immer sich, seinen Akteuren und dem Publikum schmerzhafte Erfahrungen zumutet.
An diesem Weg offenbart sich die Geschichte des europäischen Geistes im Widerstreit von Wirklichkeit und Wahn, Himmel und Hölle. Die alte faustische Frage, zu erkennen, „was die Welt im Innersten zusammenhält", führt zu neuen Ausdrucks- und Gestaltungsformen. Das jeweils Neue und Moderne überlagert das Althergebrachte.
Wer als Künstler etwas anstoßen will, riskiert, von seinen Zeitgenossen als anstößig empfunden zu werden. Das Anstößige ist immer das Regelwidrige und Normverletzende. Nur so eröffnen sich in einer Zeit, die im Vergleich zur jeweils vorangegangenen um ein Vielfältiges komplizierter und komplexer ist, neue Horizonte und Sichtweisen des Verstehens des Menschen und seiner Zeit. Zu verstehen und verstanden zu werden ist der Anspruch jeder Kunst. Künstler sind so die unerläßlichen Visionäre der Zukunft.
Es ist rückblickend mit Freude festzustellen, dass die Stiftung des Ruhrpreises sinnvoll und richtig war und dass dieser Preis seit Jahrzehnten eine wichtige Rolle im kulturellen Leben nicht nur in unserer Stadt spielt, ja sogar weit über die Stadtgrenzen hinaus wirkt. Der Ruhrpreis ist unser „Kulturbotschafter".
Und festzustellen ist: Die KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen aus Mülheim an der Ruhr sind wesentliches Kreativ- und Innovationspotential für die Entwicklung dieser Stadt. Wir brauchen sie notwendiger denn je.
Und wir brauchen dafür Partner, die uns in dieser Idee folgen und der Stadt Mülheim an der Ruhr bei der Auslobung von Preisen und Preisgeldern zur Seite stehen.
Mit der Sparkasse Mülheim an der Ruhr haben wir seit vielen Jahren einen solchen Partner gefunden. Dafür möchte ich Dank sagen und gleichzeitig die Hoffnung aussprechen, dass die Sparkasse Mülheim an der Ruhr uns und den Ruhrpreis auch weiterhin unterstützen möge.
Vielen Dank.
Kontakt
Stand: 03.02.2010













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