Archiv-Beitrag vom 22.12.2009Vorurteile machten Anerkennung Platz

Pflegeschüler des St. Marien-Hospitals Mülheim absolvierten Praktikum im türkischen Beykoz.

Pflegeschüler des St. Marien-Hospitals Mülheim absolvierten Praktikum im türkischen Beykoz

 

Türkische Krankenhäuser? Oh je, da spürt man doch gleich, wie sich die Vorurteile im eigenen Kopf zusammenballen. Sechs Jugendliche aus Mülheim, Pflegeschülerinnen und -schüler des St. Marien-Hospitals machten die Probe aufs Exempel: Während eines einwöchigen Praktikums im staatlichen Krankenhaus in Beykoz wichen ihre Vorurteile einer differenzierten Sichtweise. Ihr Fazit: Vieles ist anders, manches deutlich besser als Zuhause.

Doch Schritt für Schritt:  Anfang Oktober trafen die sechs Mülheimer Schüler und Jürgen Ohms, Leiter der Contilia Akademie und der Krankenpflege des St. Marien-Hospitals, in Mülheims Partnerstadt Beykoz, einer Mittelstadt nahe Istanbul, ein. In Beykoz befindet sich auch das Partnerkrankenhaus, in dem die jungen Mülheimer mit einer Herzlichkeit empfangen wurden, "mit der wir nicht gerechnet hatten", wie sie übereinstimmend sagen. Und sie stellten fest, dass das große Wort der "Krankenhaus-Familie, in die sie aufgenommen werden sollten" nicht übertrieben war. Gemeinsames Frühstück, auch mit der Klinikleitung, war an der Tagesordnung. Bis in die Nacht machten die neuen Kollegen mit ihnen Programm, um ihnen zu zeigen, was Stadt und Umland zu bieten haben. Interessant und aufregend - aber auch ganz schön anstrengend! Vor allem für Saadet Demir (22) und Sibel Erdogan (19), die pausenlos dolmetschen mussten. Groß war auch das Interesse der Medien, immerhin handelte es sich um das erste derartige Projekt. "Wir wurden ständig von Presse begleitet und überall wie die Fürsten empfangen", erinnern sich die Schüler.

Dabei verloren sie den Zweck ihres Besuchs nicht aus den Augen: Tagsüber wurden sie in den Krankenhausalltag integriert, lernten verschiedene Stationen kennen und halfen mit; zum Beispiel in der Ambulanz. Nadine Menzel: "Ich habe eine Spritze intramuskulär gesetzt. Das werde ich nie vergessen." Womit sie einen wesentlichen Unterschied zwischen den Berufsbildern anspricht: Türkische Krankenschwestern haben ein Studium mit Bachelor- oder Masterabschluss absolviert, arbeiten Hand in Hand mit den Ärzten und leisten Tätigkeiten, die hierzulande dem Arzt vorbehalten sind. Die Grundpflege, beruflicher Alltag der Mülheimer Pflegeschüler, übernehmen im türkischen Hospital die Angehörigen, die den Kranken rund um die Uhr begleiten.

Anna Tschirner (22), Nina Prescher (21) und Georg Canzler (24) erlebten das als großen Vorteil: Die Schwestern hätten dadurch deutlich mehr Zeit für den Patienten. Die Patienten seien zufriedener, würden zum Beispiel die Klingel am Bett kaum benutzen. Zufriedener erlebten die deutschen Gäste auch die Schwestern, die sich einerseits großer Anerkennung erfreuen, anderseits aber trotz ihrer hohen Qualifikation wenig verdienen. "Alle arbeiten gelassen, ohne Stress und sind freundlich."

Beeindruckt waren die Türkeireisenden außerdem von der ausgezeichneten Organisation, dem hohen Personalschlüssel, dem technischen und hygienischen Standard des Krankenhauses. Georg Canzler: "Zwei-Bett-Zimmer auch für Patienten, die nicht privat versichert sind, haben wir nicht." Und was hat ihnen nicht gefallen? "Die 24-Stunden-Schichten für einige Mitarbeiter", sagt Anna Tschirner. Da lobe sie sich doch das deutsche 3-Schichten-System.

Die sechs Pflegeschüler des St-Marien-Hospitals machten den ersten Schritt in einem Austausch, der Zukunft hat. "Alle wollen kommen", fasst Jürgen Ohms zusammen. Tatsächlich kommen wird aber zunächst eine Gruppe aus Beykoz; im Frühjahr. Dafür planen die Mülheimer Schüler schon jetzt. Schließlich sollen ihre Gäste von dem Besuch genauso überwältigt sein, wie sie es waren.

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Stand: 11.01.2010

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