In der kleinen, sparsam eingerichteten Küche sitze ich im August 2007 Leon Romanko an einem wackligen Tisch gegenüber, Paul Schäfer hat mir behutsam Zugang ermöglicht. Aus tiefen, dunklen Augen blickt mich der ehemalige Zwangsarbeiter an, die blond-grauen Haare sind mit einem Band gehalten, unter dem offenen Hemd zeigt sich ein hagerer Körper. Es wird dunkel und ich nehme mir erst einmal Werkzeug, um die Lampe an der Decke anzuschließen, damit ich bei Licht schreiben kann. Eine auf dem Boden stehende Küchenschranktür schraube ich dann beim Hinausgehen auch noch fest.
Weit weg im Osten Europas: Leon Romanko wurde am 9. August 1926 in Perechynsko geboren, 7.000 Einwohner gab es damals dort. Das ist in der Ukraine, in Galizien, an der Südgrenze Polens. Die nächst größere Stadt ist Stanislaus (heute Iwano-Frakiwsk). Im kleinen Holzhaus auf dem 17 Morgen großen Stück Land der Familie wächst er mit vier weiteren Geschwistern auf. Hier wird Landwirtschaft betrieben, man ist Selbstversorger, der Vater machte noch ein wenig Geld mit Tischlerarbeiten. Mehr als drei Jahre Schule bekommt Leon Romanko nicht und eine richtige Berufsausbildung hat er auch nie gemacht. Von Kindheit an war er gezwungen, hart zu arbeiten. Das war zwar ein armes, aber wie er sagt "ganz glückliches Leben". In seiner Jugend war Perechynsko und die Gegend ringsherum mal von Polen und dann ab 1939 von Deutschen besetzt, die dort ihr Unwesen trieben.
Hitlers Banden rauben Menschen: Die ganze Brutalität des großdeutschen Wahns holt Leon Romanko mit 16 Jahren ein, im Juli 1942. Die deutschen Besatzer suchen junge, arbeitsfähige Menschen vor allem für die Kriegsindustrie und für die Landwirtschaft in Deutschland. "Du musst zum Sammelort für Zwangsarbeiter", sagt der Vater. Was blieb dem Vater auch anderes übrig, man hatte die Familien im Ort gezwungen, ihre Söhne und Töchter lozuschicken. Sollten sie dies nicht tun, drohten den Familien Strafen, Gewalt, Repressalien.
Zum Sammelort und bis zur nächsten großen Bahnstation, das waren erst einmal 30 Kilometer Fußmarsch, den diese jungen Leute machen mussten. Anschließend ging es dann auf eine achttägige, qualvolle, menschenunwürdige Zugfahrt. Eingefercht in einem Güterwagen, wie Vieh, zusammen dort mit ca. 60 Menschen, ging es Tag und Nacht Richtung Norddeutschland. Wasser war Mangelware, die hygienischen Verhältnisse waren mies. Jeder bekam ein einziges Brot und wären da nicht unterwegs einige helfende Bauern gewesen, wäre diese Tortour für alle noch schlimmer gewesen.
Verteilt wie Vieh: Das Ziel dieses Transports mit "Fremdarbeitern", wie die Nazis diese Menschen verharmlosend nannten, von der Ukraine nach Deutschland, war Bad Oldesloe bei Lübeck. Hier wurde Leon Romanko einem Bauern bei Ratzeburg zugewiesen, wo er dann in den nächsten anderthalb Jahren schuften musste. 16 Stunden am Tag, von Sonnenaufgang bis -untergang, sieben Tage die Woche, also auch am Samstag und am Sonntag, zum Beispiel um Steine zu sammeln, draußen auf dem Feld. Geschlafen wurde mit vier Mann in einem Schuppen ohne Feuerstelle, in mehrstöckigen Betten. Gehungert wurde, denn zu Essen gab es nie genug. Denunziert vom Bauern, weil Romanko vor diesen Umständen geflohen war, kam er dann bis Ende des 2. Weltkrieges in eine Strafkolonie und musste Schützengräben ausheben oder Eisenbahnlinien reparieren, die durch Bomben getroffen waren. "Hier haben wir auf dem nackten Betonboden geschlafen, wenn es Stroh gab, dann viel zu wenig und Hunger hatten wir immer".
