Jugend nach dem Zweiten Weltkrieg 1946 in Mülheim an der Ruhr

Nach dem Zweiten Weltkrieg litten die Kinder und Jugendlichen oft in besonders hohem Maß. Viele hatten mindestens einen Elternteil verloren, einige waren nach der Heimkehr aus der Kinderlandverschickung immer noch auf der Suche nach Angehörigen, und die schlechte Wohn-, Heiz- und Nahrungsversorgung machte sich durch Krankheit und Untergewicht bemerkbar. „Die jüngsten von ihnen sind Kriegskinder und nächtliche Alarme und Bunkerbesuche gehörten ebenso zu ihren ersten Jahren wie die spärliche Sonne, die an manchen Tagen über der Stadt liegt.“ (NRZ 1946)


Gesundheitliche Versorgung 
Infektionen mit Krätze, Tuberkulose, Furunkulose und Kopfläuse traten häufiger auf und das Nerven- und Gefäßsystem vieler Kinder und Jugendlicher war labil. Ein besonders ungünstiger Faktor war die Vernachlässigung der Sauberkeit, da es keine Seife und oft auch keine Wechselkleidung gab. Da die Fälle von Tuberkulose stetig stiegen und die heutigen Medikamente damals noch nicht entdeckt waren, richtete das Rote Kreuz 1947 ein Hilfskrankenhaus in der Villa Lönsweg 69 ein, welches von den Mülheimern liebevoll das „Nest im Walde“ genannt wurde.

Um die Ernährung der Kinder zu verbessern wurden Schulspeisungen organisiert, bei denen man Magermilch, Brei und Suppe in beheizten Schulräumen ausgab. Bei diesen Speisungen wurden Vorschulkinder und Lehrer mit einbezogen. Da die Nahrungsversorgung in Mülheim auch bei den Eltern sehr schlecht war, nahmen die Schüler die Reste in ihren Kännchen mit nach Hause. Wie die Zeitungen von 1946 berichteten, blieb allerdings meist nichts mehr vom Essen übrig. 22.000 Teilnehmer*innen wurden bei den Speisungen in Mülheim gezählt. 

Das Schwedische Rote Kreuz engagierte sich unter dem Motto „Rettet die Kinder“ besonders für die Kinder in Mülheim und gab mehrmals Suppe aus. Insgesamt wurden 120.000 Kinder in Deutschland mit den schwedischen Suppen täglich versorgt. 


Erholungsurlaub für Kinder und Jugendliche
Dank einer Aktion der Schweizer Kinderhilfe konnten 80 junge Mülheimer*innen, von denen fast die Hälfte an Untergewicht und Tuberkulose litten, für einen dreimonatigen Ferienaufenthalt in die Schweiz geschickt werden.

Ein Kind wird für den Ferienaufenthalt ärztlich untersucht. - Krapp, Franz Rolf (1983): Vom Wiederaufbau und Wachstum einer Stadt. Mülheim an der Ruhr nach 1945
Abbildung 1: Ein Kind wird für den Ferienaufenthalt ärztlich untersucht.

Heimkehrende Kinder am Bahnhof werden vom Oberstadtdirektor Witthaus (links) und von der Stadtverordneten Luise Voshagen (rechts am Bildrand) begrüßt. - Krapp, Franz Rolf (1983): Vom Wiederaufbau und Wachstum einer Stadt. Mülheim an der Ruhr nach 1945
Abbildung 2: Heimkehrende Kinder am Bahnhof werden vom Oberstadtdirektor Witthaus (links) und von der Stadtverordneten Luise Voshagen (rechts am Bildrand) begrüßt.

Auch das Schwedische, Englische und Irische Rote Kreuz sorgten sich um die Kinder und Jugendlichen aus dem Ruhrgebiet. Erholungsurlaube sollten dazu dienen, dass Kinder für Monate oder Jahre nach Irland, England oder in die Schweiz geschickt wurden, damit sie dort eine stabile Versorgung mit Nahrung, Bildung und Medizin genießen konnten.

Aber auch kommunal bemühte man sich um die Erholung der Kinder. Im Solbad Raffelberg konnten die „kleinen Kurgäste“ für ein paar Wochen warme Bäder und saubere Schlafräume zur Erholung nutzen, wenn sie vom Jugendamt angemeldet wurden. Insbesondere die Waisenkinder lagen den Betreuer*innen am Herzen. 


