Die ersten Frauen im Mülheimer Stadtparlament

Es ist nicht selbstverständlich, dass Frauen in Deutschland wählen können. Noch vor knapp 170 Jahren war es unvorstellbar, dass eine Frau wählen geht oder sich gar zur Wahl aufstellen lässt. Nach der Deutschen Revolution 1848 wurde die erste demokratisch gewählte Nationalversammlung konstituiert. Allerdings hatten nur selbstständige Männer das Wahlrecht. Tagelöhner oder Fabrikarbeiter beispielsweise wurden von den Wahlen ausgeschlossen. Frauen wurde das Wahlrecht komplett verweigert. Auf der Nationalversammlung wurde zwar über das Wahlrecht für alle Deutschen diskutiert, Frauen waren aber dennoch wie selbstverständlich ausgenommen. Ein vielfach genanntes Argument für den Ausschluss war die „natürliche Veranlagung“ zur Ausübung von Politik, an der es Frauen vermeintlich fehlen würde. Und darüber hinaus wurde die mangelnde Bildung der Frauen betont, die sie jedoch nicht erwerben konnten, da ihnen der Universitätszugang noch bis 1908 verweigert wurde.


Die ersten Frauen im Stadtparlament 1919

Nachdem am 19. Januar 1919 Frauen erstmalig bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung von ihrem neu gewonnenen aktiven und passiven Wahlrecht Gebrauch machen konnten, wurden am 2. März 1919 erstmals drei Frauen in das Mülheimer Stadtparlament gewählt.

„Meine Damen und Herren! So begrüße ich heute die neue Stadtverordnetenversammlung. Neu wie die Versammlung ist auch die Art des Grußes. Zum ersten Male habe ich die Ehre, neben den Herren auch die Damen in unserer Mitte willkommen zu heißen“. So empfing Oberbürgermeister Dr. Paul Lembke 1919 die gewählten Frauen im Mülheimer Stadtparlament. Größere Aufmerksamkeit wurde den Frauen jedoch nicht zuteil und auch in die zentralen Ausschüsse wurden die Frauen nicht gewählt. Es blieb bei dem traditionellen Rollenbild der Frau, die sich in den Wohlfahrtsausschuss oder in die Garten- und Friedhofsverwaltung wählen lassen konnte. Angesichts dessen, dass den Frauen zuvor die politische Beteiligung untersagt war, kann man die Wahl der Mülheimerinnen dennoch als ersten wichtigen Schritt in Richtung einer politischen Gleichberechtigung der Frauen sehen. 

Die erste Frau, die im Rat der Stadt einen Redebeitrag hielt, war die unverheiratete Konrektorin und Lehrerin Maria Büssemeier aus der Zentrumspartei. Sie wurde am 15. Januar 1876 in Soest geboren und war die Tochter eines Lokomotivführers. 1904 zog sie nach Mülheim an der Ruhr und hatte seit 1919 ihren Sitz im Stadtrat für zwei Wahlperioden inne.

Katharina Havermann, geborene Ulrich, wurde am 15. Oktober 1873 in Essen-Bergerhausen geboren und war mit Bernhard Havermann verheiratet. Sie war Hausfrau und Mutter und ließ sich 1919 ebenfalls für die Zentrumspartei ins Mülheimer Stadtparlament wählen. Sie saß nur kurze Zeit bis Oktober 1919 im Wohlfahrtsausschuss. Am 25. Juni 1943 starb sie im Alter von 69 Jahren bei einem alliierten Bombenangriff in Essen. 

Die dritte Frau im Rat war Luise Blumberg, geborene Becker. Als Tochter eines Kaufmannes wurde sie am 8. Februar 1890 in Mülheim geboren, machte 1907 ihren Abschluss an der Luisenschule, heiratete 1909 Dr. jur. Ernst Blumberg, der 1914 im Krieg fiel, und sie als Witwe mit zwei Kindern zurückließ. Bei der Wahl 1919 wurde sie Stadtverordnete der Deutschen Volkspartei und darauf folgend wurde sie wiedergewählt. 1932 wohnte sie in Mülheim-Broich und ließ sich zur Abgeordneten in den 79. Rheinischen Provinziallandtag wählen. Am 13. November 1974 verstarb sie in Oberhausen.


Bruch durch die Nationalsozialisten – Die Frau im Zweiten Weltkrieg

Nachdem die Frauen 15 Jahre lang in Deutschland wählen durften „wurde das Rad der Zeit zurückgedreht“. Schuld war der Nationalsozialismus. Die zuvor von der Frauenbewegung angestrebte Emanzipation der Frau, wurde weitestgehend zurückgefahren. Die wesentliche Aufgabe der Frau sahen die Nationalsozialisten darin, dass sie sich als gebärende und erziehende Mutter zukünftiger Soldaten in die Volksgemeinschaft integriert. Schon ab 1933 lösten sich sämtliche Frauenvereine ohne Widerstand auf und die „Nationalsozialistische Frauenschaft (NS-Frauenschaft) erhob als „Eliteorganisation“ den Anspruch auf die politische und kulturelle Führung der gesamten Frauenarbeit“. International wurden Warnungen vor den Auswirkungen der Frauen- und Familienpolitik der Nationalsozialisten ausgesprochen. Dennoch schafften es die Frauen, nach dem Zweiten Weltkrieg an die Fortschritte in der Weimarer Republik anzuknüpfen und wieder in Stadt- und Landparlamente einzuziehen.


Der Neubeginn der Demokratie in Mülheim an der Ruhr – Frauen zurück in der Politik

Mülheim an der Ruhr hat es im Zweiten Weltkrieg schwer getroffen. In der Mülheimer Innenstadt standen nur noch etwa ein Viertel der Häuser. Die Versorgung mit Wohnraum, Lebensmitteln, Medizin, Kleidung und Heizmitteln war katastrophal. Die Rationen wurden immer knapper. Die Mülheimer Bürger*innen brauchten eine neue kommunale Ordnung; Mülheim musste wieder aufgebaut werden. Dafür wurden am 13. Oktober 1946 die neuen Stadtvertreter in Mülheim gewählt. In das Stadtparlament zogen unter den 39 Stadtverordneten auch 5 Frauen ein.

„Mit allen anderen Frauen, die […] in den einzelnen Wahlbezirken aufgestellt sind, kennt sie nur eine Pflicht: Linderung der ungeheuren Not und Besserung der Verhältnisse durch eine planvoll gelenkte Wirtschaft“ heißt es über Änne Fries in der Neuen Ruhr Zeitung unter den Mülheimer Nachrichten von September 1946. 

Die ersten Frauen im Mülheimer Stadtparlament. Zwischen den Herren sitzt Änne Fries. Sie wurde 1946 als Stadtverordnete vereidigt. - Stadtarchiv
Abbildung 1: Zwischen den Herren sitzt Änne Fries

Am 2. Mai 1907 wurde Änne (Anna) Fries (Kleinbekes) in Duisburg geboren. Sie war von Beruf Kontoristin und zweimal verheiratet. In ihrer ersten Ehe mit Heinrich Wilhelm Fries bekam sie drei Kinder, seit dem 13. November 1947 war sie mit Heinrich Hermann Kleinbekes verheiratet. Den Mülheimer Bürger*innen war sie bekannt durch ihre Energie, „wenn es darum [ging] die Interessen der Ärmsten der Armen zu vertreten“. Sozial und politisch war sie in Mülheim sehr engagiert. Als Leiterin der Mülheimer Arbeiterwohlfahrt sorgte sie sich um die Bürgerbelange, ließ sich 1946 für die Wahl der Stadtverordneten innerhalb der Sozialdemokratischen Partei aufstellen und wurde 1946 vereidigt. Bis 1952 war sie in den verschiedensten Ausschüssen der Bürgervertretung aktiv. Als stellvertretendes Mitglied im Hauptausschuss und Finanzausschuss, als Mitglied im Schulausschuss und als Vorsitzende im Sozialausschuss war sie bis 1949 tätig. Später war sie unter anderem stellvertretende Vorsitzende im Fürsorgeausschuss und blieb bis 1952 stellvertretende Vorsitzende des Sozialausschusses. Seit der Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen gehörte Änne Fries dem Landtag an und betonte telefonisch der Neuen Ruhr Zeitung gegenüber, „nachdem [sie] jetzt dem Wohlfahrtsausschuss angehöre, werde [sie] nicht [locker] lassen bis eine größere Zuteilung an all den Dingen erfolgt, die die Bevölkerung so dringend benötigt.“ Sie verstarb am 4. Oktober 1973 in  Mülheim an der Ruhr. 

Unter den fünf Stadtverordneten war auch Anna-Maria Rodenbüsch, die am 24. November 1901 in Mülheim an der Ruhr geboren wurde und mit zehn Geschwistern großgeworden ist. Ihre Ausbildung zur Werksfürsorgerin hat sie an einer Schule in Düsseldorf absolviert und war danach als leitende Werksfürsorgerin bei den Vereinigten Stahlwerken, den Rheinischen Röhrenwerken und Phoenix-Rheinrohr angestellt. Sie war zudem zuständig für das Kinderheim Raphaelhaus und das damalige Jugenderholungsheim für Werksangehörige auf Schloß Landberg. Seit 1918 nahm das Raphaelhaus in Mülheim-Saarn Kinder zur Erholung auf. Bis 1955 wurden 11.550 Kinder in die Obhut der Franziskanerinnen gegeben. Durch die Vermittlung der Werksfürsorge fanden nach dem Zweiten Weltkrieg Witwen und Kinder von Werkszugehörigen dort Erholung und gesundheitliche Versorgung. Ab 1946 war sie Mitglied im Kultur-, Polizei- und Wohnungsausschuss für die CDU. Durch ihre berufliche Tätigkeit verwundert es nicht, dass sie zudem zur stellvertretenden Vorsitzenden in den Sozialausschuss gewählt wurde. Daraufhin war sie von 1949 bis 1952 die Vorsitzende dieses Ausschusses und darüber hinaus war sie innerhalb dieser Zeit wechselnd Vorsitzende des Kultur- und Fürsorgeausschusses. Am 12. November 1958 verstarb sie im Alter von 56 Jahren in Mülheim an der Ruhr. 

Katharina Meyer, am 19. Juli 1889 in Mülheim an der Ruhr geboren, war Hausfrau, mit Friedrich Meyer verheiratet, hatte drei Kinder und wurde ebenfalls 1946 zur Stadtverordneten gewählt. Schon seit 1910 gehörte sie der SPD an und hatte von 1924 bis 1933 das Amt als Stadtverordnete Mülheims inne. Bis zum Ende ihrer Amtszeit war sie Mitglied im Kuratorium des Lyzeums und der Knaben- und Mädchenmittelschule und zudem noch Bezirksvorsteherin der Arbeiterwohlfahrt. Sie wurde aus politischen Gründen von der Gestapo im Mülheimer Polizeigefängnis vom 21. August 1944 bis zum 4. September 1944 inhaftiert, da sie sich von 1933 bis 1945 illegal für die Sozialdemokratische Partei gegen die NSDAP einsetzte. Bei der Kommunalwahl 1946 ließ sie sich erneut zur Wahl der Stadtverordneten aufstellen und hatte bis zu den Neuwahlen 1948 das Amt als Stadtverordnete inne. Noch lange Jahre wirkte sie als Vorsitzende der Arbeiterwohlfahrt in Dümpten. Im Alter von 74 Jahren starb sie und wurde als Ehrenmitglied des Arbeiterwohlfahrt-Kreisausschusses Mülheim (Ruhr) und von einer zahlreich erschienenen Trauergemeinde am 22. Juni 1964 auf dem Dümptener Friedhof verabschiedet. 

Die ersten Frauen im Mülheimer Stadtparlament. Vorderer Tisch (CDU) Anna-Maria Rodenbüsch schaut in die Kamera, hinter ihr am Tisch (SPD) sieht man links Änne Fries und rechts Katharina Meyer. - Stadtarchiv
Abbildung 2: Vorderer Tisch (CDU) Anna-Maria Rodenbüsch schaut in die Kamera, hinter ihr am Tisch (SPD) sieht man links Änne Fries und rechts Katharina Meyer

Die Stadtverordnete Maria Riebartsch wurde am 1. Mai 1889 in Mülheim an der Ruhr geboren; sie war Hausfrau, Witwe von August Riebartsch und Mutter von drei Kindern. 1929 wurde sie zur Stadtverordneten der Zentrumspartei gewählt und war bis 1933 Vorsitzende des Ausschusses für die Garten- und Friedhofsverwaltung und im Kuratorium des Lyzeums. Darüber hinaus gehörte sie dem Kuratorium der Knaben- und Mädchenschule an, war Mitglied im Fürsorgeausschuss und in der Gesundheitskommission. 1946 wurde sie zur Stadtverordneten der CDU gewählt und hatte dieses Amt bis 1948 inne. Am 17. Mai 1967 verstarb Maria Riebartsch in Mülheim an der Ruhr.

Die ersten Frauen im Mülheimer Stadtparlament. Luise Foshagen war eine der ersten Stadtverordneten Mülheims im Jahr 1946. - Stadtarchiv
Abbildung 3: Luise Foshagen

Die verheiratete Kontoristin Luise Foshagen war ebenfalls eine der ersten Stadtverordneten Mülheims 1946. Am 24. Mai 1906 in Stayerlak in Ungarn geboren und in Mülheim aufgewachsen, trat sie schon 1926 in die SPD ein. Zuvor engagierte sie sich in der Arbeiterwohlfahrt, wirkte im Unterbezirksvorstand der SPD mit und war in der deutschen Arbeiterjugend aktiv. Von 1946 bis 1973 war sie eine der ersten weiblichen Stadtverordneten der Stadt Mülheim an der Ruhr, saß im Ausschuss für Gesundheit und Soziales (dort hatte sie 1969 den Vorsitz), war Mitglied im Jugendwohlfahrtsausschuss, Vorsitzende der Arbeitergemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und im Beirat für Obdachlosenfragen. Über 50 Jahre war sie in der SPD tätig und 25  Jahre hat sie sich im Stadtrat für die Belange der Mülheimer eingesetzt. Am 23. Juni 1976 verstarb Luise Foshagen im Alter von 70 Jahren in Mülheim an der Ruhr.  Sie erhielt für ihren Einsatz für Demokratie und kommunale Selbstverwaltung den Ehrenring der Stadt Mülheim an der Ruhr und bekam das Bundesverdienstkreuz verliehen. „Diese bescheidene Frau erreicht mit Herzenswärme und klarem Blick viel für ihre Wähler.“ So hieß es in einem Wahlflyer. 

Die vollbesetzte Aula des Staatlichen Gymnasiums an der Von-Bock-Straße am 13. Oktober 1946 bei der ersten Ratssitzung in Mülheim an der Ruhr. - Stadtarchiv
Abbildung 4: Die vollbesetzte Aula des Staatlichen Gymnasiums an der Von-Bock-Straße am 13. Oktober 1946 bei der ersten Ratssitzung in Mülheim an der Ruhr. Am linken Tisch (SPD) zu sehen von links nach rechts: Änne Fries, Katharina Meyer, Luise Foshagen (verdeckt); am rechten Tisch (CDU) von links nach rechts: Anna-Maria Rodenbüsch (verdeckt) und Maria Riebartsch


Diese Frauen machten den Anfang

Im Januar 2019 wurde zum Anlass „100 Jahre Frauenwahlrecht“ im Stadtarchiv eine Veranstaltung organisiert, die darauf aufmerksam machen sollte, dass Frauen noch nicht lange das Recht haben aktiv Politik mitzugestalten. Und nun, da das Stadtarchiv eine Präsentation zu den ersten Kommunalwahlen nach dem Zweiten Weltkrieg in Mülheim an der Ruhr veröffentlicht hat, wird nochmals deutlich, dass die Frauen zu dieser Zeit den Anfang machten. In einem Zeitungsartikel der Neuen Ruhr Zeitung von 1956 heißt es, dass eine Frau alles werden könne, und dies vor vielen Jahrzenten nicht möglich gewesen wäre. Die Frauen in Mülheim haben 1919 und 1946 einen wesentlichen Beitrag zur Gleichstellung der Frauen geleistet und sich zwischen den weit zahlreicheren Männern für die Belange der Bürger*innen eingesetzt. Darum sollten sie nicht vergessen werden und als Inspiration für politisches Engagement dienen. 

Die ersten Frauen im Mülheimer Stadtparlament. Links am Tisch (CDU) von links nach rechts: Maria Riebartsch (mit Dokumenten in den Händen), Anna-Maria Rodenbüsch (Rücken zu sehen) am Tisch rechts (SPD): Luise Foshagen (mit den Armen auf dem Tisch lehnend). - Stadtarchiv
Abbildung 5: Links am Tisch (CDU) von links nach rechts: Maria Riebartsch (mit Dokumenten in den Händen), Anna-Maria Rodenbüsch (Rücken zu sehen); am Tisch rechts (SPD): Luise Foshagen (mit den Armen auf dem Tisch lehnend)


Quellen: 

  • Bibliografische Sammlungen zu den Stadtverordneten aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr (Archivbestand 1550).
  • Kurt Ortmanns (1996): Ein Neubeginn vor 50 Jahren: Kommunalwahl 1946. Ausstellung des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr (24. Oktober bis 14. November 1996).
  • Mülheimer Zeitzeichen. 21. März 1919: Erste Ratssitzung mit weiblichen Stadtverordneten – Kai Rawe 
  • Neue Ruhr Zeitung vom 12. Oktober 1946.
  • Notz, Gisela (2008): „Her mit dem allgemeinen, gleichen Wahlrecht für Mann und Frau!“. Die internationale sozialistische Frauenbewegung zu Beginn des 20. Jahrhundert und der Kampf um das Frauenwahlrecht.
  • Westdeutsche Allgemeine Zeitung vom 25. Juni 1976. 


                                    Désirée Sophie Baumann
 

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Stand: 08.11.2021

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