Kriegsende 1945: Für viele Zwangsarbeiter eine Befreiung und die Chance, in ihr Heimatland zurückzukehren. Leon Romanko blieb als einer der wenigen hier, denn er vertraute der Propaganda der Briten die warnten: "Geht nicht in den Osten, geht nicht zurück, dort ist es schlimm, dort herrscht der Kommunismus!" Der kalte Krieg hatte schon begonnen. So wurde aus dem ehemaligen Zwangsarbeiter ein Wachmann, erst in einer englischen Kaserne bei Lübeck, später dann hier bei uns im Westen, bei den Engländern in Brügge, an der holländischen Grenze, wo er bis 1949 blieb. Der Weg nach Mülheim an der Ruhr war dann nicht mehr weit. Romanko wollte was anderes machen und fand hier in unserer Stadt Arbeit in unterschiedlichen Firmen, im Tiefbau, im Straßenbau, im Hochbau, als Dachdecker, als Schweißer, als Handlanger. Aber das waren keine dauerhaften Beschäftigungsverhältnisse, sondern nur gelegentliche Arbeit. "Anfangs haben wir in Lagern gelebt, schlechte Menschen dort, schlechtes Leben nach dem Krieg in Deutschland", so Romanko.
Deutschland als Heimat? Leon Romanko ist jetzt 65 Jahre in Deutschland und davon ca. 50 Jahre in Mülheim, er ist staatenlos. Er hat sein Leben lang hart gearbeitet, er ist alt geworden hier bei uns, aber er ist nie in unserer deutschen Gesellschaft angekommen.
Es bleiben Fragen: Wir sitzen immer noch in der Küche, Leon Romanko hat mir sein Leben erzählt und kocht sich nebenbei Eier. Sicher, er hat zu Essen und zu Trinken, und es reicht, denn er ist sparsam, dieser stolze alte Mann mit den ausdrucksvollen Augen. Aber er ist arm und er ist mittlerweile sehr verbittert. Haben wir uns um diesen Menschen ausreichend gekümmert? Das Interview war anstrengend, es hat mich bewegt - ich bin nachdenklich, sehr nachdenklich.
Nachruf: Leon Romanko ist am 13. Februar 2008 hier bei uns in Mülheim an der Ruhr gestorben.
Klaus Wichmann, im August 2007 / Februar 2008
Die Ukraine, fast 50 Mio. Einwohner, ist mit 603.700 qkm flächenmäßig der größte Staat in Europa, welches ganz auf diesem Territorium liegt. Sie grenzt an Russland und Weißrussland im Osten und Norden, an Polen, die Slowakei und Ungarn im Westen sowie an Rumänien und Moldawien im Süden. Die Karpaten im Westen und das Schwarze Meer sowie das Asowsche Meer im Süden bilden eine natürliche Grenze. Als wasserreichster und zugleich ökonomisch wichtigster Fluss durchzieht der Dnirpo (Dnjepr) das Land von Nord nach Süd.
In der Vergangenheit bildete der Fluss zugleich eine Grenzlinie, die das Land in Regionen mit unterschiedlicher historischer Entwicklung teilte. So gehörte das linksufrige Land über mehrere Jahrhunderte zu Russland, während die westufrigen Landesteile abwechselnd unter der Herrschaft von Litauen, Polen und Österreich standen. Der größte Teil des ukrainischen Territoriums besteht aus einer Tiefebene mit fruchtbaren Schwarzerdeböden. Es herrscht gemäßigt kontinentales Klima. (Quelle: Botschaft der Ukraine in der Bundesrepublik Deutschland)
| Unabhängigkeitsplatz („Majdan“) in Kiew |
Bis zum Zweiten Weltkrieg lebten in der Ukraine sehr viele Juden, die jedoch zu großen Teilen während der Besatzung durch das Deutsche Reich von SS-Einsatzgruppen ermordet wurden. Die Ukraine war eines der Hauptverbreitungsgebiete der jiddischen Sprache. Die Überlebenden wandern seitdem in die USA, nach Israel und zum kleinen Teil nach Deutschland aus. 2001 lebten noch rund 100.000 Juden in der Ukraine.
73 % der Ukrainer sprechen Ukrainisch als Muttersprache oder Zweitsprache, 74,4 % beherrschen Russisch. Die Ukraine ist traditionell ein konfessionell gemischtes Land. Dominierend sind die orthodoxen Kirchen, 46 % der Ukrainer sind Anhänger der Ukrainisch-orthodoxen Kirche und der Ukrainisch-orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats.
Kiew ist mit ca. 2,7 Mio. Einwohnern die Hauptstadt und größte Stadt der Ukraine sowie Verwaltungssitz der Oblast Kiew. Sie liegt am bis hierhin für kleinere Seeschiffe befahrbaren Dnepr (Quelle: Wikipedia, 2010)
Quelle Karte: Generic Mapping Tools: http://gmt.soest.hawaii.edu
Foto: Unabhängigkeitsplatz ("Majdan") in Kiew, Wikipedia, Vadim Schneider
Redaktion: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im April 2010
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