Verleihung Dramatikerpreis Stücke 2009

Sehr geehrter Herr Pollesch,

sehr geehrte, liebe Frau Jelinek – ein herzlicher Gruß von der Studiobühne in Mülheim zu Ihnen nach München,

ich begrüße die Schauspieler und Schauspielerinnen aus Berlin und München,

als Vertreter der Staatskanzlei NRW Herrn Hoffmann,

den Intendaten der Münchner Kammerspiele, Herrn Baumbauer,

und natürlich Sie, liebe Freunde und Freundinnen der Mülheimer Theatertage!

 

Wir feiern heute erneut die großartige Autorin Elfriede Jelinek und ihren dritten Dramatikerpreis in Mülheim an der Ruhr für "Rechnitz (Der Würgeengel)" in der Inszenierung der Münchner Kammerspiele.

Wir feiern René Pollesch für "Fantasma" in der Aufführung des Burgtheaters Wien. Er ist in Mülheim beliebt. Nicht nur der Publikumspreis zeigt das. Auch das ungeduldiger werdende Warten auf den 2. Teil der Ruhrtilogie "Cinecitta Aperta" ist von dieser Zuneigung aufgeladen.

Wir feiern mit den 34. Mülheimer Theatertagen NRW "Stücke `09" ein Festival, dem die Kritiker Vitalität und Klasse bescheinigen, das die Ensembles offenbar mögen, das für die Mülheimer und die Region Bestandteil der kulturellen Jahresarchitektur ist. Die diesjährige Auslastung mit fast 95 % beweist das.

Das diesjährige Festival hat in so geballter Form Außergewöhnliches geboten, so starke Stücke auf die Bühne gebracht, so glänzende Schauspieler präsentiert, so atemberaubende Inszenierungen realisiert, dass die ganze Stadt davon eigentlich ein Jahr lang zehren könnte.

Und ist das von vielen Künstlern hoch gelobte Publikum in Mülheim war wieder ein Garant für den Erfolg unseres Theaterfestivals. Wie schön, dass es so ist!

Die Stücke in den Inszenierungen der Bühnen aus München, Chemnitz, Zürich, Hamburg, Bonn, Hannover und Wien sorgten auch nach den Aufführungen wieder für viel Gesprächsstoff und engagierte Diskussionen.

Das Rahmenprogramm mit den "KinderStücken" und dem Fest ist inzwischen etabliert, und hier gibt es gute und wichtige Neuigkeiten.

Die "KinderStücke" werden mit Unterstützung der Staatskanzlei NRW und des Kulturstaatssekretärs Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff ab 2010 in der Struktur der "Stücke" veranstaltet.

Ein Auswahlgremium ist bereits berufen und sichtet die Uraufführungen. Konkret:

Im nächsten Jahr wird erstmalig der neue Preis in Höhe von 10.000 EUR an das beste "KinderStück" vergeben.

Hervorheben möchte ich auch die in den letzten Jahren entwickelte internationale Öffnung des Festivals. In diesem Jahr waren Übersetzer aus 26 Ländern zu Gast, die unser Festival begleiteten und sich mit den Stücken auseinander setzten.

Das diesjährige Symposium "Blick-Wechsel:Bild-Wechsel" zeigte, wie der Bild- und Sprachtransfer in der Praxis funktioniert, wenn Theater auf Reisen geht.

Wir haben das Gastspiel des Theaters aus Uruguay mit dem Stück "Das letzte Feuer" von Dea Loher als eindrucksvolles Beispiel dafür erleben können.

Es geht bei Festivals wie diesem vorrangig um die Kunst, aber es geht auch immer um die Bedeutung von Kunst und Kultur in unseren Städten – also auch in Mülheim an der Ruhr –und das in Zeiten der Krise, so sieht es jedenfalls der Deutsche Städtetag. Gestatten Sie mir einen kurzen Exkurs in dieser Sache.

