Mülheimer Baudenkmäler: Der Wasserbahnhof

Die Schleuseninsel und ihre Umgebung um 1900 (im Hintergrund rechts der Schlachthof)

Über viele Jahrhunderte hinweg war die Ruhr der wichtigste Transportweg im südlichen Ruhrgebiet. Neben den naturbedingten Widrigkeiten wie etwa Niedrigwasser gab es auch von Menschen erbaute Hindernisse, die die Schifffahrt erschwerten. Dies waren vor allem die sogenannten Schlagden (Wehre), an denen das Wasser gestaut und dann zum Betrieb von Mühlen verwendet wurde. Diese konnten nicht umschifft werden, so dass die Ruhrschiffer gezwungen waren, ihre Waren an jedem Wehr umzuladen.

1774 ließ der preußische König Friedrich II. über mehrere Jahre hinweg gegen den Widerstand vieler Anrainer 16 Schleusen bauen, die dafür sorgten, dass die Ruhr ab 1780 von Langschede bis Ruhrort durchgängig schiffbar wurde. Die Mülheimer Schleuse wurde als letzte dieser Anlagen erbaut. Vor allem die Landesherrin der Unterherrschaft Broich, Landgräfin Luise Albertine von Hessen-Darmstadt hatte sich lange Zeit gegen den Bau einer Schleuse gesperrt. Aber auch die Broicher Bevölkerung war gegen das Projekt, da man befürchtete, dass die für den Betrieb der Mühlen benötigte Wassermenge ausbleiben und der Fischfang zurückgehen werde.

Die Timmerhelling (Schiffswerft) der Familie Thielen auf der SchleuseninselEntgegen allen Befürchtungen war es vor allem Mülheim, das in den folgenden Jahrzehnten von der Ruhrschifffahrt und den Schleusengeldern profitierte. So auch die Schiffsbauerfamilie Thielen, die seit 1770 ihre "Timmerhelling" (Schiffswerft) auf der Schleuseninsel betrieb und den Schiffern während der Wartezeiten an der Schleuse Proviant und Ausrüstung für die weitere Reise verkaufte.

Die Vorteile der Schleuse erkannte letztendlich auch die Broicher Landesherrin und kaufte sie dem preußischen König 1795 kurzerhand ab. 1843 wurde parallel zur vorhandenen Schleuse eine neue errichtet, die 1845 ihren Dienst aufnahm. Sie existiert bis heute und ist damit die älteste noch erhaltene Schleuse an der Ruhr.

Die alte Schleuse wurde 1852 abgerissen, der alte Schleusenkanal zugeschüttet. 1874 erwarb die Stadt das Grundstück und errichtete hier den ersten städtischen Schlachthof. Er wurde jedoch 1908 abgebrochen und an einen anderen Standort verlegt, da die Geruchsbelästigung für die Anwohner unzumutbar geworden war. Mit dem Bau des Kraftwerks in den Jahren 1922 bis 1927 an der Stelle der ehemaligen Schleuse baggerte man den alten, verfüllten Schleusenkanal - deutlich verbreitert - wieder aus.

Die Personenschifffahrt

1853 begann mit der Ruhr-Dampfschifffahrtsgesellschaft auf der Strecke Homberg – Werden die Zeit der Personenschifffahrt auf der Ruhr. Nach dem frühen Konkurs 1855 scheiterte 1890 auch ein zweiter Versuch, die Personenschifffahrt auf der Ruhr zu etablieren.

Erst in den 1920er Jahren gab es einen weiteren Anlauf. Auf Betreiben ihres Oberbürgermeisters Paul Lembke erwarb die Stadt Mülheim 1927 zwei Schiffe, die "Mülheim" und die "Kettwig", die den Personenverkehr zwischen Kettwig und dem Solbad Raffelberg aufnahmen. Der Andrang war so gewaltig, dass man schon nach kürzester Zeit weitere Schiffe erwerben musste. Die "Weiße Flotte" war geboren, die – nur unterbrochen vom Zweiten Weltkrieg – bis heute Touristen und Einheimische befördert.

Mit dem Entstehen der "Weißen Flotte" erhielt die Schleuseninsel ihre Funktion als Wasserbahnhof. Da die Durchfahrt durch die Schleuse zu langwierig war, nutzte man die Schleuseninsel zum Umsteigen. Die Fahrgäste mussten die Insel mit Hilfe von Treppen und einem unterirdischen Gang überqueren. Um das Umsteigen etwas komfortabler zu gestalten, wurde ein kleiner Kaffeeraum mit Toiletten eingerichtet. Dieses Gebäude wurde 1927 von den Architekten Pfeifer und Großmann gebaut, die auch schon etliche andere Großbauten in Mülheim realisiert hatten.

Der Wasserbahnhof in der ersten Bauphase um 1927Der Mülheimer Baudezernent Arthur Brocke, der sich für den Bau des Wasserbahnhofs stark gemacht hatte, schlug vor, es wegen seiner Ähnlichkeit zur Bastei der Stadt Köln "Ruhrbastei" zu nennen. Doch die Mülheimer mochten diesem Namen nicht und schon bald bürgerte sich stattdessen der Name "Wasserbahnhof" ein. Bei diesem ersten Wasserbahnhof handelte es sich um eine Eisenbetonkonstruktion von eineinhalb Geschossen Höhe, deren Wände und Pfeiler unverputzt blieben. Im Erdgeschoss befanden sich eine Wartehalle und ein Fahrkartenschalter, während im Obergeschoss ein kleines Café mit 25 Sitzplätzen eingerichtet wurde.

Um- und Ausbau des Wasserbahnhofs

Die Beliebtheit der "Weißen Flotte" übertraf alle Erwartungen, so dass die Kapazitäten des Wasserbahnhofs bald erweitert werden mussten. Schon 1928 bekamen die Architekten Pfeifer und Großmann den Auftrag, das Gebäude erheblich zu vergrößern. Man entschied sich, an der Südseite einen halbrunden Bauteil anzugliedern und das Gebäude insgesamt um ein Stockwerk zu erhöhen. So entstand ein Obergeschoss mit 150 Sitzplätzen.

Die Besucherzahlen stiegen weiterhin rasant an, was eine abermalige Erweiterung nach sich zog. Pfeifer/Großmann beschlossen, das Gebäude um eine weitere Etage aufzustocken. Nach dem zweiten Umbau boten Speise- und Kaffeeräume 300 Gästen Platz, während die Terrassen und der Garten Sitzgelegenheit für weitere 500 Gäste boten.

Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs musste 1940 der Schiffsverkehr eingestellt werden, da die Schiffe der "Weißen Flotte" nach Holland und Russland zum Kriegseinsatz verlegt worden waren. Nach Kriegsende war dann von 1945 bis 1949 unter dem Namen "Riverside Club" ein britisches Offizierscasino im Wasserbahnhof untergebracht. Wenn auch der Wasserbahnhof noch nicht wieder als Ausflugslokal zur Verfügung stand, so nahm dennoch 1947 die Personenschifffahrt ihren Betrieb wieder auf. Ab 1950 war der Wasserbahnhof wieder für die deutsche Bevölkerung zugänglich und wurde im August 1953 auf Betreiben des Verkehrsvereins um eine Blumenuhr - damals die größte Deutschlands - bereichert.

Die Blumenuhr vor dem Wasserbahnhof der 1950er Jahre1957 musste der Restaurationsbetrieb vorübergehend schließen. Mangelnde Pflege während der Kriegsjahre und während der Nutzung als Offizierscasino hatten dem Gebäude so zugesetzt, dass eine aufwändige Innensanierung notwendig war. Nach einem halben Jahr wurde der Wasserbahnhof dann am 3. April 1958 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wiedereröffnet.

Obwohl der Wasserbahnhof auch in den 1960er Jahren nichts von seiner Attraktivität verlor, drohte ihm 1969 das plötzliche Aus. Mülheimer Politiker erwogen, das Gebäude abzureißen und an seiner Stelle einen 50 Meter hohen Hotelkomplex mit 15 Stockwerken zu errichten. Zunächst groß angekündigt ließ man diese Pläne aber schon ein Jahr später wieder fallen.

Im Februar 1975 wurde der Wasserbahnhof durch ein Feuer, das wegen eines Kurzschlusses in der Sektkühlungsanlage entstand, stark beschädigt. Der Schaden war enorm und die Instandsetzungsarbeiten dauerten fast drei Monate.

Die Sanierung des Wasserbahnhofs

In den 1980er Jahren begann der Glanz des Wasserbahnhofs zu verblassen. Das Gebäude war in die Jahre gekommen und bedurfte dringend einer aufwändigen Grundsanierung. Die Besucherzahlen der Gastronomie sanken beständig, wenn auch die Schleuseninsel und ihre Umgebung nach wie vor als beliebter Ausflugsort galten. 1988 gab die Familie Rieseberg, die sämtliche Lokalitäten im Wasserbahnhof seit 1927 betrieben hatte, auf.

In dieser schwierigen Situation bot die Firma Conle an, das Gebäude zu sanieren. Die Arbeiten am Wasserbahnhof zogen sich über zwei Jahre hin (1989 bis 1991). Die Gebäudesubstanz war so marode, dass das Gebäude weitestgehend entkernt werden musste. Zudem wurde der Wasserbahnhof bei dieser Gelegenheit um einen dreigeschossigen halbrunden Anbau mit einem repräsentativen Eingangsbereich erweitert. Püntklich zum Beginn der Landesgartenschau MüGa 1992 konnte sich der Wasserbahnhof in neuem Glanz präsentieren und ist seitdem wieder ein markantes und beliebtes Ausflugsziel an der Ruhr.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Der Wasserbahnhof auf der Schleuseninsel in Mülheim an der Ruhr" von Frank Jochims, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Der Wasserbahnhof aus der Vogelperspektive (vor 1945) Luftbild vom Wasserbahnhof und der Schleuseninsel (nach 1945) Der Wasserbahnhof in der zweiten Bauphase um 1928 (Vorderansicht) Der Wasserbahnhof in der zweiten Bauphase um 1928 (Rückansicht)
Der Wasserbahnhof um 1930 (rechts das Kraftwerk des RWW) Innenansicht des Wasserbahnhofs (vermutlich aus den 1930er Jahren) Blick von der Terrasse des Wasserbahnhofs in Richtung Schloßbrücke (um 1938) Der Wasserbahnhof mit Schleuseninsel in den 1950er Jahren
Längengrad*
Breitengrad*
ODER Adresse (nur Straße und Hausnummer)
Markertext*

Kontakt


Stand: 12.07.2017

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler auf dieser Internetseite gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Haben Sie ein anderes Anliegen, um das wir uns kümmern sollen, dann wenden Sie sich bitte an die Bürgeragentur.

Ihre Nachricht

 

Teilen | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel