Mülheimer Baudenkmäler: Die Stadthalle

Perspektivische Ansicht des Entwurfs der Stadthalle

Mit der Großstadtwerdung Mülheims Anfang des 20. Jahrhunderts kam in der Bürgerschaft der Wunsch auf, einen repräsentativen Veranstaltungsort zu besitzen. Bis dahin fanden Theater- und Konzertaufführung in privaten Sälen wie etwa dem Saalbau Kirchholtes oder dem Zentralhallentheater statt. Ein öffentliches Gebäude gab es für diese Zwecke nicht.

In den Jahren 1908/09 kam es auf eine private Initiative hin zur Gründung einer Bürgerstiftung mit dem Ziel, Geld für den Bau einer Stadthalle zu sammeln. Bald hatte man ein ansehnliches Grundkapital zusammen, das durch Zuwendungen der damals frisch gegründeten Leonhard-Stinnes-Stiftung aufgestockt wurde. Nachdem man sich zunächst nicht auf einen Standort einigen konnte, fiel die Wahl schließlich auf das Broicher Ruhrufer. Direkt neben der neu gebauten Schloßbrücke (1911) erwarb die Stadt Mülheim 1915 den ehemaligen Besitz der Familie Vorster.

Blick auf das noch unbebaute Grundstück am Broicher Ruhrufer (um 1920)Der Erste Weltkrieg sowie die Unruhen der Nachkriegszeit verzögerten die zügige Realisierung des Projekts. Im Juni 1922 wurde schließlich ein Architekten-Wettbewerb ausgeschrieben, in dem drei Preise sowie Projektankäufe im Wert von insgesamt 150.000 Reichsmark ausgelobt wurden. Das von der Stadt Mülheim vorgegebene Raumprogramm beinhaltete "einen Saal mit Galerien für 1.300 bis 1.400 Personen, ein Konzertpodium für mindestens 200 Personen, Umgänge, Erfrischungsräume, Künstlerzimmer, Kleiderablage am Haupteingang, Vereinszimmer, Tageswirtschaft" sowie weitere Räumlichkeiten.

Der Wettbewerb erwies sich als überaus erfolgreich: 161 Entwürfe wurden eingereicht und mussten von der Jury bewertet werden. Der erste Preis ging an das Büro des Stuttgarter Architekten Abel, der zweite Preis an den Architekten Lempp - ebenfalls aus Stuttgart - und der dritte Preis an das Architekturbüro Pfeiffer & Großmann mit Sitz in Karlsruhe und Mülheim an der Ruhr. Für den Wettbewerbsbeitrag des Architekten Emil Fahrenkamp sprach die Jury zudem eine Ankaufempfehlung aus. Den eigentlichen Bauauftrag vergab die Stadt Mülheim letzendlich in ungewöhnlicher Manier: Der Architekt Hans Großmann - durch die Planung des neuen Rathauses kein Unbekannter in Mülheim - wurde als Drittplazierter des Wettbewerbs mit der Aufgabe betraut, die Stadthalle äußerlich zu gestalten, während sein Kollege Emil Fahrenkamp für das Innere zuständig sein sollte.

Die Stadthalle mit Schloßbrücke (Aufnahme um 1930)Nachdem das Bauprojekt durch die französisch-belgische Besetzung des Ruhrgebiets und den damit verbundenen Ruhrkampf 1923 vorübergehend zum Erliegen gekommen war, konnte im Herbst desselben Jahres mit Hilfe von öffentlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen endlich der erste Spatenstich erfolgen. Rund zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten, dann war die neue Stadthalle fertig. Am 5. Januar 1926 wurde sie mit einem feierlichen Festkonzert eingeweiht, nachdem im Dezember 1925 bereits die mit dem Bau beauftragten Arbeiter bei einem Gratiskonzert die Akustik des neuen Saales hatten testen dürfen.

Es folgte eine Epoche der kulturellen Blüte in Mülheim. Von den 1920er Jahren bis Anfang der 40er konnte die Stadthalle in ihren Mauern zahlreiche Berühmheiten aus dem deutschen Konzert- und Theaterleben begrüßen, so etwa die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler oder die Tänzerin Anna Pawlowa. Paul Scheinpflug und seine Duisburger Symphoniker gestalteten 1925/26 die erste Konzertreihe, gefolgt vom Dirigenten Eugen Jochum. Ab der Wintersaison 1926/27 wurde die Stadthalle regelmäßig vom Düsseldorfer Schauspielhaus bespielt, das damals unter Louise Dumont und Gustav Lindemann einen herausragenden Ruf genoss.

Die Verabschiedung von Oberbürgermeister Dr. Paul Lembke in der Stadthalle am 1. September 1928Die dritte Säule im Kulturprogramm der Stadthalle bildete das Vortragswesen. Zwei Vortragsreihen wurden von 1926 an durchgeführt, von denen die eine einen eher wissenschaftlichen Charakter hatte, sich an ein anspruchsvolles und vorgebildetes Publikum wandte und regelmäßig freitags stattfand. Dagegen waren die sogenannten Sonntagsvorträge - meist mit Dia- oder Filmvorführungen verbunden - für Zuhörer aller Bevölkerungsschichten gedacht. Namhafte Wissenschaftler wie Carl Friedrich von Weizsäcker, Werner Heisenberg und Max Planck waren so zu Gast in Mülheim an der Ruhr, ebenso der Tierfilmer Paul Eipper und der Entdeckungsreisende Sven Hedin.

Die beim großen Bombenangriff am 22./23. Juni 1943 zerstörte StadthalleDer Zweite Weltkrieg setzte dem kulturellen Leben in der Stadthalle dann ein Ende. Der große Bombenangriff auf Mülheim in der Nacht vom 22./23. Juni 1943 zerstörte das Gebäude schwer. Übrig blieben lediglich der Ehrenhof samt Gaststätte, die Eingangshalle sowie die Fassaden. Der Veranstaltungsaal jedoch – das Herzstück des Komplexes – wurde zerbombt und brannte vollständig aus.

Der Wiederaufbau nach 1945 ließ auf sich warten, so dass die kulturellen Veranstaltungen zunächst an anderen Orten stattfinden mussten. 1950 stellte die Stadt 475.000 DM für ein neues Dach zur Verfügung, 1952 wurde eine "Stadthallen-Aufbaulotterie" durchgeführt und 1953 beschloss der Rat der Stadt endgültig, die Stadthalle wieder aufzubauen und außerdem um neue, zusätzliche Veranstaltungssäle zu erweitern. Der Hannoveraner Architekt Gerhard Graubner wurde mit der Planung und Bauleitung beauftragt. Am 11. Oktober 1957 war es schließlich soweit: In Anwesenheit des Bundespräsidenten Theodor Heuss wurde die Mülheimer Stadthalle feierlich wiedereröffnet.

Die Stadthalle zur Wiedereröffnung im Jahre 1957Die Mülheimer hatten nun wieder ein kulturelles Zentrum. Ab 1976 wurde die Stadthalle zur Heimat der Mülheimer Theatertage "Stücke", 1981 feierte das frisch gegründete Ensemble des Theaters an der Ruhr dort mit Wedekinds "Lulu" seine Premiere. Nach der Erneuerung der Bestuhlung 1999 erfolgte 2006/07 eine grundlegende Renovierung des Gebäudes, bei der die veraltete Klimatechnik, Beleuchtung und Akustik auf den Stand der Zeit gebracht wurden.

(Bearbeitete u. gekürzte Fassung von "Die Stadthalle" von Melanie Rimpel, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Stadthalle und Innenstadt aus der Vogelperspektive (um 1930) Das Ensemble von Stadthalle, Schloßbrücke und Stadtbad (1932) Blick auf die Stadthalle vom gegenüberliegenden Ruhrufer
Die Ostfassade der Stadthalle mit Grünanlage (um 1930) Die alte Westfassade der Stadthalle, in Hintergrund Baukräne (um 1925) Stadthalle, Treppenaufgang an der Ruhr (1926)
Der große Veranstaltungssaal der Stadthalle vor der Zerstörung im Juni 1943 Die Stadthalle vom gegenüberliegenden Ruhrufer gesehen (um 1930) Ansicht der Stadthalle vom gegenüberliegender Ruhrufer (um 1970)
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Stand: 27.11.2017

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