Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Deserteur wird Gastronom
Restaurant Mamma Rosa im Raffelbergpark

Deserteur wird Gastronom: Italienische Lebensfreude am Raffelberg

"Buongiorno, come stai?" Der kleine Italiener, der hier freundlich grüßt und der auch nach 33 Jahren in Deutschland sehr gerne sein Deutsch-Italienisch pflegt, ist ein quirliger, dunkel gelockter netter Typ, den man in Mülheim an der Ruhr kennt. Piero Gradino – er war der "Vater" von "Mamma Rosa" im Raffelbergpark. Vater von drei Töchtern ist er auch, aus seiner Ehe mit Heidi, die von Zuhause aus den schönen deutschen Namen Schulz trägt.

Migration & Geschichte: Deserteur wird Gastronom
Isola delle Femmine, Geburtsort von Piero Gradino auf Sizilien

Piero Gradino, nach dem Eintrag in seinem Pass eigentlich Pietro, wurde 1957 in dem Nest Isola delle Femmine geboren. Der Ort, 500 Jahre alt, liegt 20 km westlich von Palermo auf Sizilien, direkt am tyrrhenischen Meer und hat heute ca. 7.000 Einwohner, die in der Landwirtschaft, der Fischerei und dem Tourismus arbeiten. Die gleichnamige Insel, wohl die Namensgeberin des Ortes, liegt etwa 600 m von der Landspitze Punta del Passaggio entfernt, ist aber unbewohnt. Hier gab es in früherer Zeit einige Thunfischfangplätze. Den Bruder von Piero, den wir noch treffen werden, siehe unten, zieht es auf das Meer, aufs Schiff, wo er als Koch arbeitet.

Nach der Schule macht Piero das, was ihn auch heute noch umtreibt: Er geht in die Gastronomie. Besucht die Hotelfachschule in Palermo, erwirbt dort ein Diplom, ist mit 15 Jahren schon Kellner in Rimini, quasi als Praktikant während der Ausbildung und arbeitet dann 1971 und 72 in Venedig. Seine Reise geht also beständig Richtung Norden, weg von Sizilien.

Aus der Nordwanderung wird dann bitterer Ernst, als er sich weigert, im italienischen Militär zu dienen. Er ist Deserteur, wird zu zwei Jahren Haft verurteilt, muss diese aber nicht absitzen, denn er war 1974 nach Deutschland geflüchtet. Hier hatte er in Essen, bei Kockshusen, dem Restaurant im Schellenberger Wald, eine Arbeit gefunden, wo er vier Jahre lang blieb. Das war es dann mit Italien, hier gab es deutsche Gemütlichkeit mit Biergarten, schmuckem Fachwerkhaus, Rittersaal und Hopfenstübchen. Und nach Italien durfte er pro Jahr nur für maximal sechs Wochen zu Besuch, unter Aufsicht und mit Stempel der Carabinerie. Seinen Frieden hat er mit dem italienischen Militär dann 20 Jahre später geschlossen, als er offiziell vom Militärdienst freigestellt wurde.

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v.l.n.r.: Piero Gradino: ca. um 1965, 1973 und 1998

Vom einen Wald in den anderen, vom Schellenberger Wald an den Raffelberg nach Mülheim an der Ruhr, das war dann 1979 nur noch ein Katzensprung. Auf der Suche nach einem Restaurant, in dem Piero sich selbständig machen konnte, fand er die Räume im alten Solbad. Das war zu der Zeit fast eine Ruine, der Bauzustand war jämmerlich, es gab keine Heizung, man suchte nach neuen Nutzungskonzepten. Ein Spielkasino war mal im Gespräch, und aus diesem Grund gab es auch nur einen Pachtvertrag, der jährlich verlängert werden musste.