Eine Zeit der Finanz- und Wirtschaftskrise, von der wir zwar wissen, dass sie alle bisher bekannten Ausmaße von vergleichbaren Krisen in den Schatten stellt. Eine Zeit staatsbürgerlicher Verweigerung mit steigenden Nichtwählerzahlen und z.T. wüst artikuliertem Frust über die etablierte politische Klasse.

Eine Zeit der Gefährdung des demokratischen Grundmodells zumindest in einigen europäischen Nachbarstaaten – in gefestigten und jungen Demokratien gleichermaßen – durch rechtspopulistische Strömungen, die unsere Ideale von Toleranz und Solidarität unterhöhlen, die unsere Wertvorstellungen von Demokratie beschädigen und die Tür zu unzivilisierten Nebenräumen öffnen.

Was ist dagegen zu tun? Lassen wir den 1935 geborenen Theaterintendanten Hansgünther Heyme antworten, den ich zitiere: "Der Staat muss die Kultur auch in der Zukunft fördern, genau so wie er die Müllabfuhr finanziert. Das Theater ist die Müllabfuhr für die Seele!"

Klarer kann man die Klassifizierung von Kultur als unverzichtbarem Bestandteil kommunaler Daseinsvorsorge wohl kaum formulieren.

Deutlicher lässt sich die Verpflichtung zur Sicherung von Kunst und Kultur in einem Gemeinwesen für die politisch Verantwortlichen kaum herleiten.

Zur Funktion des Theaters sind im Verlauf der abendländischen Kulturgeschichte zahlreiche Metaphern, Bilder und Vergleiche an die Seite geprägt worden. Für mich sind Schillers "Schaubühne als moralische Anstalt" und seine Briefe zur ästhetischen Erziehung des Menschen dabei immer die wichtigsten gewesen.

Zurück zu uns: Mülheim an der Ruhr versteht sich als Theaterstadt – und das zu Recht.

Mit den Festival "Stücke", den "Impulsen", dem einzigartigen Theaterprojekt des "Theater an der Ruhr", mit dem "Ringlokschuppen" als Star in der freien Theater-Szene im Land und den zahlreichen Amateur- und Schülertheatern hat die Stadt in der Tat "Theater im Blut".

Und was für das Theater und die Möglichkeiten der Welt-Erfahrung durch das Geschehen auf der Bühne gilt, ist auch für die ganze Bandbreite künstlerischen und kulturellen Schaffens in Mülheim unbestritten: Sie sind unverzichtbar.

Wir brauchen das alles, damit unsere Seelen gesund bleiben. Damit unsere Kinder ihre Anschauung von der Welt ausbilden und an ihr später aktiv und erfüllend teilhaben können, brauchen sie ein Höchstmaß an kultureller Bildung.

Damit in Zeiten wie diesen Demokratie und Menschenrechte, Zivilisation und Humanität gesichert bleiben und die Türen zu den Nebenräumen der Barbarei fest verschlossen!

Künstlerische Vielfalt, breiteste kulturelle Teilhabe aller und ein reiches und lebendiges kulturelles Klima in der Stadt. Das ist mein Bild von Mülheim, ich habe es schon oft beschrieben, und es ist mir wichtig, mich heute ein weiteres Mal dazu zu bekennen.

Bei keinem anderen Theatertreffen steht der Autor so uneingeschränkt im Mittelpunkt des Interesses. Deshalb wird auch die Feierstunde zur Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises und des Publikumspreises traditionell ganz nach den Wünschen des Autors oder der Autorin gestaltet.

René Pollesch wünscht auch in diesem Jahr keine Laudatio, er möchte mit seiner Kunst die Vergabe des Preises kommentieren.

Ich gratuliere den Preisträgern von Herzen und voll Dankbarkeit dafür, dass sie den Müll aus unseren Seelen abgefahren haben.

Kontakt


Stand: 22.06.2011

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

Sicherheitscode (Was ist das?)

 

Bookmarken | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel