Ich sitze im Auto und fahre von Mülheim nach Wuppertal. Auf der Strecke zwischen Hilden und meinem Zielort ist die Gegenseite komplett gesperrt, ein Laster ist umgekippt, 20 km Stau. Ein Glück denke ich, bin mir nämlich nicht ganz sicher, ob ich bei Sanija Mehmeti pünktlich ankomme. Wir haben einige Mails ausgetauscht, miteinander telefoniert und ich bin neugierig geworden. Da gibt eine Roma, sie ist Muslima und hat, so wie es scheint, eine Menge erlebt, oft Schlimmes – und sie will in Deutschland arbeiten. Aber das schafft sie jetzt seit 16 Jahren nicht.
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So begann alles, eine Mail, ein Hilferuf an migration-geschichte.de:
Sehr geehrte Damen und Herren,
zufällig bin ich auf diese Seite gestoßen und dadurch wurde mein Interesse geweckt. Ich bin beeindruckt, dass sie sich für Migranten so einsetzen, die aus fremden Ländern in Deutschland sind und sich hier ihre Zukunft aufbauen wollen. Ich bin seid 1994 in Deutschland und besitze eine Niederlassungserlaubnis (1), aber leider kann ich meine Träume nicht verwirklichen und mich nicht für die Gesellschaft nutzbar machen, trotz meines Wirtschaft-Diplom-Abschlusses.
Ich komme aus Kosovo und in den 90er Jahren war ich erste Romafrau, die studiert hat. Ich war tätig als Lehrerin auf einer Gesamtschule für die Roma-Sprache, als Springer in Mathe, Englisch und serbische Sprache. Aus Einsparungsgründen musste ich dann aber als Radio-Fernseh-Moderatorin arbeiten. Das habe ich zwei Jahre gemacht, das war die schönste Zeit meines Lebens, leider aber zu kurz.
Dann kam ich in ein fremdes Land, das ich nur aus dem Fach Erdkunde kannte und ich danke dem Land, dass ich hier weiter hin leben kann. Deutschland war die Lebens-Rettung für mich und mein Mann. Erfolgreich habe ich die Deutsche Sprache gelernt und eine Weiterbildung als Lohnbuchhalterin gemacht, aber mein größer Wunsch wäre, dass ich als Dolmetscherin arbeiten kann. Oder besser noch als Radio-Moderatorin. Bitte helfen sie mir, meinen Traum zu verwirklichen! Wenn sie irgendwelche Ideen haben, schreiben sie mir bitte zurück auf die angegebene Adresse. Ab dem 1. Juni 2010 ziehe ich nach Wuppertal. Und Mühlheim an der Ruhr wäre nicht weit entfernt von Wuppertal.
Mit freundliche Grüßen, Sanija Mehmeti
Geschafft, ich werde freundlich empfangen und bin im obersten Stockwerk eines großen Wohnblocks, habe einen schönen Blick über Wuppertal und sitze jetzt Frau Mehmeti in einer blitzblanken, hellen Wohnung gegenüber. Nebenan wuseln zwei Kinder, ein Mädchen und ein Junge. Das dritte Kind der Familie ist gerade nicht im Haus, der Ehemann arbeitet.
Sanija Mehmeti (42) erzäht: „Ich bin in der Hauptstadt des Kosovo, in Priština geboren. Mein Vater war zuzeiten Titos als Chef einer Möbelfabrik tätig, uns ging es gut. Wir sind Roma und Muslime und unsere Familien sind schon seit Generationen im Kosovo. Zum Studium, was damals ganz ungewöhnlich war, bin ich durch Vermittlung eines Bekannten aus dem Rathaus in Priština gekommen. Habe acht Semester studiert und mein Diplom in Wirtschaftwissenschaften gemacht. Dann fand ich Arbeit in einem Dachdeckerbetrieb und später habe ich die Radiosendung in Romasprache moderiert. Mit Beginn des Kosovokrieges 1999 wurde es gefährlich. Wir Roma litten unter Verfolgung, Diskriminierung, Vertreibung und hatten Angst um unser Leben. Als Kriegflüchtlinge kamen wir hier in Deutschland zuerst nach Wilhelmshaven, dann nach Verl und von dort nach Wuppertal.“
Ja, ich erinnere mich noch gut. Damals fragte ich mich, was machen deutsche Soldaten auf dem Balkan, es ist Krieg und wir Deutschen sind wieder einmal mit dabei? Ein Krieg, mitten in Europa, nur anderthalb Flugstunden weg von hier und doch weit genug weg, um nicht wirklich zu spüren, was die Menschen dort erleben müssen.
