Die Stolpersteine in der Althofstraße

Stolperstein für Maria Djuk in der Althofstraße 44aMaria Djuk (Althofstraße 44a)

Maria Djuk wurde 1882 als drittes Kind jüdischer Eltern, die zum evangelischen Glauben übergetreten waren, in Konstantinopel (heute Istanbul) geboren. Ihre Mutter war Tochter eines armenischen Rabbiners, ihr Vater, Moses Djuk aus Polen stammend, arbeitete als Missionar bei der Schottischen Mission. Maria wuchs in einem weltoffenen Elternhaus auf, außer der Landessprache beherrschte sie Armenisch, Englisch, Französisch und Deutsch.

Über den Kontakt mit dem damaligen deutschen Botschafter, Graf von Lüttichau, kam Maria Djuk nach ihrem Abitur nach Deutschland und studierte an dem Lehrerinnenseminar der Diakonissenanstalt in Düsseldorf-Kaiserswerth. Als ausgebildete Lehrerin kehrte sie in ihre Geburtsstadt zurück, doch nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs reiste sie wieder nach Deutschland. In der evangelischen Volksschule in Schwafheim bei Moers bekam sie eine Anstellung. Sie galt als Lehrerin aus Berufung und Leidenschaft, in der evangelischen Gemeinde leitete sie außerdem die weibliche Jugendarbeit.

Im nationalsozialistischen Staat wurde sie unerwartet von der "Rassegesetzgebung" getroffen. Im April 1934 trennte sich die christliche Schule von der "Lehrperson jüdischer Abstammung". 1935 wurde Maria Djuk gemäß dem Reichsbürgergesetz in den Ruhestand versetzt. Danach sah die 53-Jährige keine Möglichkeit mehr, in Schwafheim, wo sie sich so sehr engagiert hatte, weiterzuleben. Sie sah sich nach einer anderen Bleibe um, die aufgrund der geringen Rente nicht mehr als 40 Reichsmark Miete kosten durfte. Im Mai 1936 gelang es ihr, eine geeignete Wohnung in Mülheim zu finden - in der Althofstraße 44a.

Als Maria Djuk im Sommer 1936 ihren Bruder in England besuchte, bat er seine Schwester zu bleiben. Doch sie kehrte nach Deutschland zurück. Maria Djuk schloss sich in Mülheim der evangelischen Altstadtgemeinde und ihrem Gemeindepfarrer Ernst Barnstein an. Barnstein war ein aktives Mitglied der nicht NS-konformen "Bekennenden Kirche" (BK), die im Presbyterium in der Minderheit war gegenüber den NS-nahen "Deutschen Christen". Ein guter Kontakt entstand auch zu dem von den "Deutschen Christen" als illegal bezeichneten BK-Hilfspfarrer Kurt Muthmann und seiner Frau Sophie.

Ihre Hauswirtin auf der Althofstraße meldete Mitte 1939 ihre Wohnung als "nichtarisch" besetzt an. Noch einmal drängte ihr Bruder sie zur Auswanderung. Am 1. September 1939, dem Tag des deutschen Überfalls auf Polen, schrieb sie an ihren Neffen: "Es kommt doch alles, wie der Herr es für uns bestimmt hat."

Hilfspfarrer Muthmann und seine Frau brachten Maria Djuk zu ihrem 58. Geburtstag am 2. Juli 1940 Gemüse und Obst und erkundigten sich eingehend danach, was sie sonst noch brauchte, da ihr als "Jüdin" rationierte Lebensmittel und Waren nicht mehr zustanden. Am folgenden Sonntag setzte sich Sophie Muthmann in der Kirche demonstrativ neben Maria Djuk auf die Bank. Sie übergab ihr ein Päckchen mit Sachen, die sie dringend benötigte.

Im September 1940 besuchte Pfarrer Barnstein Maria Djuk, um sie zu bitten, den BK-Pfarrer Biermann in Styrum bei der Hilfe für "nichtarische Christen" zu unterstützen. Es ging um die Anlage einer Kartei über "nichtarische Christen" (die damalige NS-Bezeichnung für getaufte oder messianische Juden). Dazu kam es allerdings nicht mehr.

