1991 flohen die türkischen Kurden Haci und Fatma Kabak aus ihrer Heimat. Es folgten: Gemeinschaftsunterkünfte, drohende Abschiebung, ein Gerichtsverfahren und von 2004 bis 2005 das Kirchenasyl in Styrum und Saarn. In Mülheim möchte die Familie bleiben.
Haci Kabak arbeitet halbtags in einer Bäckerei, Tochter Gülbahar geht in die sechste Klasse der Gesamtschule Saarn, fast sieht es nach Alltag aus. „Wir sind sehr dankbar, wir haben hier in Saarn und in Styrum so viele nette Menschen kennen gelernt“, sagt Fatma Kabak. Nicht zuletzt deswegen ist die Familie nach dem positiven Ausgang ihres Gerichtsverfahrens auch wieder nach Mülheim gezogen, heute leben die Kabaks in der Altstadt.
Die Geschichte der Kabaks wurde Teil der Ausstellung „Das Gesicht der Migration in Mülheim", die gerade im Saarner Gemeindehaus zu sehen ist. Zur Eröffnung der Ausstellung besuchten die Kabaks ihre frühere Unterkunft.
Dort, wo damals die Familie im Kirchenasyl wohnte, ist heute das Internetcafé der Gemeinde. „Hier haben wir die Wäsche aufgehängt“ „und Fußball gespielt“, erinnern sich Haci und Fatma Kabak, als sie ihre ehemalige „Wohnung“ betreten, Doch „nicht nur Gutes, auch Schlechtes“, hat Fatma Kabak im Kopf, wenn Sie sich an die Zeit im Kirchenasyl denkt. „Kommt heute Post vom Bundesamt, oder vielleicht morgen?“ „Bundesamt“, die Vokabel geht ihr ganz flüssig von den Lippen, gemeint ist das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge.
Familie Kabak sollte abgeschoben werden, war bereits zur Fahndung ausgeschrieben, ein Gerichtsverfahren lief zwar, hatte aber keine aufschiebende Wirkung. Dank des Kirchenasyls konnten sie bis zur Hauptverhandlung in Deutschland bleiben – mit positivem Ende für den Kläger Haci Kabak und auch für Frau und Tochter, die daraufhin in Deutschland bleiben konnten.
Neben die Erinnerungen sind nun Wünsche für die Zukunft getreten, für einen Alltag in Mülheim. „Wir hätten gerne Arbeit in Vollzeitstellen“, sagt Fatma Kabak. Haci Kabak würde sich freuen, seine Eltern wieder zu sehen, doch eine Einreise in die Türkei ist auf absehbare Zeit zu riskant.
Stichwort Kirchenasyl Kirchenasyl bedeutet die befristete Aufnahme von Flüchtlingen ohne legalen Aufenthaltsstatus, denen bei Abschiebung in ihr Herkunftsland Folter und Tod drohen oder für die mit einer Abschiebung nicht hinnehmbare soziale, inhumane Härten verbunden wären. Zwar unterliegen auch kirchliche Gebäude der Staatsgewalt und sind insofern keine „rechtsfreien Räume“, aber meist wird es von den Innenministern der Bundesländer „unverhältnismäßig“ angesehen, gewaltsam in kirchliche Räume einzudringen.
Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchenasyl
Annika Lante, Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit Ev. Kirchenkreis An der Ruhr, Mülheim an der Ruhr, 19.08.2009
Lesen Sie zu diesem Beitrag auch: Abschiebung, und nun? Ein Kirchenasyl in Mülheim und Gesichter der Migration – zu sehen im Gemeindezentrum
| Kurdisches Stammesgebiet, 1992 |
Die Kurden in der Türkei stellen mit schätzungsweise 20 Prozent der türkischen Gesamtbevölkerung (10 – 15 Millionen) [1] die größte ethnische Minderheit in der Türkei dar. Da bei den Volkszählungen in der Türkei seit 1985 nicht mehr nach der Muttersprache gefragt wird, gibt es keine exakten Angaben zur Anzahl der Kurden in der Türkei. Auf der Grundlage des Vertrags von Lausanne erkannte die neu gegründete Türkei die Kurden – im Gegensatz zu den Armeniern und Griechen – nicht als ethnische Minderheit an.
