Mülheimer Baudenkmäler: Villen der Kaiserzeit

Historische Postkartenansicht der Friedrichstraße

Das Wohnen in einer Villa war für das gehobene Bürgertum im deutschen Kaiserreich ein Statussymbol. Gefördert durch die Gründerzeit nach  Entstehung des Deutschen Reiches (1871) und eine gute Konjunktur seit den 1860er Jahren, entwickelte sich bis etwa 1873 eine rege Bautätigkeit, die dann allerdings durch den sogenannten Gründerkrach und  einen wirtschaftlichen Abschwung abrupt beendet wurde. Die gute Konjunktur seit Mitte der 1880er Jahre führte dann erneut zur Expansion des Villenbaus. Immer öfter wurden auch städtische Randlagen wegen ihrer günstigeren Bodenpreise erschlossen. Es entstanden Villenviertel und Villenkolonien. Dort konnten sich jetzt auch weitere Kreise des Bürgertums - wie etwa höhere Beamte - den Traum von einer Villa erfüllen und sich gleichzeitig von der Arbeiterschaft der wachsenden Städte räumlich absetzen. Die verbesserte Infrastruktur in Form von Vorortzügen und Stadtbahnen ermöglichte das tägliche Pendeln zum Arbeitsplatz über größere Distanzen, eine Grundbedingung für den Villenbau an den Stadträndern.

Der Erste Weltkrieg beendet das große Zeitalter des Villenbaus in Deutschland. Der Krieg und seine Folgen nahmen Teilen der Trägerschicht ihr Vermögen und Einkommen, zahlreiche Villen wurden in Etagenwohnungen aufgeteilt. Im Inneren verändert blieben sie jedoch nach außen Monumente einer vergangenen Zeit, in denen sich der wirtschaftliche Erfolg eines Teils der Bevölkerung im Kaiserreich ausdrückte. Ein Erfolg, der auch in Mülheims Stadtbild sichtbar war und es in Teilen bis heute ist.

Dichtere Ansammlungen von Villen fanden sich vor allem am Froschenteich, der heutigen Friedrich-Ebert-Straße, die allerdings in den 1950er Jahren der Verbreiterung der Ruhrstraße weichen mussten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dann verstärkt zum Jahrhundertende gab es größere Konzentrationen durch die Zunahme der Gesamtzahl der Villen. Neben dem Froschenteich gehörten hierzu im Innenstadtbereich besonders die Delle, die Luisenstraße (heute: Auf dem Dudel) und die Eppinghofer Straße. Jedoch sind auch hier die Villen weitgehend zerstört oder abgerissen worden. Einzig die Friedrichstraße - im Volksmund auch „Straße der Millionäre“ genannt - ist in ihrem oberen Teil fast vollständig erhalten. Zu weiteren Villenkonzentrationen kam es neben der Innenstadt noch im Broich-Speldorfer Wald, auf der Prinzenhöhe sowie am Kahlenberg. Pläne, auf dem Kahlenberg eine einheitliche Villenkolonie zu bauen, wurden allerdings nicht umgesetzt. Daneben entstanden aber auch einzeln gelegene, sehr exklusive Villen, wie etwa die Villa Thyssen an der Dohne und das Haus Urge am Kahlenberg.


Die Friedrichstraße - „Straße der Millionäre“

Historische Ansicht der Villa in der Friedrichstraße 91 / Ecke Trooststraße (erbaut um 1900 von Erwin Kuckelhaus)Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Friedrichstraße entstand, reichte die Bebauung nur etwa bis zur Einmündung der Wilhelmstraße. Es gibt also einen älteren und einen neueren Abschnitt. Der obere, in seiner Bebauung heute noch gut erhaltene Teil, entstand größtenteils nach 1890. Im unteren Teil der Friedrichstraße finden sich lediglich zwei erhaltene Villen. Diese beiden entstanden schon wesentlich früher, nämlich zwischen 1865 und 1875 (Nr. 40 und Nr. 52).

Auch in anderer Hinsicht zerfällt die Straße in zwei Teile, bedarf doch der Titel „Straße der Millionäre“ einer gewissen Einschränkung. Wie man bei der Betrachtung des Straßenteils oberhalb der Einmündung der Wilhelmstraße feststellt, ist die Friedrichstraße auch nach den jeweiligen Straßenseiten zweigeteilt. Auf der rechten Seite - näher zur Ruhr - liegen die Villen, auf der linken hingegen findet sich nur eine einzige Halbvilla (Nr. 77), während der restliche Teil hauptsächlich mit Reihenhäusern bebaut ist. Diese Reihenhäuser entstanden zumeist früher als die auf der anderen Straßenseite gelegenen Villen, welche vermutlich erst nach dem Verschwinden der Troostschen Wollfabrik gebaut wurden, die zuvor den freien Blick auf die Ruhr versperrt hatte. Auch waren die Bewohner der Reihenhäuser weit weniger exklusiv, wie ein Blick in die Mülheimer Adressbücher zeigt. Zum Teil wohnten sie nur zur Miete und von Beruf waren sie Lehrer, Richter oder Kaufleute. Die Villenbesitzer waren hingegen Bankiers, Druckereibesitzer oder Lederfabrikanten. Kann man also die Friedrichstraße nach Bebauungszeit und Vermögen  der Bewohner in mehrere Teile unterscheiden, so waren es wohl die großbürgerlichen Bewohner der Ruhrseite, an die die Mülheimer dachten, wenn sie von der „Straße der Millionäre“ sprachen.

Die Gebäude mit den Hausnummern 40 und 52 sind die ältesten Villen in der Friedrichstraße. Das Haus Nr. 40 wurde zwischen 1873 und 1875 vom Lederfabrikanten Eugen Coupienne erbaut, die Hausnummer 52 gehörte Friedrich Bungert - ebenfalls Lederfabrikant - und entstand zwischen 1867 und 1872. In der oberen Friedrichstraße begegnet man zuerst dem zwischen 1904 und 1906 erbauten Doppelhaus Wilhelmstraße 22 und Friedrichstraße 52a. Ersteres gehörte Carl Roesch, einem Webereibesitzer und Immobilienhändler, letzteres dem Notar Rudolf Schmits.

In einer Mischung aus italienischer Renaissance und Jugendstil hat die Bankiersfamilie Hanau mit dem Haus Nr. 54 eine der herausragenden Villen der Friedrichstraße von dem  Mülheimer Architekten Franz Hagen bauen lassen. Dagegen sind die Villa Nr. 56 und die beiden Halbvillen Nr. 58 und 60 bescheidener in ihrem Auftreten, bevor als letzte Villa der Friedrichstraße - Nr. 62 - noch einmal ein monumentaler Bau des Architekten Franz Hagen folgt, erbaut zwischen 1910 und 1912  für den Buchdruckereibesitzer Julius Bagel.

Ursprünglich als Einfamilienhäuser errichtet, werden die Villen heute sehr unterschiedlich genutzt. So fand im Haus Nr. 62 in den 1960er Jahren eine Bank ihre Unterkunft, während die Halbvilla an der Wilhelmstraße 22 in den 1970er Jahren durch eine Tanzschule genutzt wurde.  Haben sich die Villen also im Inneren zumeist gewandelt, bleiben sie von außen doch Monumente des Mülheimer Großbürgertums des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.


Haus Urge


Haus Urge in der Bismarckstraße 28 (1913 erbaut von Franz Hagen)Mit Haus Urge - gebaut im Jahre 1913 - begegnet man einem hervorragenden Beispiel für die Möglichkeiten, die Architekten im beginnenden 20. Jahrhundert ihren Kunden bieten konnten. Die Ehefrau des Bauherrn und Lederfabrikanten Jean Baptiste Coupienne wünschte sich einen Bau, der im Äußeren ihrem Elternhaus - Haus Blegge in Paffrath bei Bergisch Gladbach - entsprach. Dieses Wasserschloss war im 18. Jahrhundert im Stil des Barock erbaut worden. Der Architekt der Coupiennes - Franz Hagen - überführte nun den barocken Schlossstil in eine zeitgenössische Villa. Wie das Gebäude zum Namen „Urge“ kam, ist jedoch unklar. Im Volksmund wird diese Abkürzung meistens mit „Unser Reichtum gestattet es“ aufgelöst, was man als Zeichen der Bewunderung, aber auch des Neides werten kann.

Die Lage der Villa in der Bismarckstraße 28 kann als eine der exklusivsten im Mülheim des Jahres 1913 angesehen werden. Auf dem Kahlenberg, etwa 45 Meter oberhalb der Ruhr gelegen, hatte man einen weiten Ausblick über das Ruhrtal, die südliche Ruhrseite und die Mülheimer Innenstadt. Das Grundstück an sich maß 28.000 qm und war in mehrere Bereiche untergliedert. Die Villa bildete dabei das Zentrum der Bebauung, von der Straße aus ein Stück zurückversetzt.

Hinter dem Haus lag der zur Repräsentation gedachte Garten mit einem Zierbecken als Blickfang. Während das Grundstück auf der abfallenden Seite des Hanges an den Bismarckturm grenzte – hier befand sich auch die hauseigene Gärtnerei – endete es oberhalb mit dem Boten- und Gärtnerhaus. Damit diese Gebäude und die für Gartenarbeiten notwendigen Wirtschaftswege nicht den Ausblick störten, wurden sie durch Mauern vom repräsentativen Teil des Gartens abgeschirmt.

Die Raumaufteilung im Inneren des 1.100 qm großen Gebäudes entsprach weitgehend jener anderer Villen. Im Erdgeschoss fanden sich die Repräsentationsräume. Ungewöhnlich ist jedoch, dass hier auch der Küchenbereich untergebracht war. Die Eingangshalle war komplett mit Holz verkleidet bzw. mit Leder bespannt. Das erste Obergeschoss beherbergte die privaten Räume der Besitzer, das Dachgeschoss die Wirtschaftsräume und Unterkünfte für die Hausangestellten. Damit orientierte sich Haus Urge auch im Inneren am Elternhaus seiner Besitzerin.

Martha Coupienne geb. Schmidt-Leverkus und ihr Ehemann Jean Baptiste sollten jedoch nicht allzu lange dort wohnen. Bereits 1923 - also zehn Jahre nach Vollendung des Baus -  verkauften sie Haus Urge an den Kaufmann Gustav Stinnes. Nach dessen Tod ging es 1924 in den Besitz von Hugo Stinnes junior über. Dieser sollte - mit einer Unterbrechung zwischen 1945 und 1958, als Haus Urge dem britischen Militär als Kasino diente - bis 1973 in der Villa wohnen. Nächster Besitzer war das Max-Planck-Institut für Kohlenforschung, das die Villa lange Zeit als Gästehaus nutzte. Heute ist sie an eine Unternehmensberatung vermietet. Der Zweite Weltkrieg und die Nutzungswechsel führten im Inneren zu zahlreichen Umbauten. So wurde in den Kriegsjahren im Kellergeschoss ein Bunker angelegt, der den Bewohnern und Nachbarn als Schutz gegen Luftangriffe diente. In den fünfziger Jahren wurden Teile der aufwändigen Innenverkleidung und Fußböden ersetzt. Zuletzt hat der Einzug der ZENIT GmbH Änderungen im Hinblick auf moderne bürotechnische Notwendigkeiten mit sich gebracht.