Sanija Mehmeti: „In einer meiner Radio-Sendungen habe ich eine Meldung verlesen, ohne nachzudenken. Ich berichtete, 300.000 Serben sind umgebracht worden. Es hätte aber nach Sprachregelung der Offiziellen heißen müssen, 300.000 Muslime sind umgebracht worden, Das war fatal, ich befürchtete Schlimmstes.“
In Wuppertal ist die Familie Mehmeti jetzt, weil der Vater einen Zeitvertrag über ein Jahr als Kraftfahrer bekommen hat und man hofft natürlich, dass es eine längere Beschäftigung sein wird. Und Sanija Mehmeti hat einen Traum: Auch sie will arbeiten. Sehr gerne zum Beispiel als Dolmetscherin oder noch besser – als Radiomoderatorin. Da hat sie schon ganz konkrete Vorstellungen. Die Sendung soll vor allem in der Romasprache moderiert werden und weil sie auch Deutsch kann, natürlich zweisprachig. Es soll viel Musik gespielt werden, Romamusik, das könnte ein „Wunschkonzert“ sein. Und später dann, wenn die Sendung angenommen wird, könnten auch tageaktuelle Meldungen einfließen, über die alte Heimat, über das Leben der Roma.
Das hört sich gut an. Mal schauen, wer helfen kann? Ach ja: Zum Schluss gab es noch einen richtig guten Kaffee, aus frisch gemahlenen Bohnen, der herrlich roch und wunderbar schmeckte.
Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im August 2010
(Foto: Klaus Wichmann)
Faru Mehmenti darf arbeiten: Sie erfüllt alle Kriterien der Niederlassungserlaubnis
(1) Deutsches Ausländerrecht/Niederlassungserlaubnis/ein Aufenthaltstitel nach dem seit dem 1. Januar 2005 geltenden Aufenthaltsgesetz. Die Niederlassungserlaubnis wird zum Zwecke der Verfestigung des Aufenthalts eines Ausländers im Bundesgebiet erteilt und ist unbefristet. Darüber hinaus berechtigt sie sowohl zur Beschäftigung als Arbeitnehmer als auch zur Ausübung einer selbständigen Erwerbstätigkeit. Die Niederlassungserlaubnis kann daher als die rechtlich stärkste Form eines der drei Arten des Aufenthaltstitels bezeichnet werden
Die grundsätzlichen Voraussetzungen zur Erteilung einer Niederlassungserlaubnis sind gemäß § 9 Abs. 2 S. 1 AufenthG:
- der fünfjährige Besitz einer Aufenthaltserlaubnis
- die Sicherung des Lebensunterhalts
- der Nachweis von mindestens 60 Monaten Pflichtbeiträgen zur gesetzlichen
- Rentenversicherung
- die grundsätzliche Straffreiheit
- die Erlaubnis zur Beschäftigung als Arbeitnehmer
- der Besitz der Kenntnis zur Ausübung der Erwerbstätigkeit
- ausreichende Kenntnisse der deutschen Sprache
- Grundkenntnisse der Rechts- und Gesellschaftsordnung und der Lebensverhältnisse in Deutschland
- ausreichender Wohnraum
Ein Binnenland in Südosteuropa auf dem westlichen Teil der Balkanhalbinsel. Seine Bevölkerung wird auf rund zwei Millionen Einwohner geschätzt. Die neuere Geschichte ist durch den Kosovokrieg von 1999 und dessen Folgen geprägt. Der völkerrechtliche Status des Landes ist umstritten. Am 17. Februar 2008 proklamierte das Parlament in der Hauptstadt Priština die Unabhängigkeit des Territoriums von Serbien. Bisher erkennen 69 der 192 UN-Mitgliedstaaten die Republik Kosovo als unabhängig an. [4] Serbien betrachtet Kosovo unverändert als seine Autonome Provinz Kosovo und Metochien (Autonomna pokrajina Kosovo i Metohija/Аутономна покрајина Косово и Метохија, kurz Kosmet/Космет; albanisch Krahina Autonome e Kosovës dhe Metohisë). Der Internationale Gerichtshof (IGH) gelangte am 22. Juli 2010 in einem rechtlich nicht bindenden, von der UN-Generalversammlung auf serbische Initiative angeforderten Gutachten zu dem Ergebnis, dass die Unabhängigkeitserklärung des Kosovo nicht gegen das Völkerrecht verstoße. [6] Kosovo wurde nach dem Kosovokrieg – bei formeller Wahrung der Zugehörigkeit zu Jugoslawien – durch die UN-Resolution 1244 unter die Verwaltungshoheit der Vereinten Nationen gestellt. [7] Zudem wird die politische Entwicklung seit dem 9. Dezember 2008 durch die Rechtsstaatlichkeitsmission der Europäischen Union im Kosovo („EULEX Kosovo“) überwacht. Dies gilt auch für die Region Nordkosovo, die von der Regierung Kosovos derzeit nicht kontrolliert wird. Das Land ist Mitglied im Internationalen Währungsfonds (IWF) und in der Weltbankgruppe seit Juni 2009.
Einzelnachweise:
[4] a b c Siehe die Webseite des kosovarischen Außenministeriums: Countries Recognitions
[6]Gutachten des Internationalen Gerichtshofs
[7] Seit dem 12. Juni 2008 beschränkt sich die Rolle der am 10. Juni 1999 eingerichteten UNMIK auf sog. Residualzuständigkeiten. Ihre ursprünglichen Aufgaben sind von den kosovarischen Behörden und von EULEX Kosovo übernommen worden; siehe hierzu z. B. Kosovo – Aufbau von Institutionen für Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und den Schutz von Minderheiten, u. s. Infobox „Hintergrund: Internationale Präsenzen in Kosovo“, Webseite des Auswärtigen Amts. Abgerufen am 26. Juli 2010.
(Karte Kosovo, Quelle: Wikipedia, The Cartographic Section of the United Nations (CSUN), Urheber: Cartographer of the United Nations)
Ethnische Minderheiten im Kosovo
| Karte Verteilung der Roma, Aschkali und Ägypter im Kosovo (Quelle: Wikipedia) |
Im Kosovo leben neben der albanischen Mehrheit eine Reihe von ethnischen Minderheiten, von denen die größte die der Serben ist. Außerdem sind Türken, Bosniaken, Kroaten (die Janjevci), die slawisch sprechenden muslimischen Torbeschen und Goranen, die Roma und die den Romagruppen zugerechneten Aschkali und Ägypter vertreten. „Zigeuner“ (AdR.: u.a. gebräuchlich auch für Roma) ist eine seit dem 15. Jahrhundert im deutschen Sprachraum belegte Fremdbezeichnung. Die wesentlichen nationalen und internationalen Interessenvertretungen der Roma lehnen die Anwendung des Begriffs auf Roma wegen der stigmatisierenden Konnotationen, die bis zu rassistischen Vorurteilen reichen, ab. Sie verstehen das Wort gleichsam als Überschrift über eine lange Verfolgungsgeschichte mit ihrem Höhepunkt im Porajmos, dem Völkermord an den europäischen Roma unter der NS-Herrschaft. (Quelle: Wikipedia)
Aktuelle Situation: Deutschland und Kosovo unterzeichnen Rücknahmeabkommen
Donnerstag, 15. April 2010: Bundesinnenminister Dr. Thomas de Maizière und sein kosovarischer Amtskollege Bajram Rexhepi haben am 14. April 2010 in Berlin ein Abkommen unterzeichnet, welches die wechselseitige Rückübernahme ausreisepflichtiger Personen aus dem Gebiet der jeweils anderen Vertragspartei regelt. Nach Angaben des Bundesinnenministeriums sollen pro Jahr höchstens 2.500 Anträge zur Rückführung gestellt werden. Das Ministerium wies zudem darauf hin, dass weit weniger Menschen tatsächlich zurückgeführt würden als beantragt. So seien im Jahr 2009 bei 2.385 gestellten Ersuchen 541 Menschen tatsächlich zurückgeführt worden.