In der ersten Oktoberhälfte 1941 erhielt Maria Djuk als "Jüdin" den Deportationsbescheid zur "Umsiedlung" für den 25. Oktober. Jetzt wandte sie sich an ihren Pfarrer Ernst Barnstein um Hilfe. Barnstein versuchte prompt zu helfen. Eine Beratung mit dem Mülheimer Gestapo-Beamten Karl Kolk, zu dem Barnstein bereits unzählige Male von der Gestapo vorgeladen war, half nicht weiter. Kolk war zwar sozusagen persönlich gegen die Judenverfolgung, sah aber offenbar selbst keine Möglichkeit, die Deportation Maria Djuks zu verhindern. Am 17. Oktober fragte Barnstein per Brief bei der zuständigen Kirchenleitung in Berlin an, wie man dem Recht auf evangelische Seelsorge für die getaufte Christin im Ghetto nachkommen wolle. Er erhielt von der deutschchristlich orientierten Kirchenleitung keine Antwort.

Maria Djuk verzweifelte in dieser Situation. Sie wollte sich das Leben nehmen und sprang von der Mendener Brücke. Passanten retteten sie. Am 27. Oktober 1941 wurde sie im Rahmen der ersten größeren Überführung aus Mülheim nach Litzmannstadt deportiert. Maria Djuks weiteres Schicksal war zunächst unbekannt. Es hieß, sie sei 1945 für tot erklärt worden, was auch auf dem ihr gewidmeten Stolperstein in der Althofstraße so vermerkt ist. Neuesten Erkenntnissen zufolge ist Maria Djuk von Litzmannstadt ins KZ Kulmhof deportiert worden, wo sie am 9. Mai 1942 in einem "Gaslastwagen" ermordet wurde.

 


Bernhard Broccai (Althofstraße 48)

Stolperstein für Bernhard Broccai in der Althofstraße 48Bernhard Broccai wurde am 26. Juni 1880 in Bottrop geboren, wo er vermutlich bis 1908 wohnte und als Bergmann arbeitete. Am 16. Juni 1908 heiratete er Gu(n)dula Kastenholz aus Styrum. Deren Mutter besaß eine Buchhandlung, die nach der Hochzeit auf den Namen Bernhard Broccai umgeschrieben wurde. Bis etwa 1930 war diese Buchhandlung am Löhberg 76. Ab 1931 wurde die Buchhandlung aus wirtschaftlichen Gründen in eine Leihbücherei umgewandelt und am neuen Standort Althofstraße 48 betrieben. 1933 beschlagnahmte die Gestapo rund 3000 Bücher damals missliebiger Autoren.

Bernhard Broccai hatte sich schon vor 1933 antifaschistisch betätigt und gehörte einer kommunistischen Widerstandsgruppe an. Aufgrund der Anzeige eines Nachbarn wurde er am 20. September 1944 verhaftet und bis zum 2. Oktober 1944 im Mülheimer Polizeipräsidium inhaftiert. Am 3. Oktober des gleichen Jahres deportierte ihn die Gestapo ins Konzentrationslager Sachsenhausen, später nach Neuengamme bei Hamburg. Dieses Konzentrationslager wurde ab 19. April 1945 evakuiert, die Häftlinge auf zwei Schiffe, die Cap Arcona und die Thielbeck, verladen. Diese beiden Schiffe mit rund 7500 Häftlingen, lagen am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht wo sie von der Britischen Luftflotte angegriffen wurden. Lediglich 400 Häftlinge überlebten den Angriff, Bernhard Broccai gehörte nicht zu den Glücklichen. Da das genaue Todesdatum nicht zu ermitteln war, wurde er am am 12. November 1949 für tot erklärt.

 


am 31. Januar 2017 verlegte Stolpersteine für Heinrich und Itta FallmannFamilie Heinrich Fallmann (Althofstraße 48)

Heinrich, oder auch Chaskel Feuwel, Fallmann wurde am 9. Februar 1900, in Dukla/Krosno/Galizien, heute Polen, geboren. Seit Mai 1920 lebte er in Mülheim an der Ruhr.

Am 31. Dezember 1929 heiratete er Itta Rumstein, geboren am 16. Dezember 1899 in Nürnberg. Das Paar hatte zwei Töchter.