Jugend in Baracken, Obdachlosen-Asylen und Behelfsheimen 

Jugendliche im Obdachlosen-Asyl an der Alexanderstraße (ohne Datumsangabe). - Krapp, Franz Rolf (1983): Vom Wiederaufbau und Wachstum einer Stadt. Mülheim an der Ruhr nach 1945
Abbildung 3: Jugendliche im Obdachlosen-Asyl an der Alexanderstraße (ohne Datumsangabe).

Kinder im Barackenlager in der Weseler Straße in Broich (ohne Datumsangabe). - Krapp, Franz Rolf (1983): Vom Wiederaufbau und Wachstum einer Stadt. Mülheim an der Ruhr nach 1945
Abbildung 4: Kinder im Barackenlager in der Weseler Straße in Broich (ohne Datumsangabe).

Viele Kinder und Jugendliche mussten durch den Verlust von Eltern und Wohnung in Obdachlosen-Asylen untergebracht werden. Von 1948 bis 1953 wurden rund 4.500 Wohnungen neu gebaut oder von gemeinnützigen Wohnungsgesellschaften gestellt. In Barackenlagern kamen viele Bürger*innen, sowie Jugendliche Mülheims unter. 


Der Mülheimer Jugendring
Wie das Jahr 1946 zur Neuordnung der kommunalen Struktur Mülheims diente, so wurde auch die vom Krieg traumatisierte und vom Nationalsozialismus geprägte Jugend in die politische Neuordnung eingebunden. Schon 1945 richtete man besondere Aufmerksamkeit auf die Jugend, da diese während des NS-Regimes von 1933 bis 1945 ausschließlich durch die Hitlerjugend beeinflusst wurde. Die wichtige Bedeutung demokratischer Werte und die Entfernung von dem ideologischen Gedankengut der Nationalsozialisten wurden in den Fokus der Jugenderziehung gerückt. Die Gründung des „Mülheimer Jugendclubs“ wurde von der britischen Militärregierung, insbesondere von Major Reynolds, sowie vom Jugendamt gefördert. In diesem Club wurden Spiele, Sport und Bücher angeboten, aber auch Aussprachen und Vorträge für die jungen Menschen in der Jugendherberge am Kahlenberg organisiert. Bis 1947 wurden rund 98 Jugendverbände mit insgesamt 17.891 Mitgliedern gebildet, die konfessionell, sportlich oder auch frei ausgerichtet waren. Der Zusammenschluss der vielen Vereine nannte sich Jugendring. Das Jugendamt lud Kinder und Jugendliche in zahlreiche Jugenderholungslager ein, damit sie Freundschaften schließen, den leidvollen Bedingungen in der Heimatstadt entfliehen und für ein paar Wochen eine regelmäßige Mahlzeit und gute gesundheitliche Versorgung genießen konnten.


Die Kirmes in Mülheim
Ein Zeichen des Wiederaufbaus waren die Saarner und die Speldorfer Kirmes. Am 7. und 8. Juni 1946 besuchten die Bürger*innen Mülheims die Kirmes auf der Lehnerstraße und am 1. und 2. September 1946 die Kirmes auf der Lindenstraße, um den Alltag und die Sorgen zu vergessen. 

Die Kirmes zu Pfingsten 1950 zwischen den Trümmerhäusern der Altstadt. Auf ihr wurden Spenden für den Wiederaufbau der Petrikirche gesammelt. - Krapp, Franz Rolf (1983): Vom Wiederaufbau und Wachstum einer Stadt. Mülheim an der Ruhr nach 1945
Abbildung 5: Die Kirmes zu Pfingsten 1950 zwischen den Trümmerhäusern der Altstadt. Auf ihr wurden Spenden für den Wiederaufbau der Petrikirche gesammelt.


Quellen:

  • Krapp, Franz Rolf (1983): Vom Wiederaufbau und Wachstum einer Stadt. Mülheim an der Ruhr nach 1945.
  • Kurt Ortmanns (1996): Ein Neubeginn vor 50 Jahren. Kommunalwahl 1946. Ausstellung des Stadtarchivs Mülheim an der Ruhr (24. Oktober bis 14. November 1996).
  • Neue Ruhr Zeitung vom 20. Juli, 24. und 31. August, 31. Oktober und 2. November 1946. 
  • Rawe, Kai (2008): Demokratie im Aufbruch – Wahlen in Mülheim 1946, in: Mülheimer Jahrbuch 2008, (Hrsg.): Verkehrsverein Mülheim an der Ruhr e.V. in Verbindung mit der Stadt Mülheim an der Ruhr, S. 128-135.


Désirée Sophie Baumann

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Stand: 09.11.2021

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