Der Bombenkrieg in Mülheim an der Ruhr

Blick von der Marienkirche auf die zerstörte Innenstadt (Juli 1947)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mülheim scheint im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten weniger durch alliierte Bombenangriffe zerstört worden zu sein. Dies ist zumindest der Eindruck, den man in der Stadt bekommt, schließen sich doch recht nah am nach dem Krieg neu errichteten Stadtzentrum um die Schloßstraße und den Hauptbahnhof Straßenzüge an, in denen die Häuser den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. Dieser Eindruck wird bestätigt durch eine Untersuchung der Stadt Köln aus dem Jahr 1952, die die Kriegseinwirkungen in acht Ruhrgebietsstädten vergleicht. Mülheim findet sich auf dem letzten Platz dieser Statistik.

In den Missionslisten des britischen Bomber Command und der amerikanischen 8. Luftflotte taucht Mülheim nur sechsmal als direktes Einsatzziel von Feindflügen auf – das sind wenige im Vergleich mit Mülheims Nachbarstädten Essen (62) oder Duisburg (68). Doch Mülheims Lage als Nachbar eben dieser Städte ließ die Stadt zusätzlich zu den sechs direkten Angriffen 154 Mal Ziel von indirekten oder Teilangriffen werden, deren Hauptziel Essen, Duisburg oder Oberhausen war.

Ziele in Mülheim waren einerseits die großen Industrieanlagen der Deutschen Röhrenwerke und die Friedrich-Wilhelms Hütte der Deutschen Eisenwerke, das Reichsbahnausbesserungswerk auf der linken Ruhrseite sowie der Eisenbahnknotenpunkt der märkischen und rheinischen Trassen. Wie in anderen Städten ließ das Bomber Command auch in Mülheim die Stadtmitte mit ihrem geschäftlichen und privaten Leben bombardieren. Die letzten beiden auf die Stadt geflogenen Angriffe galten dagegen dem im Südosten an der Stadtgrenze nach Essen gelegenen Flughafen.

Insgesamt starben in Mülheim durch alliierte Bomben 1.305 Menschen, wobei die größten Verluste mit 530 Toten der gleichzeitig stärkste Angriff auf Mülheim in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 forderte. Auch die Sachschäden waren nicht unerheblich und bezifferten sich nach Angaben der städtischen Polizeibehörde (1948)  auf 2.968 zerstörte und 4.528 beschädigte Wohnhäuser, 129 zerstörte und 256 beschädigte Geschäftslokale, 17 zerstörte und 27 beschädigte öffentliche Gebäude, 15 zerstörte und 17 beschädigte Industrieanlagen.

Bedrohung und Abwehr

Schlechte Sicht kombiniert mit der damaligen ungenauen Technik oder ein durch Nervosität bedingtes zu frühes Ausklinken der Bombenlast durch die Bombenschützen verursachte eine Streuung der Bombenniedergänge in weitem Umkreis um das eigentliche Ziel. So etwa bei einem Angriff in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1944, der der Stadt Oberhausen galt. In Oberhausen starben vier, in Mülheim - vor allem in Dümpten - 33 Menschen.

Zur aktiven Abwehr dieser Bedrohung gab es zwei verschiedenartige Waffen: einerseits die Jagdstaffeln, die von niederländischen Flugplätzen aus gegen die meist über der Scheldemündung gegen das Ruhrgebiet einfliegenden Bomberströme aus operierten, und andererseits die in und um die Städte postierten Flakstellungen.

Die in Mülheim stationierten Flakuntergruppen 394 und 472 waren dem Flakregiment 64 unterstellt. Flakstützpunkte dieser Gruppen befanden sich über das Stadtgebiet verteilt, aber auch auf Duisburger Stadtgebiet, wie zum Beispiel am Schlackeberg an der Regattabahn. Neben mindestens zehn Flakstellungen mit je sechs bis zwölf Geschützen vom Kaliber 8.8 oder 10.5 war in Mülheim noch zusätzlich ein Eisenbahnflakzug im Einsatz. Koordiniert wurde die Luftverteidigung des westlichen Ruhrgebiets durch die 4. Flakdivision, die im Speldorfer Wald in der Wolfsburg ihr Stabsquartier besaß. In den Kriegsjahren verloren die Alliierten bei den 160 direkten oder indirekten Angriffen auf Mülheim 240 Flugzeuge durch Flakbeschuss, 95 wurden von deutschen Jägern abgeschossen und 45 Maschinen waren so stark beschädigt, dass sie bei der Landung in England zu Bruch gingen.

Der erste gezielte Angriff auf die Stadt fand am 13. Mai 1942 statt. Das ursprüngliche Ziel von fünf Wellington-Bombern war Essen, doch das Ziel war wolkenbedeckt, so dass drei der Bomber ihre etwa fünf Tonnen schwere Last über Mülheim als Alternativziel abwarfen. Tote gab es im Luftschutzort keine. In der Nacht vom 10. auf den 11. März 1943 warfen in einer "minor operation" zwei Mosquitos zwei Tonnen Bomben auf Mülheim, während ebenfalls zwei Mosquitos Essen angriffen.

Der Angriff am 22./23. Juni 1943

In dieser Nacht griffen in drei Wellen 557 britische Bomber (242 Lancaster, 155 Halifax, 93 Stirling, 55 Wellington, 12 Mosquito) die Mülheimer Innenstadt und die nördlich gelegenen Industriekomplexe an. Dieser Angriff war der schwerste und verlustreichste für die Stadt. 530 Menschen ließen ihr Leben und der nach dem Krieg erstellte British Bombing Survey schätzte, dass allein bei diesem einen Flächenbombardement 64 Prozent der Innenstadt zerstört wurde.

Das brennende Mülheim beim großen Bombenangriff in der Nacht vom 22./23. Juni 1943Der Angriff verlief sehr präzise. Um 0.33 Uhr, zwölf Minuten bevor Luftalarm gegeben wurde und 37 Minuten vor dem Hauptangriff, fand völlig überraschend ein von mehreren Mosquitos im Tiefflug geflogener Präzisionsangriff auf die Hauptfeuerwache an der Aktienstraße statt, der das Ausrücken der Feuerschutzpolizei zum Löschen der durch den Angriff entstandenen Brände verhindern und die Telefonleitungen zur Wache zerstören sollte. Dieser nicht gewarnte Angriff überraschte die Einwohner im Bereich Aktien-, Sand- und Falkstraße und forderte allein 90 Menschenleben, zerstörte 13 Fahrzeuge der Feuerschutzpolizei und legte die Telefonanlage der Wache lahm.

Um 0.45 Uhr wurde Luftalarm gegeben und um 1.10 Uhr fielen die ersten Bomben ins Stadtzentrum. Im Verlauf der Bombardierung wurde die Markierung leicht nach Norden verlegt, um so das Industriegebiet zwischen Ruhr und Mellinghofer Straße (Deutsche Eisenwerke, Deutsche Röhrenwerke) zu treffen und die Verbindungen nach Oberhausen zu unterbrechen und so die Mülheimer Innenstadt von Hilfe aus dieser Stadt abzuschneiden. Von dieser Welle wurden auch die Wohngebiete der Stadtteile Mellinghofen und Styrum stark erfasst.

Ein weiterer Teilangriff innerhalb des Hauptangriffs galt gegen 1.40 Uhr Speldorf, wobei die Werksanlagen der Firma Schmitz-Scholl, die damals neben Schokolade auch Proviant für die Wehrmacht herstellte, der Hafen, der Bahnhof und das Reichsbahnausbesserungswerk unter Bomben gerieten. Ein Lager holländischer Fremdarbeiter wurde dabei völlig zerstört; wie viele von ihnen dabei ums Leben kamen, ist nicht bekannt.

Am schlimmsten wurde aber die Mülheimer Innstadtstadt zerstört, wo die abgeworfene Brandmunition an vielen Orten ganze Straßenzüge in Flammen aufgehen ließ, nachdem Minen- und Sprengbomben Häuser zum Einsturz gebracht und Dachstühle abgedeckt hatten. "So kam es, dass bei der […] engen Bauweise, dazu bei sehr viel Fachwerkbauten, die Auswirkungen geradezu verheerende Ausmaße annahmen. In dicht aufeinanderfolgenden Wellen wurden pausenlos Minen, Spreng- und Brandbomben abgeworfen, so dass die Stadt in wenigen Minuten in Rauch- und Staubwolken gehüllt war." (Eintrag im Geheimen Kriegstagebuch des Polizeipräsidiums Oberhausen vom 23. Juni 1943.)

Vom Krieg zerstörte Häuser an der Einmündung Löhstraße/LöhbergIn der südlichen und nördlichen Innenstadt kamen in Folge des Angriffs 297 Menschen zu Tode, wobei Leineweber- und Teinerstraße am stärksten betroffen waren mit 42 bzw. 38 Toten in einem Straßenzug. An der Kaiserstraße erhielt die Infanteriekaserne mehrere Treffer, aber auch die Petri- und Marienkirche auf dem Kirchhügel brannten vollkommen aus, die Stadthalle, das Rathaus, beide in der Innenstadt gelegenen Krankenhäuser wurden getroffen und brannten. Hilfe konnte durch herunterhängende Straßenbahnleitungen und Bombentrichter auf den Straßen nur erschwert zur Stelle sein. Infolge der engen Straßen entstanden Verkehrstörungen, die den An- und Abmarsch der Einheiten erheblich verzögerten. Vor allem die von außerhalb zugeführten Lösch- und Hilfseinheiten wurden immer wieder durch diesen Umstand behindert.

