Mülheimer Baudenkmäler: Die Siedlung Mausegatt / Kreftenscheer

Gesamtansicht der Zechenanlage Wiesche in Heißen (1905)Die rasante Industrialisierung Deutschlands und Europas im 19. Jahrhundert führte zu einem ungeheuren Bedarf an Kohle, die zu diesem Zeitpunkt der Hauptenergieträger war. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts wurden vor allem in den neuen Bergbauzentren nördlich des alten Hellwegs zahlreiche Großzechen gleichsam „auf der grünen Wiese“ errichtet. Die Infrastruktur, die für die Unterbringung und Versorgung der dort beschäftigten Arbeiter benötigt wurde, musste in diesen ehemals ländlich geprägten Gebieten häufig erst noch geschaffen werden. Hier entstanden in der Folgezeit ganze Städte rund um die neuen Industriebetriebe.

Insbesondere die Unternehmer erkannten bald, dass die Bereitstellung von billigen Wohnungen in der Nähe der Arbeitsstätten ein wichtiges Instrument zur Sicherung der Arbeitskräfteversorgung ihrer Betriebe darstellte. So wurden auf Kosten der Unternehmen einzelne Wohnhäuser und später ganze Siedlungen ("Kolonien") errichtet, die an ihre Arbeiter vermietet wurden. Indem die Mietverträge an das Arbeitsverhältnis gekoppelt wurden und somit eine Kündigung zugleich das Mietverhältnis beendete, verstärkten diese Werkssiedlungen die Bindung zwischen Unternehmen und Arbeitern. Für die Unternehmer bedeutete dies zudem, dass die betriebswirtschaftlich unerwünschte Fluktuation von Arbeitskräften abgemildert werden konnte. Zugleich boten niedrige Mieten die Möglichkeit, höhere Lohnforderungen der Arbeiter abzulehnen und damit die Produktionskosten niedrig und die Absatzzahlen hoch zu halten.

Doch auch die Arbeiter profitierten von den Werks- oder Arbeitersiedlungen, die nicht nur wegen der vergleichsweise geringen Mieten durchaus attraktiv waren. Häufig boten sie einen wesentlich höheren Wohnstandard als übliche Mietwohnungen, verfügten sie doch beispielsweise in der Regel über einen eigenen Wasseranschluss. Außerdem lagen die Arbeitersiedlungen meist in der Nähe der Zechen und Betriebe, so dass nach Feierabend nicht noch ein langer Fußmarsch nach Hause zurückgelegt werden musste – dies war angesichts der wenigen und für normale Arbeiter häufig zu teuren Straßenbahnverbindungen ansonsten die Regel. Da außerdem oft noch ein Garten zu den Koloniehäusern gehörte, bot sich hier zusätzlich die Möglichkeit der Selbstversorgung. Ställe und Verschläge für die berühmten „Bergmannskühe“ – wie Ziegen genannt wurden – und die als „Rennpferde des Bergmanns“ bezeichneten Tauben gehörten zur Grundausstattung einer jeden Arbeitersiedlung im Ruhrgebiet.

Anfänge des Siedlungsbaus in Mülheim an der Ruhr

Bergleute und Bewohner der Siedlung Mausegatt vor der Zeche Wiesche (1904)In den so genannten Gründerjahren nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erlebte Mülheim an der Ruhr einen großen wirtschaftlichen Aufschwung und einen daraus resultierenden Anstieg der Bevölkerung. Bedeutende Arbeitgeber in dieser Zeit waren zum Beispiel das 1871 von August Thyssen gegründete Stahl- und Bandwalzwerk in Styrum, der Verschiebebahnhof und die Reichsbahnwerkstätten in Speldorf oder die Friedrich-Wilhelms-Hütte. Während in dieser Zeit nachweislich nur die Rheinische Eisenbahn eine eigene Werkskolonie errichtete und sich andere Arbeitgeber mit dem Ankauf bereits bestehender Häuser zufrieden gaben, wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch von der Firma Thyssen & Co. an der Meißelstraße eine erste eigene Siedlung mit zunächst acht, später weiteren 18 Gebäuden errichtet. Nach dieser ersten Thyssenschen Siedlung folgten in den nächsten Jahren weitere, so dass Thyssen bei der Errichtung von Arbeitersiedlungen in Mülheim immer wieder in Erscheinung trat.

Für die Mülheimer Zechen spielte der Bau von Werkssiedlungen zur Unterbringung der Arbeiter zunächst keine Rolle, da sie bis zum Beginn der 1890er Jahre trotz steigender Belegschaftszahlen auf so genannte Bergmannskötter – Bergleute, die auf kleinen Kotten lebten und im Nebenerwerb Landwirtschaft betrieben – und privat wohnende Bergmänner zurückgreifen konnten. Auch in dieser Hinsicht unterschied sich der Mülheimer Bergbau von den industriellen Großzechen der Emscherzone, die bereits sehr früh und in hohem Maße ihre Belegschaften aus eigens in zum Teil weit entfernten Gebieten angeworbenen Arbeitern rekrutierten. So waren um 1910 in Herne 21,6 % der dort lebenden Arbeiter Polen, während in Mülheim dieser Anteil nur 1,8 % betrug. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderten sich in Mülheim die Wohnungsverhältnisse der Bergleute. Auch hier mussten nun verstärkt Arbeiter von auswärts angeworben werden, so dass 1899 die erste Bergarbeitersiedlung Mülheims gebaut wurde.

