Kam Heidis Vater aus Mülheim?

Um 1830 erschien von Kamps Werk -Natur und Menschenleben- mit drei Erzählungen für Kinder bei Baedeker in EssenDas Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr besitzt Schätze, die auch über die Grenzen unserer Stadt hinweg Interesse wecken können. Auch wenn mir und meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern dies durchaus bewusst ist, so staunten wir doch, als uns im März 2010 ein Kamerateam des Schweizer Fernsehens besuchte, um hier eine wirklich bemerkenswerte Entdeckung ans Licht der Öffentlichkeit zu holen. Es ging dabei um nicht weniger, als um einen zentralen Mythos der Schweiz: Heidi!

Heidi? Was hat denn Heidi mit Mülheim zu tun? Vor einiger Zeit hatte Peter Büttner, ein Doktorand der Literaturwissenschaft der Universität Zürich, einen bemerkenswerten Zufallsfund gemacht. Bei Recherchen zu biedermeierlichen Kinderbuchillustrationen war Büttner zufällig auf das kleine Bändchen "Natur und Menschenleben" mit drei Erzählungen des Mülheimer Heimatforschers und –dichters Hermann Adam von Kamp aus der Zeit um 1830 gestoßen. Eine der abgedruckten Erzählungen mit dem schönen Titel "Adelaide, das Mädchen vom Alpengebirge" erinnerte Büttner sofort schon wegen des Namens und des Verweises auf die Alpen an die weltberühmte Heidi. Immerhin ist es von Adelaide über Adelheid – dem Taufnahmen der Kinderbuchheldin – zu Heidi nur ein kurzer Weg. Die Lektüre zeigte schnell weitere Parallelen auf: Adelaide lebt – wie Heidi – auf einer Alm bei ihrem Großvater, sie muss – wie Heidi – die Alm jedoch verlassen und leidet – ebenfalls wie Heidi – in der Fremde schlimmes Heimweh. Diese groben inhaltlichen Parallelen finden auch in Wortwahl und Satzstruktur sowie in entscheidenden Schlüsselszenen weitere Entsprechungen. Bemerkenswert ist dieser Befund vor allem deshalb, weil die literaturwissenschaftliche Forschung bislang davon ausging, dass Johanna Spyri ihren Roman "Heidis Lehr- und Wanderjahre" 1879 gleichsam wie im Rausch innerhalb weniger Wochen niedergeschrieben habe. Eine literarische Vorlage wurde zwar vereinzelt angenommen, konnte bislang aber nicht identifiziert werden. Nun scheinen die Dinge anders zu liegen. Peter Büttner vertritt nach Analyse beider Texte die These, Johanna Spyri habe den rund 50 Jahre älteren Text von Kamps gekannt und sich explizit aus dieser Vorlage bedient.

Adam von Kamps -Adelaide, das Mädchen aus dem Alpengebirge- könnte die literarische Vorlage für Johanna Spyris -Heidi- seinErschlossen und verzeichnet aber dennoch von der Fachwelt bislang völlig unbeachtet "schlummerte" Adelaide zusammen mit anderen historischen Dokumenten aus dem Nachlass Hermann Adam von Kamps bis zu diesem Drehtag in den Magazinen unseres Stadtarchivs. Nachdem jedoch das Schweizer Fernsehen in seiner Sendung "Kulturplatz" am 7. April 2010 den Bericht aus dem Mülheimer Stadtarchiv gesendet hatte, war es mit dem Schlummer vorbei. "Auch das noch: Unser Heidi hat einen deutschen Vater" (Blick am Abend) titelte schon am selben Tag die Boulevardpresse in der Schweiz. In den folgenden Tagen regte sich vor allem in den Schweizer Medien ein z.T. heftiger Widerstand gegen "die Mär vom Ur-Heidi" (Neue Zürcher Zeitung). In den nächsten Wochen fand sich die Nachricht von Heidis vermeintlichem Mülheimer "Vater", Hermann Adam von Kamp, tatsächlich in zahllosen Medienberichten wieder. Radiostationen, Fernsehsender und Internetblogs, aber auch Zeitungen von der Times bis zum Buxtehuder Tageblatt berichteten von dieser Entdeckung. Es sollen sogar japanische TV-Journalisten die Geschichte aufgegriffen haben...

Unumstritten ist Büttners These, nach der Johanna Spyri zwar nicht von von Kamp abgeschrieben, sich aber von seiner "Adelaide" hat inspirieren lassen, nicht. Ob sie zukünftig Anlass zu einer echten literaturwissenschaftlichen Debatte jenseits des Feuilletons geben wird, bleibt im Moment abzuwarten. Das Stadtarchiv steht in jedem Fall Verfechtern wie Kritikern gleichermaßen zur Verfügung. Und eines ist sicher: auch wenn es nicht jeder Schatz unseres Stadtarchivs auf die internationalen Titelseiten schafft: wir haben noch eine Menge spannender, faszinierender und einzigartiger Geschichten zu erzählen.

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Stand: 15.02.2016

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