Die Villa Thyssen


Rückansicht der Villa Josef Thyssen, Dohne 54 (erbaut 1898-1900)Die Geschichte der Villa Josef Thyssen in der Dohne 54 ist eng verbunden mit einer der bedeutendsten Mülheimer Industriellenfamilien. August Thyssen, Bruder des Bauherrn Josef Thyssen, war seit 1871 in Mülheim ansässig. Er hatte hier die Firma Thyssen & Co. gegründet, in die wenig später Josef als Mitinhaber eintreten sollte. Auf das industrielle Engagement der beiden Brüder folgte die eheliche Verbindung mit Töchtern aus Mülheimer Unternehmerfamilien. Mit Hedwig Pelzer, Tochter eines Mülheimer Gerbereibesitzers, hatte August bereits 1872 in die Mülheimer Oberschicht eingeheiratet. Sein Bruder Josef fand seine Ehefrau Klara Bagel – ihr Vater war Buchhändler und Druckereibesitzer – ebenfalls im Mülheimer Großbürgertum und heiratete diese im Jahr 1880. Die Mitgift wurde jeweils in die Expansion der Firma investiert und so lebten die Brüder noch bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts in relativ bescheidenen Häusern. Erst um die Jahrhundertwende, als die wirtschaftliche Situation der Firma größere Ausgaben für repräsentatives Wohnen ermöglichte und die gesellschaftliche Position solche Bauten auch notwendig machte, veränderten die Brüder ihre privaten Wohnbedingungen. Während August Thyssen 1905 Schloss Landsberg erwarb und damit die Mülheimer Stadtgrenzen verließ, baute sein Bruder Josef eine Villa auf dem Gelände der ehemaligen Textilfabrik Troost.

Die Troostsche Fabrik, die seit dem 18. Jahrhundert das Gelände zwischen Dohne und Ruhr okkupiert hatte, war bereits 1875 in Konkurs gegangen. 1896 erwarb die Firma Thyssen & Co. einen Teil dieses „Luisental“ genannten Geländes für 425.000 Mark von Heinrich Pelzer, dem Schwiegervater August Thyssens. Zwischen 1898 und 1900 entstand auf diesem Grundstück die Villa von Josef Thyssen, konzipiert von den renommierten Berliner Architekten Kayser & von Großheim. Mit dem Bau der Villa  verbunden war die Anlage eines großzügiger Parks, in den der ehemalige Fabrikteich der Firma Troost als Landschaft gestaltendes Objekt einbezogen wurde.

Die Innenausstattung spiegelte den bereits nach außen gezeigten Reichtum wider. Marmor, Stuckdecke und Wandvertäfelung in der Eingangshalle sowie rötliche Marmorsäulen mit Stuckkapitellen schufen ein monumentales Empfangsambiente, das sich in der repräsentativen Treppe und den an die Eingangshalle anschließenden Räumen, dem Musik- und Herrenzimmer, dem „Goldenen Salon“, dem Arbeitszimmer und Esszimmer fortsetzte. Das erste Stockwerk enthielt wie üblich die Privaträume, wobei ein separater Teil für die zwei Schlafzimmer der Eheleute und deren Badezimmer existierte. Die Zimmer der Dienerschaft, Trocken- und Waschräume befanden sich im Dachgeschoss und waren über das Dienstbotentreppenhaus erreichbar. Dies führte von dort bis in den Keller, wo sich weitere Hauswirtschaftsräume und der Lieferanteneingang befanden. Da die Villa noch bis in die 1980er Jahre von Mitgliedern der Familie Thyssen bewohnt wurde, sind auch im Inneren viele Details dieser ursprünglichen Ausstattung erhalten geblieben. Die derzeitige Nutzung des Gebäudes als repräsentatives Bürogebäude haben lediglich kleinere Änderungen erforderlich gemacht., so dass der ursprüngliche Charakter des Anwesens weitgehend erhalten geblieben ist.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Feudalvilla oder alte Schönheit? - Großbürgerliche Villen der Kaiserzeit in Mülheim an der Ruhr" von Daniel Menning, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Historische Postkartenansicht der Friedrichstraße Historische Postkartenansicht der Friedrichstraße Historische Postkartenansicht der Friedrichstraße Historische Postkartenansicht der Friedrichstraße
Die Villa Hanau in der Friedrichstraße 54 (1902 erbaut von Franz Hagen) Haus Urge in der Bismarckstraße 28 (1913 erbaut von Franz Hagen) Historische Seitenansicht (1906) der Villa Josef Thyssen, Dohne 54, erbaut 1898-1900 Frontansicht der Villa Josef Thyssen, Dohne 54 (erbaut 1898-1900)
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Stand: 19.09.2016

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