Die Bilanz dieser Nacht war, dass neben 530 Toten insgesamt 1.630 Gebäude total zerstört wurden, davon 17 Gebäude in Rüstungsbetrieben. Die Feuerschutzpolizei musste in den folgenden Tagen mit 150 Großbränden, 700 mittleren Bränden sowie 2.250 kleinen Bränden kämpfen. 2.100 Häuser mussten geräumt werden (91 davon wegen Blindgängergefahr), so dass insgesamt 40.000 Menschen ausquartiert wurden. Wasser-, Gas- und Elektrizitätsbetriebe erlitten erhebliche Schäden und wurden vorübergehend außer Betrieb gesetzt, ebenso der Straßenbahnbetrieb.

Auch auf Seiten des Bomber Command waren erhebliche Verluste zu verzeichnen. Insgesamt 35 Maschinen kehrten nicht von dem Einsatz über Mülheim zurück, 198 Besatzungsmitglieder ließen ihr Leben. Zum Teil wurden die Maschinen durch Nachtjäger über den Niederlanden abgeschossen, ein anderer Teil musste nach Flaktreffern bruchlanden, wobei ein Halifaxbomber auf den Mülheimer Zentralfriedhof stürzte und ein Lancaster-Bomber in Heißen herunterkam.

Die Angriffe am 24. Dezember 1944 und 21. März 1945

Gegen 14 Uhr des 24. Dezember 1944 bombardierten insgesamt 338 britische Bomber in einem kombinierten Angriff die Flugplätze Essen-Mülheim und Düsseldorf-Lohausen. Der Flugplatz Mülheim, der seit 1940 Militärflugplatz war, diente zur Unterstützung der von der Wehrmacht gestarteten Ardennenoffensive.

Bei diesem Angriff kamen 74 Mülheimer ums Leben, davon allein 50, als der Bunker in der Windmühlenstraße einen Volltreffer bekam. Allerdings muss man insgesamt von ca. 250 Toten allein in diesem Bunker ausgehen, denn im oberen Geschoss des Bunkers waren am Flugplatz stationierte Soldaten untergebracht, die nicht in den Mülheimer Opferlisten auftauchen, während die Zivilisten im weniger betroffenen Untergeschoß den Angriff abwarteten.

Kurz vor der Einnahme des Ruhrgebiets flog die US Air Force am 21. März 1945 einen erneuten Angriff auf den Flugplatz in Mülheim. Dieser von 90 B-24-Bombern geflogene Angriff diente den Alliierten zur Vorbereitung des Rheinübertritts bei Wesel am 23. März 1945 durch Bodentruppen. Bei dem Bombardement des Flugfeldes in Mülheim fielen Bomben erneut auch auf die Wohngebiete von Menden, Raadt und Holthausen, so dass weitere 22 Menschen starben.

Auswirkungen auf die Industrie

Die in Mülheim beheimatete Industrie war, wie in anderen Städten auch, vor dem Krieg bereits auf die Produktion von Kriegsgütern umgestellt worden. Vor allem die beiden eisenverarbeitenden Betriebe Friedrich-Wilhelms Hütte (Deutsche Eisenwerke) und die Deutschen Röhrenwerke produzierten einen Großteil an Rüstungsgütern. Die Röhrenwerke stellten Granathüllenrohlinge, Panzer- und Schutzbleche, Torpedoausstoßrohre und andere U-Boot-Teile sowie Abwurfmunition her.

Besonders der Angriff am 22./23. Juni 1943 und die beiden Teilangriffe am 1. November und 31. Dezember 1944, bei denen der Hauptangriff Oberhausen galt, ließen erhebliche Produktionsausfälle entstehen. Überhaupt konnten die Betriebe in der Kriegsendphase nur noch eingeschränkt produzieren. Die mangelnde Zufuhr von Rohstoffen aus Bochum und die Zerstörung des Gaswerks in Hamborn bzw. der Leitungen nach Mülheim ließen die Produktion zum Erliegen kommen.

Resümee

Mülheim hatte während des Krieges zahlreiche Angriffe durch alliierte Bomber durchzustehen. Weit über tausend Menschen verloren ihr Leben und viel an erhaltenswerter Bausubstanz wurde vernichtet. Die Auswirkungen der alliierten Bombardements auf die Industrieproduktion waren erheblich und führten schließlich zu einem Mangel an Nachschub für die deutschen Armeen. Doch war Mülheim den feindlichen Angriffen nicht so gezielt und regelmäßig ausgesetzt wie seine Nachbarstädte, so dass der verheerende Angriff vom 22./23. Juni 1943 glücklicherweise das einzige Flächenbombardement auf die Innenstadt darstellte.

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Digitale Kriegsopferliste (bearbeitet von Uwe Stachelhaus)

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Stand: 07.11.2018

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