Von 1918 bis 1933 arbeitete Heinrich als Reisender in dem Abzahlungsgeschäft seines Bruders Isaak an der Hindenburgstraße. Isaak Fallmann emigrierte bereits 1933, woraufhin sich Heinrich 1933 selbständig machte. Er gab das Geschäft in der Hindenburgstraße auf und arbeitete von seiner Wohnung in der Althofstraße 48 aus. Heinrich war Kaufmann in einer Weiß- und Wollwarenhandlung. Er nahm Bestellungen von Kunden in Mülheim und Umgebung auf und ließ die Kunden dann direkt von den Großhändlern beliefern. Auf Grund des Boykotts jüdischer Geschäfte musste Heinrich starke finanzielle Einbußen hinnehmen. 1938 hatte sein Geschäft einen Gewerbeertrag von 900 Reichsmark.

Während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde die Wohnung der Familie in der Althofstraße 48 zerstört. Fünf Nationalsozialisten drangen mit „Hacken“ in die Wohnung ein und zerstörten die gesamte Einrichtung. Sie zerschlugen Möbel und Geschirr, zerschnitten Teppiche, Möbelbezüge und das gesamte Bettzeug.

Am 17. November 1938 wurde Heinrich Fallmann von der Gestapo abgeholt und als Häftling Nr. 300012 in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Zur weiteren Erniedrigung wurde Itta Fallmann von der Mülheimer Polizei zum Aufräumen  der Wohnung gezwungen.

Erst nachdem Itta Fallmann sich verpflichtete auszuwandern, wurde Heinrich am 06. Dezember 1938 aus dem Konzentrationslager Dachau entlassen. Er hatte die Auflage, sich zweimal täglich bei der Polizei zu melden.

Ostern 1937 wurde eines der Töchter eingeschult. Sie besuchte seit April 1938 die Volksschule, wurde aber im November 1938 vom Schulbesuch ausgeschlossen. Sie beschrieb später eine große Unzufriedenheit, weil sie immer in der letzten Bank sitzen musste und sie von Mitschülern mit Steinen beworfen wurde.

Auf Grund dieser Vorkommnisse traf die Familie den Entschluss, Deutschland zu verlassen. Im März 1939 kaufte Heinrich für 1.000 Reichsmark Fahrkarten der 3. Klasse bei der Holland-Amerika-Linie von Düsseldorf nach New York. Da sich die Verhältnisse für Juden in Deutschland immer weiter zuspitzten, verzögerte sich die Ausreise der Familie und sie konnten die Überfahrt nach Amerika nicht antreten. Im Frühjahr 1939 schickten die Eltern die Töchter zu Verwandten nach Amsterdam. Die Eltern selbst flohen zunächst nach Antwerpen in Belgien, wohin sie die Töchter später nachholten. Durch das weitere Vordringen der deutschen Truppen war die Familie gezwungen, im Mai 1940 weiter nach Frankreich zu fliehen. Im September 1942 wurde Heinrich dort verhaftet und über das Lager Les Milles in das Sammellager in Drancy bei Paris gebracht. Von dort wurde er am 7. September 1942 nach Auschwitz deportiert, von wo aus er nicht zurückkehren sollte. Er wurde am 8. Mai 1945 für tot erklärt.

Seine Frau Itta versuchte im Februar 1943 mit französischen Papieren in die Schweiz zu fliehen, wurden aber an der Grenze verhaftet und zurück nach Frankreich gebracht. Dort versteckten sie sich in verschiedenen Klöstern. Anfang 1943 kam sie ins damals italienisch besetzte Nizza. Als die deutschen Truppen bis nach Südfrankreich vordrangen, floh sie weiter nach Rom. Ihre Flucht und Unterbringung in den verschiedenen Klöstern wurde von der französischen Untergrundbewegung bezahlt.

Den Mönchen, die sie vor den Nazi-Schergen verbargen, waren sie Zeit Lebens dankbar.

Im März 1945 wanderte Itta nach Palästina aus. Sie fand dort Arbeit in einer Schulküche und heiratete 1951 Mosche Jakob Mühlrad.

Auch die beiden Töchter konnten noch rechtzeitig dem NS-Terror-Regime entkommen.

Längengrad*
Breitengrad*
ODER Adresse (nur Straße und Hausnummer)Althofstraße 44
Markertext*

Kontakt


Stand: 02.05.2017

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Ihre Nachricht

Sicherheitscode (Was ist das?)

 

Teilen | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel