Mülheimer Baudenkmäler: Das Solbad Raffelberg

Das Solbad Raffelberg mit seinen Parkanlagen aus der Vogelperspektive

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wurden durch den Ausbau historischer Badeorte in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vor allem der Adel und ein gutsituiertes Bürgertum bedient, so legte gegen Ende des Jahrhunderts die Gesetzgebung zur Sozialversicherung im Deutschen Kaiserreich den Grundstein für die heutige Form der Krankenversorgung. Nun konnten auch besondere Heilmittel, zum Beispiel Trink- und Badekuren, einem größeren Bevölkerungskreis zugänglich gemacht werden. Insbesondere in von Bergbau und Schwerindustrie geprägten Gegenden wie dem Ruhrgebiet verschlechterten sich im Laufe des 19. Jahrhunderts die Lebensbedingungen vieler Menschen deutlich. Ein harter Alltag an oft gesundheitsgefährdenden Arbeitsplätzen, ungesunde Wohnverhältnisse und zunehmende Verpestung der Luft durch Abgase der Industrie führten in der Bevölkerung – vor allem unter den Kindern – immer häufiger zu gravierenden gesundheitlichen Schäden. Für die steigende Zahl zu versorgender Menschen waren neue Einrichtungen möglichst in der Nähe der Ballungszentren zu schaffen. Das Solbad Raffelberg ist ein konkretes Beispiel für diese Entwicklung.

Schon 1855 hatte man eine Solequelle auf der Zeche Alstaden entdeckt, deren chemische Zusammensetzung medizinisch vorteilhaft war. Um diese Quelle zu nutzen, wurde 1888 in Alstaden eine Kinderheilanstalt mit Soleanwendungen eingerichtet. Sie erwies sich aber bald als zu klein und zu ungünstig gelegen. Zur Schaffung einer verbesserten Heilstätte für Kinder bildete sich zunächst in Mülheim ein Verein mit Persönlichkeiten aus Verwaltung und Wirtschaft, um die erforderlichen Mittel zu akquirieren. Es erschien inzwischen auch ökonomisch interessant, Kureinrichtungen für den allgemeinen Bedarf zu erstellen. So gründete man im Jahre 1907, noch bevor es zum Bau einer neuen Kinderheilanstalt gekommen war, eine Aktiengesellschaft zur Errichtung eines Solebades. Verein und Aktiengesellschaft blieben zwar offiziell voneinander unabhängig, kooperierten aber planerisch. Als gemeinsamen, circa 8,5 ha großen Bauplatz erwarb die Aktiengesellschaft die Ländereien des alten Hofguts Raffelberg, dem das Solbad seinen Namen verdankt. Für die Gesamtplanung war der damalige Stadtbaumeister und Beigeordnete von Mülheim, Karl Helbing, maßgeblich verantwortlich. Seine Aufgabe war es, neben dem Kindersolbad ein Badehaus sowie ein Kurhaus mit Hotelbetrieb zu errichten, die mit einem Wandelgang zu verbinden waren. Dies entsprach dem Grundmuster klassischer Badeanlagen, wie sie im 19. Jahrhundert entwickelt worden waren.

Gebäude und Parkanlage

Die Eingangsseite des Kindersolbades RaffelbergIn dem Gebäude für die Kinderheilanstalt sollten mindestens 100 Kinder für eine vierwöchige Kur untergebracht werden können. Die kleinen Kurgäste waren Kinder armer Eltern, die meist an tuberkulösen Haut- und Lympherkrankungen sowie unter Rachitis litten. Helbing entwarf ein dreigeschossiges Gebäude auf rechteckigem Grundriss, das er symmetrisch in zwei Seitenflügel und einen Mittelbau gliederte. Seitlich waren nach außen abschließbare Terrassen angeordnet, da man auch an Winterkuren dachte. Neben den Schlaf-, Ess-, und Aufenthaltssälen für die Patienten war eine eigene umfangreiche Badeanlage vorgesehen.

Ausgangspunkt der allgemeinen Kuranlage war das Badehaus. Zu dessen medizinischer Ausstattung zählten 40 Wannenbäder, zwei Inhalationsräume, ein Gurgelraum, drei Ruheräume und die erforderlichen Empfangsräume für die Badegäste. Betont wurde die Einrichtung einer Zentralheizung sowohl für die Kinderheilstätte als auch für das Solbad. So sollte der Wandelgang zwischen Badehaus und Kurhaus als heizbarer Raum auch im Winter Aufenthalt bieten können. Das unterscheidet ihn von Wandelhallen anderer Kurorte, die in der Regel offen oder nur halbseitig geschlossen errichtet wurden. Die meisten damals vorhandenen Kureinrichtungen waren Saisonbetriebe und nicht für die Winternutzung ausgelegt.

Blick auf den Eingangspavillon an der Nordseite des ParksMit der Planung des Außenbereichs hatte man den Düsseldorfer Gartenbaudirektor Freiherr von Engelhardt beauftragt. Die vorhandenen natürlichen Gegebenheiten – Wald, Wasserlauf und Geländeabstufung – nutzte Engelhardt zur Schaffung eines vielfältigen Szenariums aus geraden und geschwungenen Wegen, Treppenanlagen, Sitzbereichen, Pergolen und Wasserflächen, ergänzt durch eine sorgfältige Auswahl von Bäumen, Sträuchern und Zierpflanzen. Darüber hinaus gab es im Park mehrere Pavillons und überdachte Sitzplätze, von denen allerdings nur noch Reste erhalten sind. Die Bauten der Solbadgesellschaft wurden am 16. April 1908 in Angriff genommen und innerhalb von nur 13 Monaten bis zum Mai 1909 fertiggestellt. Mit der Errichtung des Kindersolbades begann der Verein erst im Juli 1908, aber auch hier wurde man Mitte 1909 fertig. Die Baukosten einschließlich des Inventars beliefen sich auf 1.000.000 Mark, wobei 180.000 Mark für die Kinderheilstätte, 820.000 Mark für Solbad und Park aufgewendet wurden.

Die weitere Entwicklung

Der große Schlafsaal im Kindersolbad für gesunde, aber erholungsbedürftige KinderAnfänglich entwickelte sich die Kinderheilstätte sehr positiv. Schon 1912 konnte der Vereinsvorstand mit einer Erweiterungsplanung beginnen. Aber erst 1921 wurde an der Westseite des vorhandenen Gebäudes ein weiterer niedriger Baukörper angefügt. Noch 1950 wurde der westliche Anbau anlässlich der Beseitigung verschiedener Schäden des Zweiten Weltkrieges um ein weiteres Geschoss erhöht. Dennoch war der Verein nach Ende des Krieges nicht mehr in der Lage, den Betrieb der Kinderheilstätte erfolgreich weiterzuführen. Sie musste 1955 geschlossen werden. Das Haus wird seitdem als privater Büro- und Verwaltungssitz eines Mülheimer Unternehmens genutzt.

Der allgemeine Kurbetrieb entfaltete sich zunächst ebenfalls erfreulich. Das Solbad wurde schnell zu einem beliebten Ausflugsziel. Schon 1911 wurde ein Kursaal mit gewölbter Decke und Orchestermuschel für 800 Personen errichtet, der sowohl an den alten Speisesaal als auch im Süden an den Wandelgang angrenzte. Wurde im Jahr 1927 noch die stolze Zahl von 75.000 verabreichten Badanwendungen verkündet, so geriet das Solbad Ende der 1920er Jahre in wirtschaftliche Schwierigkeiten, die 1936 schließlich zur Umwandlung der Aktiengesellschaft in einen Verein führten. Der Zweite Weltkrieg verursachte schwerwiegende Schäden an der Bausubstanz.

