Migration · Integration · Interkulturelles Leben
Das Gesicht der Migration in Mülheim an der Ruhr zeigen

Migration & Geschichte: Wissenschaftliche Aufarbeitung zum Thema Arbeitsmigration von Prof. Wessel
Arbeitsmigranten im Kreis ihrer deutschen Kollegen bei den Mannesmannröhren-Werken im Mülheim an der Ruhr, 1970er Jahre (Foto: Hayriye Özcan)

Ohne Einwanderer weniger Wohlstand

Wir zitieren aus der WAZ: Rubrik Wirtschaft, Samstag, 7. August 2010. Interview: Hannes Koch

Berlin. Bevölkerungsexperte: „Wir müssen vermitteln, dass qualifizierte Einwanderung viele Vorteile hat“ – Jugendliche fördern. Deutschland braucht aus Sicht des Bevölkerungs-Experten Reiner Klingholz dringend Fachkräfte aus dem Ausland. „Zuwanderung animiert den Wettbewerb“, betont der Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Viele Firmen würden gerne Ingenieure aus dem Ausland holen, da sie in Deutschland zu wenige finden. Kanzlerin Merkel (CDU) aber lehnt mehr Einwanderung ab. Brauchen wir ausländische Arbeitskräfte oder können wir ohne sie auskommen?

Klingholz: Schon heute benötigt Deutschland gut ausgebildete Zuwanderer – in Zukunft aber noch viel mehr.

Wenn Menschen aus fremden Ländern zu uns kommen, beschleicht manchen Einheimischen ein ungutes Gefühl. Wie antworten Sie auf solche Vorbehalte?

Wir Deutsche haben historisch gesehen mit Einwanderung sehr gute Erfahrungen gemacht. Berlin und Brandenburg hätten sich ohne die Hugenotten aus Frankreich viel schlechter entwickelt. Und das Ruhrgebiet war auf die Schimanskis und Koslowskis aus Osteuropa angewiesen, um zum industriellen Herz Deutschlands zu werden. Länder wie die USA, Kanada und Neuseeland profitieren massiv von der Einwanderung. Deutschland verzichtet heute leider auf diese positiven Effekte.

Welche Vorteile brächte es, Einwanderer einzuladen?

Zurzeit sind 60.000 bis 70.000 Stellen für Ingenieure und Computerspezialisten in deutschen Unternehmen nicht besetzt. Die Firmen leisten deshalb weniger, als sie erwirtschaften könnten. Deshalb schaffen sie auch weniger neue Arbeitsplätze. Das heißt: Ohne gut ausgebildete Einwanderer geht uns allen Wohlstand verloren.

Wie viele Einwanderer benötigt Deutschland je Jahr?

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge wird die deutsche Bevölkerung infolge des demografischen Wandels bis 2050 um rund 13 Millionen Menschen abnehmen. Und das, obwohl unter dem Strich eine jährliche Zuwanderung von 100.000 bis 200.000 Menschen einkalkuliert ist. Heute jedoch ziehen mehr Menschen aus Deutschland weg, als neu hinzukommen. Wenn die Bundesregierung so weitermacht wie bisher, trägt sie eine Mitverantwortung dafür, dass wir später in einem schönen, aber leeren Land leben.

Wir haben mehr als drei Millionen Arbeitslose. Muss man die nicht erst einmal besser ausbilden?

Wenn wir die Beschäftigungs- und Bildungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen einkalkulieren, haben wir sogar fünf Millionen Erwerbslose. Theoretisch ist es richtig, diese zu qualifizieren, damit sie die freien Stellen besetzen. Praktisch allerdings scheinen sich nur extrem wenige Arbeitslose für die offenen Stellen etwa beim Flugzeughersteller Airbus zu eignen. Aus einem jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss machen Sie eben keinen Triebwerksspezialisten, Und selbst, wenn es gelänge, wären dafür über zehn Jahre nötig. Die Unternehmen müssen ihre Stellen aber jetzt besetzen – sonst werden die Triebwerke anderswo gebaut.

Könnte die Integration der Migranten helfen, die bereits in Deutschland leben?

Heute leisten wir uns, dass 20 Prozent aller jugendlichen marginalisiert werden. Sie verlassen die Schule ohne Abschluss oder gelten als nicht ausbildungsfähig. Unter ihnen sind besonders viele Migranten. Da muss man massiv gegensteuern. Aber auch hier dauert es im besten Fall Jahre, bis aus einem Problemfall eine Fachkraft wird.

Sie akzeptieren, dass es trotz Arbeitslosigkeit auch Einwanderung geben wird?

Ja, und ich behaupte außerdem, dass die Zuwanderung ein sinnvoller Anreiz ist, um den Wettbewerb zu animieren.

Sie wollen die Arbeitslosen unter Druck setzen?

Es herrscht Globalisierung. Wer die weltweite Konkurrenz der Arbeitskräfte ausblendet, tut sich keinen Gefallen. Eine Firma wie Siemens wird sich in jedem Fall für den besseren Ingenieur entscheiden – egal wo er herkommt. Am Ende stellt sich doch die Frage: Ist die indische Fachkraft in Mumbai oder in München produktiv? Letzteres wäre besser für unsere Volkswirtschaft. (AdR: früher Bombay)

Damit nehmen Sie in Kauf, dass auch die Angst vor der Einwanderung zunimmt.

Nicht unbedingt. Wir müssen vermitteln, dass qualifizierte Zuwanderung viele Vorteile hat. Diese Erfahrung haben die Deutschen nach dem Anwerbestopp für Gastarbeiter nicht immer gemacht. Die Einwanderung wurde zu wenig dahingehend gesteuert, welche Qualifikationen auf unserem Arbeitsmarkt gebraucht wurden.

Interview: Hannes Koch

migration-geschichte.de: Logo der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ)


migration-geschichte.de: Ohne Einwanderer weniger Wohlstand 
Toronto, Kanada; Wellington, Neuseeland

Migration: Lob für Kanada

Kanada und Neuseeland sind laut Experte Reiner Klingholz besonders geschickt bei der Steuerung der Migration. „Die fragen ihre Unternehmen, welche Arbeitskräfte sie brauchen und schreiben dann gezielt für diese Qualifikationen Einwanderungsquoten aus“, sagte er. „Die Familien dürfen mitkommen. So fühlen sich die Neubürger wohl und investieren in ihre Zukunft und die ihrer Kinder.“

Übernahme ins Internet: Klaus Wichmann, Mülheim an der Ruhr, im August 2010

(Fotos Kanada/Neuseeland: Wikipedia/Wladyslaw; Wikipedia/Brett Taylor)

Lesen Sie auch die Beiträge: Prof. Dr. Horst A. Wessel zum Thema „Arbeitsmigration“ ...mehr


Kontakt: vhs@muelheim-ruhr.de
http://www.kulturbetrieb.de
http://vhs.muelheim-ruhr.de
Das Projekt Migration & Geschichte
wurde durch die Leonhard-Stinnes-
Stiftung gefördert.

Impressum
Stand: 08.08.2011

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