Am Raffelberg treffen wir dann auch wieder auf den Bruder, dem Schiffskoch, der an Land gehen wollte und eine neue Bleibe mit festem Boden unter den Füssen suchte. Zusammen mit ihm und mit seinem Cousin, beide mit dem gleichen Namen Rosario Gradino – was ab und zu heftig Verwirrung stiftete – machte er sich an die Arbeit, einfache, unverfälschte Italienische Küche zu kochen. Frischer Fisch sollte es sein, gegrillt zum Beispiel, oder Fischsuppe nach Sizilianischer Art, selbst gemachte Nudeln natürlich, Steinpilze, frische Produkte, nichts aus der Dose. Keine Pizza, und das war nicht einfach. Das neue Restaurant "Mamma Rosa", nach der Mutter von Piero Gradino benannt, lief nicht so recht, schwierige Zeiten, wenig Besuch, doch etliche Stammkunden aus der Umgebung.

Eine Entscheidung musste her: So kam dann 1981 doch ein Pizzaofen und es ging beständig bergauf. Typisch deutsch, italienisch essen ist nun mal Pizza? Oder? 1984 wird geheiratet. Und nach und nach kamen Giannina, Caterina und Chiara, die Töchter dazu. Das Theater an der Ruhr, nebenan, war längst ein Qualitätsversprechen, in der Region und deutschlandweit. Bald schon war der Name "Mamma Rosa" ein Begriff für die Mülheimer, bald auch für Besucher aus den Nachbarstädten im westlichen Ruhrgebiet. Und Piero drehte seine Runden durchs Lokal. Ist witzig, ist der Typ, ist nett und freundlich und seine Gäste kommen immer wieder. Schön war es dort im Raffelbergwald, aber das Haus war immer noch ein alter Kasten.

Für drei Jahre zog es "Mamma Rosa" nach Oberhausen-Altstaden, das war 1985 bis 1988. Und 1995 bis 1997 wird aus dem alten Solbad dann ein Schmuckstück, frisch renoviert, bekannt für das hervorragende Schauspiel von Roberto Ciulli und Helmut Schäfer. Weitere sieben Jahre ist Piero hier noch Zuhause. Dann wird Abschied genommen. "Arrivederci" heißt es zum Abschluss. Mal sehen, wo wir Piero Gradino wieder sehen.

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v.l.n.r.: Bruder Rosario, Piero und Cousin, Piero im Mamma Rosa

Klaus Wichmann, im Juni 2007


 

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Sizilien, Heimat von Piero Gradino

Die Insel Sizilien liegt südwestlich vor der „Stiefelspitze“ Italiens und ist der Überrest einer Landbrücke, die einst Europa und Afrika verband. Markantes Merkmal der Insel ist der Vulkan Ätna.

Wie sieht die Küche Siziliens aus?

Die sizilianische Küche zählt zu den ältesten und vielseitigsten Regionalküchen Italiens. Typische Vorspeise, beziehungsweise Zwischenmahlzeit sind Arancini, kleine gefüllte Reisbällchen, oder Sfincione, eine Art Pizza aus Brotteig. Typisches Nudelgericht aus Palermo ist Pasta con le sarde mit Sardinen, aus Catania Pasta alla Norma mit Auberginen, benannt nach der Oper Vincenzo Bellinis. Eine Spezialität aus den ländlichen Gegenden ist der Farsu magru, ein reichhaltig gefüllter Rollbraten. In den Küstenregionen werden auch Fische oft gefüllt serviert wie zum Beispiel die Sarde a beccafico. Zu gebratenem Fisch oder Fleisch wird traditionell Insalata di arance, ein Orangensalat serviert. Sizilianische Käsesorten sind der Ragusano und der Pecorino Siciliano.

Eine besondere Rolle spielen auf Sizilien Süßwaren, deren Rezepte oft aus arabischer Zeit stammen. Berühmt sind die Cassata, eine farbenfroh dekorierte Torte, die Frutta martorana, Früchte aus Marzipan, und Cannoli, mit Ricottacreme gefüllte Teigrollen. Schon im Mittelalter finden wir Einwirkung auf die englische Kultur. So stehen zum Beispiel in anglonormannischen Handschriften zur Kochkunst Gerichte wie Poume d'oranges oder Teste de Turke, die arabischen Ursprungs sind und durch den kulturellen Austausch nach der Eroberung Siziliens auch in englischen Küchen auftauchten (Quellen: Foto Nasa; Text Wikipedia).


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 06.07.2009

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