Scharfe Kritik an dem Abkommen übte die Linke. „Mehr als 10.000 Roma droht die Zwangsabschiebung in den Kosovo“, erklärte die Innenexpertin der Linksfraktion, Ulla Jelpke. Die meisten von ihnen würden wahrscheinlich erneut fliehen oder „in den Elendsvierteln landen“. Jelpke, die sich zurzeit mit einer Delegation des Innenausschusses des Bundestags im Kosovo aufhält, wies auch auf die Gefahr rassistisch motivierter Angriffe auf Roma im Kosovo hin. „Mit ihren Unterschriften unter das so genannte Rückübernahmeabkommen haben die Innenminister Deutschlands und des Kosovo heute über das Schicksal von mehr als Zehntausend in Deutschland lebenden Roma entschieden. Deren Perspektive heißt nun: Ausgrenzung, Verfolgung, Armut und Hoffnungslosigkeit“, kritisierte Ulla Jelpke. Die innenpolitische Sprecherin der Fraktion DIE LINKE, die sich zurzeit mit einer Delegation des Innenausschusses im Kosovo aufhält, erklärt weiter: „Mehr als 10.000 Roma droht die Zwangsabschiebung in den Kosovo – allen Protesten und Warnungen von Flüchtlingsinitiativen, Kirchen- und Parteienvertretern zum Trotz. Die meisten von ihnen werden erneut aus dem Land fliehen oder in den Elendsvierteln landen.“
(Quelle: roma-kosovoinfo.com)
Übernahme ins Internet: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im August 2010
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Die Schule Amaro Kher (auf Romanes: Unser Haus) ist eine Initiative des Rom e.V. in Köln und wird als zentrales Schulprojekt für Roma-Flüchtlingskinder von öffentlicher Seite (Jugendamt der Stadt Köln, Land NRW, „wir helfen“-Kölner Stadtanzeiger, Aktion Mensch, Europäischen Flüchtlingsfonds) unterstützt. Seit dem Sommer 2004 können mehr als 20 Kinder im Alter von 6 bis 17 Jahren in Amaro Kher neben Lesen, Schreiben und Rechnen auch lernen, dass regelmäßiger Schulbesuch Freude macht und eine prima Alternative zum Tagesablauf im Flüchtlingsheim darstellt.
LehrerInnen und PädagogInnen mit unterschiedlichen Qualifikationen, Roma und Nicht-Roma, unterrichten und betreuen die Amaro Kher-Kinder ganztags. Zusätzlicher muttersprachlicher Unterricht, Musikstunden, Tanzkurse und Sport- und Freizeitangebote steigern die Schulbegeisterung der Kinder. Eltern und Familien können so überzeugt werden, dass in der Schule erworbene Kenntnisse nicht die eigene Identität, Kultur und Tradition zerstören, sondern neue Wege zeigen, diese unter den gegebenen Bedingungen zu pflegen und zu leben.
Durch unterstützende Familienarbeit und soziale Beratung sollen die Lebensverhältnisse der in Amaro Kher beschulten Kinder und ihrer Familien stabilisiert und möglichst auch ihr Aufenthaltsrecht gesichert werden. Denn Lernen und Schule machen für die Kids erst richtig Sinn, wenn sie da, wo sie sind, auch bleiben dürfen. Ihr Weg soll von Amaro Kher in eine Kölner Regelschule und zur sozialen Integration, unter Wahrung eigener Kultur und Tradition, führen.
Weitere Informationen: amaro-kher.de
Amaro Kher
Venloer Wall 17, 50672 Köln
Telefon: 02 21 – 3 55 81 74 und 01 76 – 24 56 76 14
Telefax: 02 21 – 3 55 81 75
E-Mail: schule@amaro-kher.de
Redaktion: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im April 2011
Quelle Fotos/Text: Amaro Kher
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