Geschichte
Weite Bevölkerungsteile der Kurden lebten seit dem 11. Jahrhundert unter türkischem Einfluss, zunächst unter den Seldschuken und später unter den osmanischen Herrschern. Zu den ersten offiziellen Beziehungen zwischen Kurden und dem osmanischen Reich kam es im Jahre 1514. Am Krieg von Çaldıran hatten die Kurden auf Seiten der Osmanen teilgenommen. Dadurch erlangten sie die Möglichkeit, ihre autonomen Herrschaftsformen im osmanischen Reich fortzuführen. Die autonome Struktur der kurdischen Fürstentümer dauerte bis ins 19. Jahrhundert, ohne zu großen Problemen zu führen. [2]
Bis zum Jahre 1880 gab es zahlreiche Aufstände, in deren Folge die kurdischen Fürsten ausgeschaltet wurden und die autonomen Herrschaftstrukturen ein Ende fanden. Bis zum 1. Weltkrieg gab es eine ganze Reihe von Aufständen. Teile der kurdischen Eliten waren nun entschlossen, einen unabhängigen Staat zu gründen. [2]
Nach der Niederlage des Osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg wurde den Kurden durch die Triple Entente im Diktatsfrieden von Sèvres 1920 das Recht auf Selbstbestimmung zugebilligt. Die südwestlichen Gebiete Kurdistans waren französischer Einflussbereich und wurden so Syrien zugeschlagen, Großbritannien wurde Mandatsmacht im heutigen Irak, dem die südöstlichen kurdischen Landesteile zugefügt wurden.
Angesichts der Besetzung und Teilung des Landes organisierte Mustafa Kemal, später Atatürk, den Widerstand gegen die europäischen Besatzungsmächte und Griechenland. Durch geschicktes Taktieren und Appellieren an die religiösen Empfindungen der Kurden sicherte sich Mustafa Kemal die Unterstützung der kurdischen Stammesführer und Scheichs. Die Kurden kämpften erfolgreich auf seiten der Türken gegen die Besatzungsmächte im nationalen Befreiungskampf.
Im neu ausgehandelten Vertrag von Lausanne (24. Juli 1923) wurden die Bestimmung von Sèvres revidiert. Die Autonomiezugeständnisse an die Kurden fielen damit weg. Die Reformen von Atatürk, Laizismus und Säkularisierung, stießen bei den durch feudale Strukturen und Religiosität geprägten Kurden auf Widerstand. Hinzu kam, dass die kemalistische Ideologie einen homogen türkischen Staat vorsah. Gegen die Reformen und Assimilierungsversuche kam Widerstand auf.
Bekannt wurde der Ausspruch des türkischen Justizministers Mahmut Esat Bozkurts zur Kurdenfrage. Im Jahre 1930 äußerte er, die Türken seien die Herren des Landes. Diejenigen die keine "echten Türken" (Öztürkler) seien, hätte nur ein einziges Recht. Das Recht, Diener oder Sklave zu sein. [3]
Zwischen den Jahren 1925–1938 brachen ca. 20 Aufstände auf, die religiös, wirtschaftlich und politisch motiviert waren. Aufstände wie der Koçgiri-Aufstand (1920), Scheich Said Aufstand (1925), der Ararat-Aufstand (1930) und der Dersim-Aufstand (1938) wurden von der türkischen Armee niedergeschlagen. Den Kämpfen folgten umfangreiche Türkisierungsmaßnahmen. So wurden türkische Nachnamen eingeführt und Ortsbezeichnungen durch türkische ersetzt. Daneben erfolgten auch Umsiedlungsmaßnahmen mit Deportationen von Kurden und Neuansiedlung von Türken. [4]
Die Kurden galten im Sprachgebrauch als Bergtürken. [5] Der offizielle Gebrauch der kurdischen Sprache war lange Zeit verboten. Kurden, die sich als türkische Staatsbürger betrachten, ist eine Karriere in allen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen möglich. So war z. B. Turgut Özal, dessen Großmutter kurdischer Abstammung war, Premierminister und Staatspräsident. (Quelle: Wikipedia, 2009)
[1] CIA.gov: Turkey, abgerufen am 28. Januar 2008
[2] a b c d e MdB Amke Dietert-Scheuert: Möglichkeiten der Konfliktlösung in der Türkischen Republik, Hamburg 1998 (ISBN 978-3-89173-051-5)
[3] Son Posta vom 21. September 1930
[4] Siehe hierzu: kurdistan.de/kurden_geschichtliches.htm; aufgerufen am 12. Dezember 2008
[5] Vgl. hierzu den Artikel in der Tageszeitung Radikal
(Bildnachweis Karte Kurdistan: Perry-Castañeda Library Map Collection at The University of Texas at Austin [1]. License: Above a list of maps available for download, the web site has the text: The following maps were produced by the U.S. Central Intelligence Agency, unless otherwise indicated. There is no indication that this map was not produced by the CIA.)
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