Die „Colonie Wiesche“ des Mülheimer Bergwerksvereins

Als im Jahre 1897 Hugo Stinnes, das Bankhaus Hanau und die AG für Montan-Industrie, Berlin, an der August Thyssen bedeutende Anteile hielt, die Kuxe der Zeche Hagenbeck kauften und für den 1. Januar 1898 die Aufnahme der Geschäftstätigkeit des damit gegründeten Mülheimer Bergwerksvereins verkündeten, war dies der Beginn der konzernmäßigen Zusammenfassung der Mülheimer Zechen. Schon im August 1898 genehmigte die Generalversammlung des Bergwerksvereins den Ankauf der Zechen Wiesche, Rosenblumendelle und Humboldt. Zu diesem Zechenbesitz kam einige Jahre später auch noch die Zeche Kronprinz aus dem Besitz der Familie Haniel hinzu.

Postkartenansicht der Kolonie Wiesche (heute bekannt als Mausegatt-Siedlung)Schon im Jahr nach dem Ankauf der Zeche Wiesche machte sich der Bergwerksverein 1899 in der Nähe der Schachtanlage daran, eine Bergarbeitersiedlung zu errichten. Diese damals nach der Zeche benannte „Colonie Wiesche“ ist heute als Siedlung Mausegattstraße ein wichtiges Baudenkmal aus der Zeit des Mülheimer Bergbaus. In einem ersten Bauabschnitt wurden 1899 beiderseits der Feld- und der Parallelstraße, die 1914 in Mausegatt- bzw. Kreftenscheerstraße umbenannt wurden, insgesamt 58 eineinhalbgeschossige Doppelhäuser sowie ein zweigeschossiges Zweifamilienhaus errichtet. In einem zweiten Bauabschnitt folgten 1905 weitere eineinhalbgeschossige Zweifamilienhäuser, sechs davon in der heutigen Mausegatt- und 36 in der heutigen Kreftenscheerstraße.

Eine Baulücke wurde nach dem Ankauf des entsprechenden Grundstücks durch den Bau von weiteren sechs Häusern in der Mausegattstraße im Jahre 1911 geschlossen. Sieht man davon ab, dass nach dem Zweiten Weltkrieg 13 zerstörte Häuser wieder aufgebaut bzw. durch zeittypische Mehrfamilienhäuser ersetzt wurden, erhielt die Siedlung damit bereits vor dem Ersten Weltkrieg ihr typisches Aussehen und ihre endgültige Gestalt.

Die Wohnungen bestanden in der Regel aus einer Wohnküche, einer unterschiedlichen Anzahl an Wohn- bzw. Schlafräumen, Keller, Außentoilette und Schuppen sowie einem Garten, der den Bewohnern die Möglichkeit bot, durch selbst angebautes Gemüse und Kleinviehhaltung ihre Versorgung etwas zu verbessern.

Von der Werkssiedlung zum Baudenkmal

Erbaut auf Kosten des Mülheimer Bergwerksvereins um die Anwerbung auswärtiger Arbeitskräfte zu fördern und die einmal angelernten Arbeiter an „ihre“ Zeche zu binden, blieb die Siedlung auch über das Ende des Bergbaus in Mülheim hinaus eine Arbeitersiedlung. Nachdem die Siedlung nach Stilllegung der Zeche Wiesche 1952 mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, wurden die Häuser im Jahre 1978 den Mietern zum Kauf angeboten. Diese Privatisierung wurde jedoch von vielen Bewohnern mit Protesten und Unmut begleitet, fürchteten sie doch um ihren preiswerten Wohnraum und um die gewachsene Siedlungsstruktur.

Mausegatt Siedlung MausegattstraßeDiese Befürchtungen bewahrheiteten sich – auch als Ergebnis dieses engagierten Protestes – zum Glück nicht, obwohl die Häuser im Laufe der Zeit tatsächlich veräußert wurden. Seitdem erfuhren sie vor allem im Innern zahlreiche Veränderungen und Modernisierungen, um Ansprüchen zeitgemäßen Wohnens zu genügen.

Bereits 1975 wurde der Denkmalwert der Siedlung Mausegattstraße von fachlicher Seite anerkannt. Um Abriss, tiefgreifenden Umbau und Verdrängung der Mieter im Zuge der Privatisierung der Siedlung ab 1978 zu verhindern, wurde in einem langen, mitunter mühsamen Prozess die Siedlung Mausegattstraße im Jahre 1987 unter Denkmalschutz gestellt.


(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Die Siedlung Mausegatt - Kreftenscheer" von Kai Rawe, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Die heutige Mausegattstraße um 1900 mit Häusern der ersten Bauphase ab 1899 Die Kreftenscheerstraße vor dem Ersten Weltkrieg. Besonders die Häuser der zweiten Bauphase (rechts) betonen die Gleichförmigkeit der Bebauung. Die Gartenseite der Kreftenscheerstraße (undatiert, vermutlich vor dem Zweiten Weltkrieg) Die Gartenseite der Kreftenscheerstraße, Ansicht vor dem Ersten Weltkrieg. Jedem Haus war eine Gartenstück zur Selbstversorgung zugeordnet.
Die Verbindung zwischen Mausegatt- und Kreftenscheerstraße, vermutlich vor dem Ersten Weltkrieg (im Hintergrund die Heißener Kirche) Häuser des zweiten Bauabschnitts von 1905 in der Kreftenscheerstraße (Ansicht vor dem Zweiten Weltkrieg) Die Mausegatt-Siedlung nach dem Zweiten Weltkrieg (undatiert, vermutlich 1960er Jahre) Die Mausegattstraße in den 1970er Jahren vor dem Verkauf an private Investoren
Längengrad*
Breitengrad*
ODER Adresse (nur Straße und Hausnummer)
Markertext*

Kontakt


Stand: 04.07.2017

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler auf dieser Internetseite gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Haben Sie ein anderes Anliegen, um das wir uns kümmern sollen, dann wenden Sie sich bitte an die Bürgeragentur.

Ihre Nachricht

 

Teilen | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel