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Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

migration-geschichte.de: Hakan Mengil. Man muss seinen Lebensraum selbst gestalten

Hakan Mengil. Man muss seinen Lebensraum selbst gestalten


Vorweg gleich eine Einladung: Vor 50 Jahren, am 31. Oktober 1961 wurde in Bad Godesberg das Anwerbeabkommen zur Rekrutierung von „Gastarbeitern“ zwischen Deutschland und der Türkei unterzeichnet. Aus diesem Grund wird es am 31.10.2011 eine Feier geben. Mehr darüber unten.


Zurück zu Hakan Mengil: Er ist Deutscher, seit dem Jahr 2000 und ein Kind des Ruhrgebiets. Er denkt deutsch, sagt er, wohnt in Duisburg und ist auch in Mülheim an der Ruhr anzutreffen, denn hier hat er die „Kulturbar SOL“, neben dem Theater an der Ruhr am Raffelberg. 1974 führte ihn sein Weg zu seiner Mutter, die, 1968 schon als „Gastarbeiterin“ angeworben, zuerst als Monteurin in einer Antennenfabrik, später dann – bis zu ihrer Rente – bei der Lufthansa ihr Geld verdiente. Geboren wurde er am 15. Mai 1966 in der Türkei, genauer gesagt bei Istanbul, auf der schönen „Großen Insel“, die Teil der „Prinzeninseln“ ist, bevorzugtes Ausflugsziel der Großstadtbewohner.

Aufgewachsen in Deutschland

„Wir wohnten zuerst für zweieinhalb Jahre in Lünen. Meine Mutter, von meinem Vater getrennt, bekam in der Türkei nur sehr schwer Arbeit, also ging sie nach Deutschland. Dort in Westfalen war ich der einzige Türke unter all den deutschen Kindern, da wächst man dann deutsch auf“, berichtet Hankan. „Bis zu meinem elften Lebensjahr habe ich Fußball gespielt, bei SV Preußen Lünen, mit der 10 auf dem Rücken (AdR: Spielmacher). Geturnt habe ich auch.“ Sport und Bewegung sind wohl die treibenden Kräfte bei Hakan. Später in Duisburg, ab 1978, kam er dann zum Kampfsport und heute ist er Kampfkunstlehrer, er studierte Sport und hat außerdem Übungsscheine für acht verschiedene Sportarten. „Sport war immer der Zugang zu neuen Freunden, zu neuen Erfahrungen und hat mir meinen Platz in der Gesellschaft gezeigt. Und diesen Platz muss man sich erarbeiten. Wichtig ist, dass wir uns bewegen, sowohl körperlich als auch im Kopf. Und das gilt für jedes Alter.“

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Die Kulturbar SOL ist direkt neben dem Theater an der Ruhr

Bewegen und gestalten

Hakan weiter: „Man muss seinen Lebensraum selbst gestalten. Und das geht am besten, wenn man mit den Leuten zusammen ist, mit ihnen was macht, mit ihnen spricht. Kommunikation ist wichtig, das ist Teil des kulturellen Lebens. Unser Lebensraum ist heute ganz bunt, von ganz vielen unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt. Also braucht man das Mittel der Verständigung. Hier im Ruhrgebiet ist das ja schon seit langem so, angefangen bei den Polen, die zur Industrialisierung im 19. Jahrhundert kamen. Daraus hat sich hier eine ganz vielfältige, dynamische Gesellschaft gebildet“, so Hakan, „das ist gut so.“

Parallelgesellschaften

Über seine türkischen Landsleute hier in Deutschland sagt Hakan, „es ist oft wie ein Klischeebild, das sie auch leben. Zeichen sind zum Beispiel postmoderne Religiosität, auch das Kopftuch, die Kleidung. Und das Bild der Türken hier ist natürlich auch ganz unterschiedlich, geprägt durch die Herkunft in der Türkei. Ein Mensch aus Anatolien lebt zwangsläufig auch hier anderes, als einer von der europäischen Seite der Türkei. Man baut an seinem eigenen kleinen Mikrokosmos. Deshalb gibt auch es so viele unterschiedliche Moscheen hier. Das führt zu Parallelgesellschaften. Das sind auch Parallelgesellschaften im Kopf. Das hat mit der Gestaltung der Gesellschaft hier nichts zu tun.“ Er fügt hinzu, „da gibt es dann Identitätskrisen und Verlustängste, man tut sich schwer in der deutschen Gesellschaft, man hat Schwierigkeiten mit der Verständigung, mit der Sprache. Türkisch wird dann zum Zufluchtsort. Auch Menschen mit türkischem Kulturhintergrund im meinem Alter tun sich oft schwer. Wir sollten den Europäischen Gedanken mehr pflegen, die religiösen und kulturellen Stärken einbringen, ohne sich abzukapseln.“

Der eigene Kommunikationsraum, die Kneipe

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Hakan Mengil

Seit seinem 18. Lebensjahr hat Hakan in Jugend- und Kulturzentren gearbeitet. 1998 machte er sich dann selbstständig, mit einer eigenen Kneipe in Duisburg-Neudorf. Dort, im „Ostende“, an der Oststraße, betreibt er einen bunten Laden zusammen mit der Mutter, mit Tante, Onkel und Schwager. Da gibt es Musik und Theater, Lesungen und regelmäßig am Dienstag das „Pub-Quizz“ – und jede Menge Kommunikation. Gäste sind die Leute aus der Nachbarschaft, Studenten und Kinogänger. Weil das „Ostende“ aber mitten im Wohngebiet liegt, ist das mit der Live-Musik dort nicht so einfach. Der Weg zum Raffelberg war daher ein logischer. Bekannte aus dem Raffelbergviertel, die Gäste bei ihm in Duisburg sind, haben Hakan auf das Lokal im alten Raffelberger Solbad aufmerksam gemacht. Dort geht das mit der Live-Musik und das wurde dann auch umgesetzt. Da machen schon mal die Schauspieler aus dem Theater an der Ruhr von nebenan Muisk, der West-Östliche Divan wird ausgebreitet, Okzident trifft Orient, die türkische Jazzszene findet sich ein, Grenzüberschreitungen werden geprobt, kulturelle Vielfalt hat Einzug gehalten. Den Jazz gibt es in der „Kulturbar SOL“ immer am ersten Montag im Monat. Da kommen dann auch die Leute aus dem „Ostende“ nach Mülheim, 15 Minuten mit dem Fahrrad.

Einladung: Den frühen türkischen Arbeitsmigranten ein Denkmal setzen

Wie ganz oben schon angekündigt: Am Montag, 31. Oktober 2011 soll es im „SOL“ ein Fest geben, anlässlich des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zur Rekrutierung von „Gastarbeitern“ zwischen Deutschland und der Türkei. „Wir stehen doch mit beiden Beinen auf der Geschichte dieser Menschen“, so Hakan. „Mit diesem Tag hat sich für den einen oder andern sein Schicksal grundsätzlich geändert. Die Lebenslinien von ganzen Familien wurden komplett auf den Kopf gestellt.“ Der VHS-Arbeitskreis Migration & Geschichte macht gerne mit, gemeinsam wollen wir ein Programm auf die Beine stellen, das allen Spaß macht.

Also, schon einmal vormerken: Großes Fest, 31. Oktober 2011 – am Abend – in der „Kulturbar SOL“, Akazienallee 61, 45478 Mülheim an der Ruhr, Telefon 02 08 - 88 23 22 60 neben dem Theater an der Ruhr. Weitere Informationen und das ganze Programm später hier im Internet.

Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im Juni 2011
Portraits: Klaus Wichmann
Foto Theater an der Ruhr: Ruesterstaude, Wikipedia


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Ausflugsziel für gestresste Menschen aus Istanbul

Die „Große Insel“ im Marmarameer

Hier wurde Hakan Mengil geboren: Büyükada (wörtlich übersetzt „Große Insel“), ist eine Insel im Marmarameer vor Istanbul (Türkei), die größte der Prinzeninseln. Die Insel ist ein Erholungsort für viele Menschen aus Istanbul, trotz der Nähe zu der Millionenstadt ist diese Insel sehr ruhig. Private Autos und Taxis sind auf der Insel verboten, man bewegt sich mit Pferdekutschen oder Fahrrädern fort; am „Pass“ zwischen den beiden Hügeln können Reitesel gemietet werden. Auf Büyükada verbrachten der osmanische Politiker Mehmed Memduh ab 1908 und der sowjetische Politiker Leo Trotzki ab 1929 jeweils einige Jahre ihres Exils. Sie gehört zu der Inselgruppe der Adalar (wörtlich übersetzt „Inseln“), die auf Deutsch „Prinzeninseln“ genannt werden. Am höchsten Punkt der Insel (203 Meter ü. NN, ca. 1,5 km westlich vom „Pass“) befindet sich die sehenswerte alte griechisch-orthodoxe Klosterkirche St. Georg. (Quelle: Wikpedia)

(Quelle Foto: Büyükada, Starliner, Wikipedia)

Lesen Sie auch den Beitrag über Piero Gradino, der vor vielen Jahren an der Stelle, an der heute das „SOL“ ist, das Lokal Mamma Rosa hatte: „Deserteur wird Gastronom: Italienische Lebensfreude am Raffelberg“


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 11.06.2012

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