Das Kurhotel mit der Wandelhalle vor dem FestsaalDie Gebäude wurden nach dem Krieg zur Unterbringung alliierter Streitkräfte zweckentfremdet. Während die Kriegsschäden am Kindersolbad und im Badehaus behoben wurden, stand das Kurhaus nach einer Reparatur des Daches leer. 1958 versuchte man, durch Modernisierung und Ausweitung des Kurangebotes im Badehaus die Besucherzahlen zu steigern. Die Erfolge waren jedoch leider nicht anhaltend. Das nicht renovierte Kurhaus verfiel zusehends, da Mittel zu seiner Erhaltung fehlten. 1959 erwog der Mülheimer Baudezernent Koenzen sogar den Abriss. Schließlich wurde der Bau teilweise als Wohn- und Gewerberaum vermietet. Aber die wirtschaftliche Situation des Solbadvereins besserte sich nicht. Als 1973 die Förderung der Natursole auf Alstaden eingestellt wurde, versuchte man zunächst, auf andere Solequellen und Badeangebote auszuweichen. Die Existenz der Anlage stand auf dem Spiel. Die Stadt beschloss jedoch eine erneute Renovierung des Solebades, die 1976/77 durchgeführt wurde. Doch auch diese Maßnahmen beendeten den Existenzkampf nicht. Neue Lösungen bis hin zur Errichtung eines modernen Thermalbades neben den alten Bauten wurden erwogen und letztlich wieder verworfen, zumal in der Bürgerschaft ein Verein entstand, der sich für die Erhaltung des Parks am Solbad Raffelberg einsetzte.

1981 bezog das „Theater an der Ruhr“ Räume im Kurhaus und nutzte zunächst den Kursaal als Aufführungsstätte. Der große Erfolg des Theaters führte schließlich 1993 zum Beschluss, das Kurhaus zur festen Spielstätte umzubauen. Mitte 1994 begannen die Baumaßnahmen; im Herbst 1997 erfolgte schließlich die feierliche Einweihung des umgestalteten Hauses. Das Aus für den zunächst noch verbliebenen Badebetrieb war indes nicht aufzuhalten. Ende 1992 schlossen sich die Pforten des Badehauses. Nach vergeblichen Versuchen, das Gebäude zu vermieten, entschloss sich die Stadt zum Verkauf.

Das Solbad nach der Erweiterung des KurparksSeit 1987 stehen die Gebäude des Solbades als bemerkenswertes Beispiel für Kur- und Badebauten des frühen 20. Jahrhunderts unter Denkmalschutz. Der Schutz wurde später auf den Park ausgedehnt. Wirtschaftliche Schwierigkeiten haben nicht nur das Mülheimer Solebad gebeutelt. Andernorts wurden entsprechende Kuranlagen oft rigoros umgestaltet oder neu errichtet, um sich im Kurgeschäft zu behaupten. Der im Wesentlichen erhaltene Charakter des Solbadkomplexes erscheint auch in diesem Licht als seltenes und wertvolles Bauzeugnis.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Das Solbad Raffelberg" von Erich Bocklenberg, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Postkartenansicht des Solbads Raffelberg (Kurhaus) Innenansicht des Speisesaals im Kurhotel Raffelberg Die Inneneinrichtung des Festsaals im Kurhaus Der Haupteingang des Solbades mit Blick auf das Kurhotel
Die Kuppelhalle mit den angrenzenden Bäderabteilungen Die Wandelhalle der Bäderanlagen des Solbads Die Kureinrichtungen des Kindersolbades Raffelberg Blick vom Solbad über den Teich auf die Parkanlagen
Hinterfront des Kurgebäudes am Raffelberg (Entwurf) Entwurf der Hinterfront des Kurgebäudes am Raffelberg Lageplan des Solbads und des Kurparks Raffelberg Entwurf zur Erweiterung des Kurparks am Raffelberg (1927)
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Stand: 03.04.2017

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