Zur Befreiung von Auschwitz (27.01.10)

Gedenken an Auschwitz 2010

 

Rede von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld

zur Gedenkveranstaltung "65 Jahre Befreiung KZ Auschwitz"

am Mittwoch, 27. Januar 10, 11 Uhr,

Jüdischer Friedhof

***

Sehr geehrter Herr Marx,

liebe Schüler und Schülerinnen,

meine sehr geehrten Herren und Damen,

ich danke Ihnen allen sehr für Ihr Kommen. Es ist für mich ein Zeichen der Hoffnung und Zuversicht, dass wir uns auch in diesem Jahr wieder hier auf dem jüdischen Friedhof eingefunden haben und uns am 65. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz erinnern.

Mit dem Gedenken an die Befreiung gedenken wir der dort Ermordeten. Wir bekunden offen unsere Scham angesichts der Toten und angesichts dessen, was den Überlebenden zugefügt wurde.

Wir gedenken darüber hinaus aber auch aller sechs Millionen europäischer Juden und anderer Verfolgten, die dem staatlich organisierten und industriell betriebenen Massenmord der Nazis zum Opfer fielen.

Und wir gedenken ihrer nicht nur hier, nicht nur in Mülheim an der Ruhr, nicht nur in Deutschland und Israel.

Spätestens seit die Vereinten Nationen den 27. Januar eines jeden Jahres zum internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erklärt haben, ist die Erinnerung an den nationalsozialistischen Völkermord universell geworden. Sie soll seitdem mehr sein als eine Sache zwischen den Tätern und den Opfern. Nicht länger nur eine Sache von Deutschen und Juden. Sie soll Teil des Menschheitsgedächtnisses sein, das alle Völker einschließt.

Dass wir uns heute hier auch mit Vertretern der jüdischen Gemeinde zur Erinnerung an das immer noch Unfassbare treffen, ist nicht selbstverständlich.

Dass wir angesichts der absoluten Moral- und Sinnlosigkeit des millionenfachen Mordes an Menschen jüdischen Glaubens durch das nationalsozialistische Terrorregime gemeinsam hier stehen und trauern, ist für mich immer wieder ein kleines Wunder.

Angesichts der schrecklichen Verbrechen, die unter anderem mit der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz öffentlich wurden, war es kaum vorstellbar, dass sich nach Ende des Krieges je wieder Menschen jüdischen Glaubens freiwillig in Deutschland niederlassen würden. Und doch: Die jüdische Gemeinde in Deutschland ist heute eine der größten in Europa. Ihre Mitglieder bringen sich aktiv in unsere Gesellschaft ein und machen immer wieder deutlich, dass sie unverzichtbarer Teil unserer Kultur sind.

Es ist unsere Aufgabe als Staat und Stadtgesellschaft, der immer wieder aufflammenden Hetze der Neonazis mit einer wehrhaften Demokratie entgegen zu treten. In Deutschland darf es keine Toleranz geben, wenn Nazi-Verbrechen verharmlost oder gar geleugnet werden, wenn Menschen jüdischen Glaubens ausgegrenzt, beschimpft oder angegriffen werden! Das sind wir unserer Geschichte schuldig. Und dazu rufe ich Sie alle auf!

Den Vertretern der jüdischen Gemeinde danke ich ausdrücklich für ihr Vertrauen, das sie uns mit ihrer Teilnahme an dieser Veranstaltung, aber auch mit der Teilnahme am gesellschaftlichen Leben in Deutschland und in unserer Stadt aussprechen.

Vergeblich suchen wir auch heute noch nach Antworten darauf, wie es zu den unmenschlichen Verbrechen kommen konnte. Was geschehen ist, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Deutsche SS-Mitglieder und ihre HelferInnen haben Millionen von Kindern, Frauen und Männern in Gaskammern geschickt, sie gequält, gefoltert, ausgehungert oder erschossen. Nie zuvor in unserer Zivilisationsgeschichte war es zu solchen Grausamkeiten, zur gezielten und generalstabsmäßig geplanten Massenvernichtung von Menschen gekommen.

Augenzeugenberichte der immer weniger werdenden Überlebenden und die inzwischen zu Gedenkstätten gewordenen Überreste der Konzentrationslager erinnern daran - und mahnen uns. Wir dürfen nicht vergessen! Und wir dürfen nicht zulassen, dass diese Gedenkstätten geschändet werden.

Auch wenn es sich bei den Dieben des Schriftzugs "Arbeit macht frei" vom Eingang des Konzentrationslagers in Auschwitz vermutlich nicht um Neonazis handelte: Es ist eine unglaubliche Tat, dieses in Metall gegossene, zynische Symbol für das Leid von Millionen vom Menschen in der Vernichtungslagern der Nationalsozialisten zu stehlen! Dieser Diebstahl hat in Polen, Deutschland, Israel und unter den jüdischen Gemeinden in aller Welt große Empörung und vor allem unter den Überlebenden des Holocaust tiefen Schmerz ausgelöst. Wie kann man aus Geldgier eine solche Tat begehen? Wie kann man die Geschichte dieses Ortes so missachten? Wie kann man diesen Ort so entweihen?

Auschwitz ist Sinnbild für das unendliche Leid geworden, das Menschen anderen Menschen zufügen können.

Auschwitz steht für die epochalen Verbrechen der Deutschen und ist uns stetige Mahnung, dass so etwas nie wieder geschehen darf.

Die gemeinsame Verantwortung, die für uns heute daraus erwächst, besteht darin, die Erinnerung wachzuhalten, damit kein Opfer je vergessen wird.

Dies tun wir heute mit dieser Gedenkveranstaltung. Und ich danke ganz ausdrücklich den SchülerInnen der GHS Bruchstraße, die mit ihrer aktiven Teilnahme dafür Sorge tragen, dass auch die jüngere Generation nicht vergisst.

Und hier komme ich noch einmal zurück zu meinem Hinweis auf die inzwischen universelle Bedeutung des 27. Januar.

Noch wissen wir nicht, wie sich die Aufnahme des Holocaust-Gedenktages in das Menschheitsgedächtnis auf das Verhältnis Deutschlands zu Israel auswirken wird. Genauso wenig wissen wir, wir die zukünftige deutsche Gesellschaft mit ihrem wachsenden Anteil nicht-deutschstämmiger Bevölkerung mit der Verantwortung zur Erinnerung an den Holocaust umgehen wird.

Und so wird sich unsere Aufgabe verändern, wie sich unsere Gesellschaft zu verändern begonnen hat. Wir müssen sicherstellen, dass allen deutschen Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, ganz egal, wo deren Herkunftswurzeln liegen, klar ist: Der Holocaust ist Teil der Entstehungsgeschichte der Bundesrepublik. Und damit Teil der Erinnerungskultur dieses Landes.

Wir verneigen uns nun vor den Toten.

 

Kontakt


Stand: 22.03.2011

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