Kranzniederlegung zum 9. November (2018)

Rede von Oberbürgermeister Ulrich Scholten

zur Kranzniederlegung „80 Jahre Reichspogromnacht“

am Freitag, 9. November 2018, 11.00 Uhr,

vor dem MedienHaus, Synagogenplatz

***

Sehr geehrte VertreterInnen der Jüdischen Gemeinde,

sehr geehrte VertreterInnen aus Politik und Bürgerschaft,

liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Lehrkräfte,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

im vergangenen Dezember mussten wir in Mülheim aufgrund einer unklaren Sicherheitslage die öffentliche Feier des jüdischen Lichterfestes Chanukka absagen.

Im April dieses Jahres attackierten und beschimpften arabisch sprechende Männer im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg zwei Kippa tragende Männer, schlugen einen von ihnen mit einem Gürtel. Die Bilder gingen um die Welt.

Im selben Monat sorgte die Verleihung des Echo-Musikpreises an die Rapper Kollegah und Fahrid Bang, bekannt für ihre antisemitischen Texte, für Kritik. Der Preis wurde nach großen Protesten abgeschafft.

In Bonn wurde im Sommer ein US-amerikanischer Professor jüdischen Glaubens von Polizisten geschlagen.

In Berlin wird der Besitzer eines jüdischen Restaurants seit Monaten Opfer von Beleidigungen, Holocaustleugnungen und Drohungen. 60 Seiten Hassmails hat Yorai Feinberg bislang gesammelt. Aus einer Quelle alleine…

Das sind, meine sehr geehrten Damen und Herren, keine Einzelschicksale. Leider.

Aktuell nimmt die Zahl judenfeindlicher Taten in Deutschland laut Bundesinnenministerium zu.

1.453 gegen Juden gerichtete Straftaten wurden 2017 in unserem Land registriert. Davon 32 Gewalttaten, 160 Sachbeschädigungen und 898 Volksverhetzungen.

Es steigt jedoch nicht nur die Anzahl der Straftaten, auch die Hass-Kommentare im Internet werden immer radikaler.

Im Innenministerium wurde aufgrund der Gesamtlage nun die Stelle eines Antisemitismusbeauftragten geschaffen.

Das, meine sehr geehrten Damen und Herren, geschieht alles 80 Jahre nach der sogenannten Reichspogromnacht, deren Opfer wir heute hier gedenken und deren Schicksale uns auch heute noch sprachlos machen - und zutiefst beschämen.

Damals, vor 80 Jahren, kamen die Gewalt und der Terror auch aus der Mitte der Gesellschaft. Zumindest haben viele Bürgerinnen und Bürger stillgehalten und zugesehen, die Täter angefeuert oder gar für ihre menschenverachtenden Taten gelobt…

Ich möchte mir nicht eingestehen müssen, dass wir aus unserer Geschichte nichts gelernt haben. Und doch kommen mir Zweifel, die mich zutiefst beunruhigen.

Zum 80. Mal jährt sich also die Nacht, in der in ganz Deutschland Synagogen brannten... In der Schaufenster jüdischer Geschäfte von Angehörigen der SA und SS zertrümmert wurden... In der Wohnungen jüdischer BürgerInnen zerstört und die BewohnerInnen misshandelt wurden.

Hunderte Menschen wurden ermordet oder in den Tod getrieben. Zehntausende in den folgenden Tagen in Konzentrationslagern inhaftiert, wo nochmals Hunderte ermordet wurden oder an den Haftfolgen starben.

Fast alle Synagogen und viele jüdische Friedhöfe in Deutschland und Österreich wurden zerstört. Und diese vom nationalsozialistischen Regime organisierte und gelenkte Zerstörung von Leben, Eigentum und Einrichtungen der jüdischen Bevölkerung machte auch vor Mülheim an der Ruhr nicht Halt.

80 Jahre nach dem 9. November 1938 stehen wir deshalb hier auf dem Synagogenplatz und gedenken der von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 ermordeten sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens.

Uns ist dabei bewusst, dass auch unsere Stadt Ort der Ausgrenzung, Demütigung, Misshandlung, Verfolgung und Ermordung jüdischer BürgerInnen war. Und wir müssen bekennen, dass Demokratie, Zivilcourage, Humanität und Mitmenschlichkeit in unserer Stadt nicht stark genug waren, um das zu verhindern.

Das darf uns nie wieder passieren! Deshalb ist die Erinnerung an die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die im Namen des deutschen Volkes unter der nationalsozialistischen Herrschaft verübt wurden, eine zentrale Aufgabe, die uns unsere Geschichte auferlegt hat…

Ich danke deshalb schon jetzt den Schülerinnen und Schülern der Realschulen Broich und Mellinghofer Straße, der Gymnasien Broich und Heißen sowie der Otto-Pankok-Schule sowie den beteiligten Lehrkräften und auch den Kolleginnen und Kollegen vom Stadtarchiv und dem MedienHaus, die für heute Abend zur Veranstaltung „Gedanken zum Gedenken: 9. November 1938 – 9. November 2018“ einladen.

Um 19.30 Uhr werden sie im MedienHaus mit ihren Arbeiten und ihrem Engagement gegen das Vergessen antreten…

Wir verneigen uns nun vor den Toten und gedenken der jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die durch das Terrorregime der Nazis ermordet wurden.

Kontakt


Stand: 09.11.2018

[schließen]

Fehler melden

Sie haben einen Fehler auf dieser Internetseite gefunden? Bitte teilen Sie ihn uns mit. Ein Redakteur wird sich umgehend darum kümmern.

Haben Sie ein anderes Anliegen, um das wir uns kümmern sollen, dann wenden Sie sich bitte an die Bürgeragentur.

Ihre Nachricht

 

Teilen | Drucken | PDF-Version | RSS-Feed | Fehler melden

Transparenter Pixel