Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Wie ich nach Mülheim kam - Margerete Tomuscheit
Margarete Tomuscheit, geborene Zajitzek, 1942 und 2006 in Mülheim an der Ruhr. Rechts: Die Beckengasse in Jägerndorf vor dem 2. Weltkrieg, in der Mitte das Elternhaus von Margarete Tomuscheit

Wie ich nach Mülheim kam - Margerete Tomuscheit

Am 17.2.1922 wurde ich in Jägerndorf/Sudetenschlesien, Sudetendeutschland, CSR, geboren. Meine Schwester kam am 18.2.1924 zur Welt. Meine Mutter starb am 13.2.1935 in Jägerndorf. Der Vater war ausgebildeter Gastwirt in Jägerndorf und starb 1943.

Ich habe die höhere Schule (jetzt Gymnasium) besucht. Anschließend wurde ich in Troppau zur Lehrerin ausgebildet. Im Februar war ich mit der Ausbildung fertig und wurde im Altvatergebirge angestellt. Ende 1944 war in den Schulen Schluss.

Anfang 1945 zupfte ich Watte aus alter Wäsche.
Es war das Ende des Krieges zu spüren. Ich habe den Ausweis für Umquartierte vom 20.3.1945. Er galt als Fahrschein, weil wir die Stadt verlassen mussten. Ich wohnte dann bei einer früheren Schulkameradin im Gebirge. Es kamen deutsche Soldaten, die vom Fall der Stadt Breslau berichteten und das sowjetische Soldaten im Vormarsch sind. Wir fuhren mit den Fahrrädern mit, bis uns nach etwa 10 km alles weggenommen wurde. Wir gingen zu Fuß über Olmütz bis Tabor in Böhmen. Geschlafen haben wir in den Wäldern bei den Soldaten. In Tabor warteten wir, was kommen sollte, bis ich dort in der Verwaltung den Passierschein bekam, mit dem ich am 13.5.1945 nach Köln wollte. Wir logen, weil wir uns nicht trauten zuzugeben, in der tschechischen Republik geboren zu sein. Die Füße meiner Schwester waren kaputt, da sie keine Schuhe hatte. Wir wurden gleich nach der Grenze von deutschsprechenden amerikanischen Soldaten angewiesen, von der Bäuerin medizinisches Material und Schuhe anzunehmen. Ich verhinderte einen Transport ins Krankenhaus. Ich bekam etwas zu essen und half der Bäuerin auf dem Feld. Als wir weggingen, trafen wir viele Soldaten, die von Russland über die Tschechoslowakische Republik kamen.

Einer der Soldaten sagte, er wolle zum Rhein.
Wir gingen mit nach Passau, wo wir offene Eisenbahnwagen zum Weiterfahren sahen. So kamen wir nach Nürnberg auf das zerstörte Aufmarschfeld. Dort schliefen wir und es ging mit dem Kohlenzug weiter über Mainz bis über den Rhein. Als wir merkten, der langsam kriechende Zug fährt nach Frankreich sprangen wir heraus. Das große amerikanische Lager war dort. Die Gefangenen bettelten um Brot. Wir hatten auch nichts. Ein Weinbauer gab uns eine Flasche Wein, die wir trotz leeren Magens tranken. Danach mussten wir uns hinlegen. Dann kamen wir zum Rhein. Mein Soldat sagte, dass er Verwandte in Mülheim habe, die schon früher aus Ostpreußen gekommen waren. Wir fuhren ein Stück mit dem Auto mit, liefen auch zu Fuß nach Köln. Schreckliche Trümmer waren hier, wo wir in der CSR kaum Zerstörung hatten. Eine Nacht schliefen wir bei einem Arbeiter, der des Nachts arbeitete. Wir kamen dann an dem kaum getroffenen Dom vorbei, mussten aber über die eingefallene Brücke auf die andere Seite. Von dort marschierten wir Richtung Mülheim.

Der Onkel und die Tante waren ausgebrannt, wir erfuhren die neue Anschrift. Leider hatten sie auch nur ein Zimmer und konnten uns deshalb nicht aufnehmen. Wir bekamen eine Mahlzeit und gingen weiter in Richtung Hannover.

Dort hätte der Soldat eine Adresse gehabt, an die wir uns hätten wenden können, die er aber nicht fand. Auf dem Weg aßen wir im Kloster bei Arnsberg, liefen über den Fluss auf Bothmer zu und bekamen bis 1946 Arbeit. Mein Freund, meine Schwester und ich hatten Essen und Arbeit. Mein Mann, den ich am 11.8.1946 in Westenholz heiratete, und ich landeten mit verschiedenen Arbeitsstellen in Amedorf. Dort lernte ich den Pastor und den Kantor kennen, die auch Flüchtlinge waren. In deren Wohnung konnte ich Klavierspielen. Mein Mann ist Ostpreuße aus Insterburg. Seine Eltern sind vom großen Bauernhof verschwunden. Das Russische Rote Kreuz hat dem Roten Kreuz in München mitgeteilt, dass der Vater nicht auffindbar sei, die Mutter im Hof erschlagen wurde, die Großmutter aus dem Grab geworfen worden war, deren Verwandte waren auf den großen Höfen erschlagen worden. Die Kinder wurden von der Ältesten gerettet und leben jetzt in Much. Mein Mann war in der Lüneburger Heide zeitweise arbeitslos, auch als Berater in der Landwirtschaft. 1952 zog er nach Mülheim, weil der Onkel ihm eine Stelle bei Mannesmann besorgen konnte. Er wohnte zur Untermiete und kam alle 6 Wochen nach Osterholz in unser Schuppen-Heim. Ende 1948 wurde meine Tochter geboren, Anfang 1951 der Sohn. Meine Schwester lebt jetzt in München mit Tochter und Sohn. Ihr Mann war drei Jahre in Sibirien, kam aber lebend heraus.

Im Mai 1954 kam ich mit 2 Kindern nach Mülheim. Ich habe Aufnahme gefunden im städtischen Obdachlosenheim. Mein Mann verschaffte uns bald im Gasthof vor dem Flugplatz Unterkunft. Dann zogen wir in Styrum in das inzwischen weggerissene Haus des Apothekers. Meine Schwiegereltern mussten wir für tot erklären, um an das Geld der Flüchtlinge zu kommen.

Mein Mann wollte unbedingt etwas Eigenes haben, daher baute er.
Er half mit. Ich musste das Geld beschaffen. In Düsseldorf stellte ich mich vor und erhielt die Antwort, dass ich sofort in Meiderich anfangen konnte. Ich war erst als Lehrerin im Stadtpark in Meiderich ein Jahr tätig, dann war die kaputte Schule fertig. Ich musste hin auf die Brückelstraße in Meiderich. Ich fuhr täglich mit dem Zug von Styrum nach Meiderich. 1968 war die Trennung der Schule und ich musste mit der Oberklasse zur Hauptschule Bronkhorststraße. Da machte ich den Führerschein, weil es weiter weg vom Bahnhof war. Mein Mann kümmerte sich ums Essen und um die Kinder.

Wir wanderten durch ganz Deutschland und Österreich. Im November 1982 bei Blätterfall und Regen - am Ende der Tour Quelle bis Mündung - mit einigen Kollegen, abends in Kettwig, rutschte mein Mann aus und blieb liegen. Es war spät zum Bus, die anderen fuhren nach Hause. Spät abends fand ihn jemand an der Brücke und ließ ihn zum Kettwiger Krankenhaus bringen.

Ich wurde um Mitternacht von der Polizei verständigt, dass ich morgens in Kettwiger Krankenhaus kommen sollte. Im Krankenhaus wurde dann festgestellt, dass mein Mann im Gasthaus Kettwig viel Kaffee getrunken hatte, aber keinen Alkohol. Er rührte sich aber nicht und wurde nach Essen geschafft. Jede Woche fuhr ich dreimal hin, er kannte niemanden, 10 Wochen lang. Er wurde nach Mülheim gebracht. Einige Tage später verstarb er, 63 Jahre alt. Das Haus war noch nicht ganz fertig. Heute ist alles erledigt. Ich bewohne das Haus mit meinen Kindern und deren Familien. Meine Enkeltochter hat vor einiger Zeit geheiratet, mein Enkelsohn studiert in Bochum.

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Tanzgruppe 1938 in Jägerndorf, hinten rechts mit der Lehrerin Margarete Tomuscheit

Ich bin sowohl im Styrumer Geschichtsverein als auch im Stadt-Geschichtsverein. Im Augenblick kann ich an Veranstaltungen aber weniger teilnehmen, weil ich mir den Ellenbogen gebrochen habe. Im Geschichtsverein erfahre ich, dass die hiesigen Schulkinder in der CSR waren und vom tschechischen Staat die Unterkunft, das Essen und die Kleidung jahrelang bezahlt bekamen. Das war wohl auch die Hitler-Zeit schuld an unserer Vertreibung 1945, wo unsere Vorfahren seit dem 13. Jahrhundert dort lebten. Wir haben alles verloren. Ich bin auch Mitglied in der Sudetendeutschen Partei. Aber ich fühle mich wohl in Mülheim. Ich bin jetzt 85 Jahre alt und wohne jetzt schon so lange in Styrum. Jetzt warte ich auf ein Urenkelkind. Den Garten habe ich 20 Jahre lang bearbeitet. Jetzt macht meine Tochter die Arbeit.

Margarete Tomuscheit
2007, Mülheim an der Ruhr

Nachruf: Frau Tomuscheit ist Anfang 2008 in Mülheim an der Ruhr gestorben

Bildnachweis: Familie Tomuscheit


 

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Alte Postkarten aus Jägerndorf: Oberring mit Sparkasse; Oberring mit Stadtpfarrkirche; St. Martin und Rathaus mit Denkmal, mit freundlicher Genehmigung durch den Freundeskreis zur Förderung der Patenschaft Ansbach - Jägerndorf e. V., jaegerndorf-sudetenland.de Rechts unten: Jägerndorf mit Marktplatz, Foto Tomuscheit, 1991

Jägerndorf

Die Region Jägerndorf liegt am Übergang vom schlesischen Oder-Tiefland zu dem bis 1500 m aufsteigenden Altvatergebirge. Deutsche Siedler machten im 12./13. Jahrhundert die Waldgebiete urbar. Die Stadt wird um 1250 erstmals erwähnt. Sie ist ab 1377 Hauptort eines Herzogtums. 1523 kauft Markgraf Georg von Brandenburg-Ansbach das Herzogtum, das unter den Hohenzollernfürsten bis 1622 eine Blütezeit erlebt. Durch Georg den Frommen wird Jägerndorf zum Zentrum der lutherischen Lehre in Schlesien. Nach der Schlacht am Weißen Berg konfisziert Kaiser Ferdinand II. das Herzogtum und gibt es an seinen katholischen Parteigänger Karl von Liechtenstein.
In den folgenden Wirren des 30jährigen Krieges hat auch die Jägerndorfer Region erheblich zu leiden, zumal die Liechtensteiner das Fürstentum nach den strengen Regeln der Gegenreformation zum Katholizismus zurückführen.
1740 erhebt Friedrich II. von Preußen Ansprüche auf Schlesien, u.a. auch wegen des Jägerndorfer Fürstentums. 


Nach den drei Schlesischen Kriegen verliert Kaiserin Maria Theresia Schlesien. Die Grenzziehung an der Oppa zerteilt das Herzogtum. Die Stadt mit dem gebirgigen Hinterland verbleibt bei Österreich. Im 19. Jahrhundert erlebt Jägerndorf durch die industrielle Entwicklung eine zweite Blüte. Bis zum Ende des Ersten Weltkriegs gehört die Stadt zu den bedeutendsten Industriestandorten der Österreichisch-Ungarischen Monarchie. Nach dem Zerfall dieses Vielvölkerstaates besetzen zu Weihnachten 1918 tschechische Truppen Jägerndorf. 
Trotz ihres Protestes werden die Bewohner wie die übrigen 3,5 Millionen Sudetendeutschen dem neuen Mehrvölkerstaat Tschechoslowakei einverleibt. Das Münchener Abkommen von 1938 bringt den Anschluss an das Deutsche Reich, das Ende des Zweiten Weltkrieges dann die neuerliche Eingliederung in den tschechischen Staat und die Vertreibung der Einwohner (Anm. der Redaktion: der deutschstämmigen Einwohner) (Quelle: jaegerndorf-sudetenland.de)

 


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 06.07.2009

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