Kranzniederlegung zum 9. November (2019)

Rede von Oberbürgermeister Ulrich Scholten

zur Kranzniederlegung Pogromnacht

am Sonntag, 10. November 2019, 11.00 Uhr,

Synagogenplatz

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Meine sehr geehrte Damen und Herren,

es ist ein festes Datum in unserem Jahreskalender: Wenn sich der Tag der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 jährt, stehen wir hier - Seite an Seite mit unseren jüdischen Freudinnen und Freunden. Wir gedenken betroffen und immer wieder zutiefst erschüttert der unfassbaren und unmenschlichen Verbrechen gegen Menschen jüdischen Glaubens, die damals leider auch in unserer Stadt viele Mitmacher, Unterstützer und Sympathisanten fanden: Synagogen brannten, auch in Mülheim.

Innerhalb weniger Stunden wurden 1400 jüdische Gotteshäuser angezündet und zerstört.

Auch die Synagoge  in Mülheim an der Ruhr. Und das, obwohl diese bereits am 5. Oktober 1938 aufgrund des großen politischen Drucks auf die jüdische Gemeinde für einen lächerlich geringen Kaufpreis an die Sparkasse verkauft worden war...

Gegen 3 Uhr morgens wurde unter Aufsicht des Feuerwehrmajors und SS-Sturmbannführers Alfred Freter die Synagoge angezündet. Die Feuerwehr achtete darauf, dass die angrenzenden „arischen“ Gebäude nicht beschädigt wurden. Von dem großen jüdischen Gotteshaus blieben nur die Umfassungsmauern stehen...

Menschen jüdischen Glaubens wurden in diesen Tagen von Angehörigen der SA und SS in aller Öffentlichkeit gedemütigt, verprügelt, ihre Wohnungen und Geschäfte verwüstet und ausgeraubt. Und die Bürgerschaft sah zu.

Diese vom nationalsozialistischen Regime organisierten und gelenkten Gewaltmaßnahmen gegen Juden in Deutschland und Österreich waren der Auftakt für die dann beispiellose, brutale und gnadenlose Vernichtung jüdischen Lebens unter den Nationalsozialisten. Eine immerwährende Schande für Deutschland und alle, die sich daran beteiligt haben!

In jedem Jahr beschwören wir, dass Judenhass und Rassismus keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. „Nicht im Denken, nicht im Reden, nicht im Handeln“, wie unser Ministerpräsident unlängst sagte.

Wir beschwören, dass Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland nie wieder um ihre Gesundheit und ihr Leben fürchten müssen. Dass sie sich willkommen fühlen und gerne hier unter uns und mit uns leben, ihren Glauben ausleben dürfen. Wir hoffen, aus dem schwärzesten Kapitel der deutschen Geschichte gelernt zu haben.

Und dann Halle!

Ein 27-jähriger Rechtsterrorist will am Tag des Jom Kippur-Festes, des jüdischen Versöhnungsfestes, ein Blutbad in der Synagoge in Halle anrichten – und scheitert nur an einer stabilen Holztür... Frustriert dreht er ab und erschießt zwei Unbeteiligte, verletzt viele. Dieses brutale Verbrechen ist eine Schande für unser Land. 

Wahrscheinlich ist, dass der Mann ein Einzeltäter war. Aber er hat viele Sympathisanten. Im Netz, an den Stammtischen, in der Nachbarschaft, auf dem Sportplatz. Juden in Deutschland müssen offensichtlich wieder um ihr Leben fürchten. Das ist die schreckliche und verstörende Nachricht.

Deshalb sind wir hier. Wir brauchen den Aufstand der Zivilgesellschaft. Ausgrenzung, Verletzung der Menschenwürde und politische Radikalität dürfen bei uns keinen weiteren Nährboden finden. Wir müssen der Verrohung des politischen Diskurses entgegentreten. Denn wer Verständnis zeigt für Rechtsextremismus und Rassenhass, wer Gewalt gegen Andersdenkende, Andersgläubige und immer häufiger auch gegen Repräsentanten demokratischer Institutionen rechtfertigt, der macht sich mitschuldig!

Nach den schlechten Gedanken kommen die schlechten Worte, und denen folgen dann die schlechten Taten, so heißt es im Talmud.

Und ja: Antisemitismus und Rechtsradikalismus beginnen nicht mit dem Töten Andersdenkender. Sie kommen nicht aus dem Nichts. Sie brauchen ein Klima, auf dem diese Menschenfeindlichkeit gedeiht. Sie beginnen beim menschenverachtenden Denken und einer verhetzenden Sprache im Netz, auf der Straße - und leider auch in unseren Parlamenten.

Die jüdische Bevölkerung in unserer Stadt hat eine wechselvolle Geschichte erlebt. Nazi-Zeit und Holocaust löschten das jüdische Leben in unserer Stadt nahezu aus. Heute hat die jüdische Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen rund 2450 Mitglieder. Sie ist fester Bestandteil unseres gesellschaftlichen Lebens. Und wir freuen uns darüber!

Und so kommen wir heute auch nicht einem Ritual folgend zusammen, sondern mit dem Bewusstsein, dass wir zu unserer geschichtlichen Verantwortung stehen. Deshalb treffen wir uns auf dem Platz, auf dem einst unsere Synagoge stand. Wir tun dies zur Mahnung, aus Verpflichtung gegenüber den Toten und den Lebenden und zum Gedenken an die Opfer.

Uns ist bewusst, dass auch unsere Stadt Ort der Ausgrenzung, Demütigung, Misshandlung, Verfolgung und Ermordung jüdischer Bürgerinnen und Bürger war. Und wir müssen bekennen, dass Demokratie, Zivilcourage, Humanität und Mitmenschlichkeit in unserer Stadt nicht stark genug waren, um das zu verhindern.

Es ist auch an uns, dass jede und jeder hier in Mülheim an der Ruhr ein Leben frei von Angst und in einem Klima des gegenseitigen Respekts führen kann. Dafür treten wir ein!

Wir verneigen uns nun mit großem Respekt, in tiefer Trauer und wissend um unsere Verantwortung für die Zukunft vor den Opfern der Nazi-Terror-Herrschaft und des Holocausts.

Kontakt


Stand: 19.11.2019

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