Antikriegstag (2019)

Rede von Oberbürgermeister Ulrich Scholten

zur Kranzniederlegung Antikriegstag

am Samstag, 31. August 2019, 11.00 Uhr,

Luisental

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Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich sehr über Ihr Hiersein, und ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben, mit dem DGB und mir gemeinsam an das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern.

Wir gedenken heute hier im Luisental der Opfer des Nationalsozialismus‘ und des Zweiten Weltkriegs, der vor 80 Jahren, am 1. September 1939 mit dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, begann. Und wir schließen in unser Erinnern die Opfer aller Kriege ein, denn jede kriegerische Auseinandersetzung bringt Tod, Zerstörung und viel Leid - und ist uns Verpflichtung, für eine friedliche und gerechte Welt einzutreten.

Dem DGB danke ich für die Ausrichtung der Veranstaltung und der Einladung, als Vertreter der Stadt einige Worte zu sprechen.

„Nie wieder Krieg“, so lautete das Motto des ersten Antikriegstags, zu dem der DGB am 1. September 1957 aufgerufen hatte. Wenn ich mir die aktuelle Entwicklung in Syrien ansehe, in Libyen, im Iran oder im Jemen, in Afghanistan, im Sudan, in Nordkorea, Venezuela und vielen Staaten Afrikas, dann weiß ich, dass wir diesen Antikriegstag - leider - noch lange brauchen werden.

Von Frieden in der Welt sind wir trotz aller grausamer Erfahrungen immer noch weit entfernt. Das zeigt auch ein Blick auf die weltweiten Militärausgaben, die seit dem Fall des Eisernen Vorhangs noch nie so hoch waren, wie heute: Unfassbare 1,6 Billionen Euro geben die Staaten weltweit dafür aus!

Große Sorgen bereitet uns allen die Aufkündigung des INF-Vertrags Anfang August durch die USA,. .. der vor wenigen Tagen erfolgte Test eines konventionellen landgestützten Marschflugkörpers mit mehr als 500 Kilometern Reichweite von einer kalifornischen Insel aus und der mysteriöse Waffentest mit Toten im russischen Norden.

Die Nuklearmächte modernisieren ihre Waffen, neue Staaten greifen nach dem atomaren Vernichtungswerkzeug. Atommächte stehen sich wieder offenbar unversöhnlich gegenüber. Denken wir an die aktuelle Situation in Kaschmir. Fast scheint es, als sei der lange diplomatische Kampf gegen das Aufrüsten verloren...

Wenn wir dann noch lesen, dass es nach Angaben der Vereinten Nationen derzeit 70 Millionen Menschen gibt, die vor Krieg, Konflikten und Verfolgen fliehen, dann ist uns schmerzlich bewusst, dass wir von einem friedlichen Zusammenleben noch weit entfernt sind.

Wir leben in einer Welt, die geprägt ist durch Unsicherheit und Instabilität, durch Intoleranz, nationale Egoismen und Rassismus.

Und wenn ich am Antikriegstag Völkerverständigung, friedliches Zusammenleben und die Achtung der Rechte des Einzelnen fordere, wird mir mit Blick auf die erstarkenden rechtsradikalen Kräfte in Teilen unserer deutschen Gesellschaft Angst und Bange:

Denken wir nur an der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke oder an die fremdenfeindlichen Übergriffe in Chemnitz vor ziemlich genau einem Jahr.

Voller Sorge um die demokratische, rechtsstaatliche und freiheitliche Ordnung in Deutschland blicke ich auch auf die morgen anstehenden Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen... Demokratie, Frieden und Freiheit sind auch in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Sie müssen entschlossen verteidigt werden. Da sind wir alle in der Pflicht!

Am 1. September 1939 begann der nationalsozialistische Angriffskrieg der Deutschen auf Polen und damit der II. Weltkrieg. Diesem gnadenlosen Vernichtungskrieg, der von deutschem Boden ausging, fielen mehr als 60 Millionen Menschen zum Opfer.

Erst mit der Befreiung Deutschlands durch die Alliierten endete am 8. Mai 1945 die beispiellose und unfassbare Massenvernichtung an europäischen Juden, die Verfolgung von Sinti und Roma, Homosexuellen, politisch Andersdenkenden – und auch Gewerkschaftern.

Wir brauchen Gedenktage wie diesen, um uns immer wieder die Schrecken und das Grauen des Krieges in Erinnerung zu rufen. Mit dem Wissen um die Verantwortung der Deutschen für den blutigsten Krieg, den es je gab, müssen wir heute konsequent den fremdenfeindlichen und rechtsextremistischen Tendenzen in unserer Gesellschaft entgegentreten.

„Krieg ist ein Winterschlaf der Kultur“ – dieses Bild von Friedrich Nietzsche verlangt von uns zu handeln, wann und wo immer die Barbarei die Zivilisation bedroht.

Sonst könnte sogar das Versöhnungsprojekt Europa, das es für uns möglich gemacht hat, über 60 Jahre in Frieden mit unseren Nachbarn zu leben, gefährdet sein.

Damit auch die kommenden Generationen in Europa in Frieden und Freiheit leben können, müssen wir alle Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen.

„Nie wieder Krieg“, das Motto des ersten Antikriegstags, soll uns Ansporn dazu sein.

Dass wir handeln, damit die Kultur keinen Winterschlaf halten muss, sind wir den Toten, Versehrten und Vertriebenen aller Kriege, den Opfern von Barbarei und Völkermord schuldig.

Ich verneige mich vor den Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und ich fordere Sie auf, sich weiterhin aktiv für Frieden und Freiheit einzusetzen.

Kontakt


Stand: 04.09.2019

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