Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Weißer Turm Saloniki
Beitrag Migration und Geschichte
Thessaloniki, Weißer Turm, Wahrzeichen der Stadt (Foto: Wikipedia)

Zwei Wege, ein gemeinsames Leben: Lisa und Vassilios Poungias

Thessaloniki, im Nordosten Griechenlands, Jahresdurchschnitts-Temperatur 16,2 Grad Celsius - schön warm also. Sie ist die zweitgrößte Stadt des Staates, im Kerngebiet sind es 364.000 Einwohner, zusammen mit den direkten Nachbargemeinden werden es dann schon 800.000. 1988 wurde sie in das Weltkulturerbe der UNESCO aufgenommen, 1997 war sie Europäische Kulturhauptstadt und 2004 fanden hier Teile der Olympischen Spiele statt.

Der Name stammt von der Halbschwester Alexanders des Großen, Thessalonike, die war mit dem Gründer der Stadt (315 vor Chr.), dem makedonischen König Kassandros verheiratet. Heute eine bedeutende moderne Universitäts-, Messe-, Kultur-, Industrie- und Hafenstadt im Schnittpunkt wichtiger jahrtausende alter nord-südlicher und west-östlicher Verkehrswege. Jede Menge Geschichte und Kultur also.

Hier wurde 1935 Vassilios Poungias geboren, der Vater Beamter bei der Straßenbahn und der Familie ging es gut, man hatte ein geregeltes Auskommen. Im 2. Weltkrieg war Thessaloniki von den Deutschen besetzt, die Mutter starb in dieser Zeit und die Schwester führte von da an den Haushalt und versorgte die Familie. Vassilios hat an diese Zeit eine Erinnerung: "Da war ein deutscher Soldat, in voller Uniform, der hat mir eine Rolle Bonbons geschenkt. Das war für mich als Kind eine Riesenüberraschung, ich habe mich darüber sehr gefreut".

Soldat Beitrag Migration und Geschichte
Vassilios Poungias mit 24 Jahren beim Militär in Griechenland, wo er als Topograf gedient hat.

Vassilios machte den normalen Schulweg, erwarb 1954 sein Abitur, arbeitete dann zwei Jahre und war danach für die gleiche Zeit beim Militär. "Komm doch nach Deutschland, hier kannst Du studieren", so sein Bruder Georg, der schon seit 1956 in Deutschland, in Duisburg, als Dreher und Facharbeiter arbeitete. "Ich habe mich erst schwer getan", erzählt Vassilios in gutem Deutsch, "weg aus Griechenland, hin ins kalte Deutschland".

1959 war es aber dann doch soweit, er fuhr nach Duisburg, um zu studieren, so zumindest der gute Vorsatz und lebte zusammen mit seinem Bruder im Mannesmann-Wohnheim und der meinte: "Du musst aber erst Geld verdienen, wie willst Du Dein Studium bezahlen?" Und außerdem musste die Schwester im heimischen Griechenland unterstützt werden. So fing er also bei Mannesmann an, war ein Jahr lang Hilfsarbeiter und wurde dann als Verlader eingestellt, "weil ich rechnen konnte". Er musste Volumen und Gewichte bestimmen, für die Güter, die auf die Bahn und auf die LKW's kamen. Zwischendurch wurde von ihm verlangt, auch das Betriebsgelände zu fegen, da die anderen Ausländer eifersüchtig auf ihn waren, da Vassilios im Büro arbeiten durfte. Gut, dass er sich schon während des Militärdienstes in Griechenland selber etwas Deutsch beigebracht hatte, das half natürlich sehr in der Fremde. Schwierigkeiten gab es aber mit dem Ruhrgebietsdeutsch, "watt" und "dat" standen nicht in seinen Büchern. Nach einiger Zeit war er aber so weit, dass er als Dolmetscher zwischen Griechen und Deutschen helfen konnte.

Vassilios hat letztendlich nie studiert, "ich habe es aber nie bereut". Von Duisburg ging es nach Mülheim an der Ruhr, hier hat er über Jahrzehnte bei der Stadtverwaltung gearbeitet. Bevor es dazu kam, ging es erstmal in den "Tanzpalast OK" an der Monning.

Mülheim an der Ruhr, westliches Ruhrgebiet, Jahresdurchschnitts-Temperatur ca. 8 bis 9 Grad Celsius, viel kälter als in Griechenland. Mit 170.000 Einwohnern kleinste Großstadt des Ballungsgebietes. Erste Funde im Schloß Broich sind von ca. 900, erste urkundliche Erwähnung von "Mulinhem" im Jahre 1093 als Gerichtsstätte, jetzt 2008, 200-jähriges Stadtjubiläum. Am alten Hellweg und einer bedeutenden Furt durch die Ruhr gelegen, war der Ort auch in der Frühzeit schon wichtig. Gründerstadt so großer Unternehmen wie Stinnes und Thyssen, Sitz von Aldi und Tengelmann. Einer der bevorzugten Wohnorte im Ruhrgebiet, mit den meisten Millionären und dem höchsten Altersdurchschnitt.

Laborantin Beitrag Migration und Geschichte
Lisa Denks als Chemielaborantin 1960 beim Max-Planck-Institut für Kohleforschung

Hier wurde 1941 Lisa Denks geboren, der Vater, Fritz Denks, "SPD-Urgestein" in Mülheim an der Ruhr, Verwaltungsangestellter, war Mitglied des Rates der Stadt und des Düsseldorfer Landtages und Bürgermeister unserer Stadt am Fluss. Die Mutter war in der AWO und half "denen, denen es dreckig ging". In den Kriegsjahren wurde die Familie nach Süddeutschland evakuiert, zur Schule ging Lisa Denks am Lierberg und der Hansastraße, "da gab es in der schlimmen Zeit gutes Essen für uns Kinder, das hat gut geschmeckt", erinnert sie sich. Danach kam die Realschule in der Stadtmitte, dann dreieinhalb Jahre Lehre als Chemielaborantin am Max-Planck-Institut für Kohleforschung. Eigentlich wollte sie auch die Fachhochschulreife machen, um zu studieren und Lehrerin zu werden, das war ihr Traum.

Aus einer SPD-Familie zu kommen hieß für Lisa auch, Mitglied bei den "Falken" zu sein. Mit 18 Jahren wurde sie Mitglied in der SPD. Sie war seit 1973 die erste weibliche Ortsvereinsvorsitzende in Mülheim an der Ruhr, "darauf war ich sehr stolz". Seit den 60-Jahren "Sachkundige Bürgerin" im Schulausschuss, "dort wurde über die Bildungsentwicklung diskutiert, über alternative Schulformen, über die Gesamtschule, das war ganz was Neues". Später dann kam sie mit 34 Jahren in den Rat der Stadt (1975 bis 2004) und war Bürgermeisterin (1990 bis 2004), wie ihr Vater. Tätig in vielen Organisationen und Ämtern, Schwerpunkt Soziales und Planung, im Verwaltungsrat des Max-Planck-Institutes, im Kuratorium des Evangelischen Krankenhauses, im "Sozial-Ethischen-Ausschuss" usw.

Mädchen Beitrag Migration und Geschichte
Lisa Denks als Teenager Mitte der 50er Jahre während einer Jugendfreizeit

Lisa Poungias hat letzt endlich nie studiert, das war ja ihr Traum. Dazwischen kam der "Tanzpalast OK" an der Monning.

Januar 1962: Amor verschießt Liebespfeile
Die beiden Brüder Vassilios und Georg Poungias fahren von Duisburg nach Mülheim an der Ruhr zur Monning, "nette Mädchen dort". Lisa Denks und ihre Freundin sind auch dort, im "Tanzpalast OK". "Als Vassilios auf uns zu kam, habe ich herzlich gelacht und dann hat er mit mir getanzt. So habe ich Vassilios kennengelernt. Zwischen uns hat es sofort gefunkt". Kleine Episode zwischendurch: "Der Neffe von Vassilios war auch im Tanzpalast OK, der hat dann mit meiner Freundin getanzt. Auch sie sind bis heute glücklich verheiratet".

"Drei Tage nach dem ersten Treffen, Vassilios hatte zu dieser Zeit schon ein Auto, kam er bei uns Zuhause vorgefahren. Meine Mutter stand vor der Tür und hat ihn freundlich empfangen. Dass Vassilios ein Grieche war, spielte keine Rolle in unserer Familie, da gab es keine Vorurteile", erzählt Lisa.

Hochzeit Beitrag Migration und Geschichte
Hochzeit von Lisa und Vassilios Poungias: In der Mülheimer Zeitung war im Oktober 1962 unter diesem Foto zu lesen: Brautpaar der Woche, Mülheim wurde zweite Heimat für jungen Griechen..."

Im Oktober 1962 haben Lisa Denks und Vassilios Poungias geheiratet.

Sie haben zwei gemeinsame Kinder: Peter hat seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften gemacht und arbeitet für ein international tätiges Unternehmen. Die Tochter Ellen ist Ärztin in Mülheim an der Ruhr. Als drittes Kind wurde Ewangelos mit 11 Jahren in die Familie aufgenommen. Er ist der Neffe von Lisa und Vassilios und arbeitet bei der Polizei in Düsseldorf. Lisa Poungias hat mittlerweile unter anderem das Bundesverdienstkreuz und den Ehrenring" der Stadt Mülheim an der Ruhr bekommen. Vassilios ist mit dem "3-Kronen-Kreuz" der Diakonie ausgezeichnet.


Gemeinsam haben sie ein ereignisreiches Leben in Mülheim an der Ruhr geführt und sind nach wie vor ein glückliches Paar. Zusammen gehören Lisa und Vassilios Poungias zu den Gründern des Deutsch-Griechischen Vereins in unserer Stadt. Das ist möglicherweise ein Beitrag zur Geschichte der Migration in Mülheim an der Ruhr. Lisa Poungias hat griechisch gelernt und wenn möglich, dann ist die Familie oft in Griechenland.

Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im März 2008


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
kw@wichmann-kommunikation.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 30.07.2010

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