Mülheimer Baudenkmäler: Die ehemaligen Rathäuser

Die Geschichte der ehemaligen Mülheimer Bürgermeistereien begann im Jahr 1847, als Mülheim an der Ruhr geteilt wurde: Die Stadt bestand nun im Wesentlichen aus der heutigen Innenstadt, während das übrige Gebiet die weit größere Landbürgermeisterei bildete. Stadt und Landbürgermeisterei benutzten das alte Mülheimer Rathaus gemeinsam. Für die Entstehung der Rathäuser der Bürgermeistereien ist der 1. April 1878 das entscheidende Datum. An diesem Tag entstanden aus der Landbürgermeisterei die Bürgermeistereien Heißen (Heißen, Fulerum, Winkhausen, Holthausen, Haarzopf, Menden und Raadt), Broich (Broich, Speldorf und Saarn) und Styrum (Styrum, Dümpten und Alstaden). Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gehörte der größte Teil der heutigen Stadt Mülheim zu diesen Bürgermeistereien. Nach ihrer Auflösung 1904 beziehungsweise 1910 und ihrer weitgehenden Eingemeindung in die Stadt Mülheim wurden für kurze Zeit weitere Verwaltungseinheiten gebildet, die Bürgermeistereien Dümpten und Menden, die sich Rathäuser oder Verwaltungsgebäude schufen, bis sie ebenfalls nach Mülheim zurückkehrten.

 


Das Rathaus Heißen

Fassadenansicht des Heißener Rathauses (1878)Die neue Bürgermeisterei hatte ihren Amtssitz zunächst noch in der Stadt Mülheim und durfte sich daher noch nicht Bürgermeisterei Heißen nennen. Da man diesen Zustand als unhaltbar empfand, wurde der Rathausbau energisch vorangetrieben, so dass in Heißen das erste der neuen Rathäuser entstand. Schon im Mai 1878 wurde der Bau beschlossen. Ein Landwirt stellte ein Grundstück als Geschenk zur Verfügung, das am Schnittpunkt mehrerer Straßen in der Mitte Heißens lag. Im Juli beschloss man, das Rathaus nach den Plänen der Mülheimer Architekten Heidsiek und Thomas zu bauen, dahinter ein kleines Gebäude mit zwei Arrestzellen und Stallung zu errichten, einen Brunnen zu bohren und einen mit einer Hecke eingefriedeten Garten anzulegen. Bereits im Jahr 1879 wurde der Rathausbau nach weniger als einem Jahr beendet, so dass das neue Rathaus bezogen werden konnte. Im Erdgeschoss befanden sich die Büros und der Sitzungssaal, im Obergeschoss wohnte der Bürgermeister. 1895 wurde auf dem Platz vor dem Rathaus ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I. errichtet, das seine Ansicht für viele Jahre prägte. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Büroräume nicht mehr ausreichten, wurde für den Bürgermeister im Rathausgarten eine Villa als Dienstwohnung gebaut, so dass auch das Obergeschoss des Rathauses für Bürozwecke genutzt werden konnte. Auch eine Sparkasse konnte 1901 in dem Gebäude ihre Tätigkeit aufnehmen.

Nach der Auflösung der Bürgermeisterei Heißen im Jahr 1910 wurde das Rathaus noch viele Jahre für Verwaltungszwecke genutzt. Als diese Nutzung in den 1960er Jahren endete, war seine Zukunft ungewiss. Schließlich wurde es durch die Sparkasse originalgetreu restauriert, die dort 1979 – 100 Jahre nach seinem Erstbezug – eine Sparkassenzweigstelle eröffnete. Somit wird das alte Rathaus (Hingbergstr. 375), das das Bild des Stadtteils Heißen prägt, auch heute noch öffentlich genutzt. Das zweigeschossige Gebäude aus hellen Klinkersteinen macht einen harmonischen Eindruck, durch die günstige Lage an dem Platz im Zentrum Heißens kommt seine Hauptfassade gut zur Geltung. Auch das rechts daneben gelegene ehemalige Bürgermeisterwohnhaus ist erhalten.

 


Das Rathaus Broich

Ansicht des Rathauses Broich (links das Wohnhaus des Bürgermeisters)Die Bürgermeisterei Broich brachte ihre Verwaltung zunächst in einem gemieteten Haus in Broich unter. 1883 wurde der Bau eines Rathauses beschlossen, ein Grundstück an der heutigen Graf-Wirich-Straße gegenüber der Brücke über die Ruhrtalbahn gekauft und mit dem Bau nach den Plänen des Bonner Architekten Otto Penner begonnen. Nach einigen Verzögerungen beim Bau konnte das Rathaus 1885 in Betrieb genommen werden. Büros und Sitzungssaal lagen im Erdgeschoss, der Bürgermeister wohnte im Obergeschoss. In den folgenden Jahren kam es durch die Entwicklung der Industrie und ein starkes Bevölkerungswachstum zu einer erheblichen Vergrößerung der Verwaltung, so dass das Rathaus schon nach weniger als zehn Jahren viel zu klein war. Daraufhin wurde 1897/98 links neben dem Rathaus ein Bürgermeisterwohnhaus gebaut. Anschließend konnte die ganze Verwaltung wieder im Rathaus untergebracht werden. Nach der Eingemeindung der Bürgermeisterei Broich im Jahr 1904 wurde das Rathaus noch einige Jahre als städtische Verwaltungsstelle genutzt und dann verkauft.

Das Broicher Rathaus, ein rotes Backsteingebäude mit einem abgeflachten, mansardartigen Dach, konnte in seiner Lage direkt an der Straße nicht so repräsentativ wie das Heißener Rathaus wirken. Anfang der 1970er Jahre wurde es abgerissen und auf seinem Grundstück (Graf-Wirich-Str. 25) ein Neubau errichtet. Das ehemalige Bürgermeisterwohnhaus existiert dagegen heute noch.
 


Das Rathaus Styrum

Ansicht des Styrumer Rathauses mit seinem markanten Turm (Blick vom Markplatz)Die Bürgermeisterei Styrum hatte weit mehr Einwohner als die anderen Bürgermeistereien. Daher ist es erstaunlich, dass sie ihre Verwaltung so lange in gemieteten Räumen in Styrum unterbrachte und den Rathausbau erst wesentlich später als in Heißen und Broich in Angriff nahm. Zunächst dauerte es fünf Jahre, bis 1889 beschlossen wurde, zwei für diesen Zweck als Geschenk angebotene Grundstücke anzunehmen. Erst 1891 wurde mit dem Bau nach den Plänen des Architekten Heinrich Siepmann aus Hannover begonnen. Da dieser 1892 starb und in seinem Geburtsort Broich beerdigt wurde, erlebte er die Fertigstellung des Rathauses Styrum im Jahr 1893 nicht mehr. Im Rathaus wurde auch die neugegründete Sparkasse untergebracht. Im Jahr 1900 wurde in der Kaiser-Wilhelm-Straße ein Bürgermeisterwohnhaus gebaut. Zur gleichen Zeit war das Rathaus bereits zu klein geworden. Dies hing mit dem starken Wachstum der Industrie zusammen; Stahlindustrie und Bergbau hatten zu einer erheblichen Zuwanderung geführt. Es wurde daher beschlossen, einen Erweiterungsbau an das Rathaus anzufügen, der 1901 ausgeführt wurde. Die neuen Gebäude wurden jedoch nur noch wenige Jahre benötigt, da die Bürgermeisterei Styrum 1904 aufgelöst wurde. In den folgenden Jahrzehnten wurde das Rathaus unter anderem als städtische Verwaltungsstelle genutzt.

Das Styrumer Rathaus war ein stattliches Backsteingebäude. Die dem Styrumer Marktplatz zugewandte Seite wurde durch einen eindrucksvollen Turm geprägt. Bei dem großen Luftangriff am 23. Juni 1943 wurde das Rathaus zerstört. In den 1950er Jahren wurde dort die Schule Zastrowstraße gebaut, die zum Teil in Bereich des ehemaligen Rathauses liegt.

 


Das Rathaus Dümpten

Ansicht des Rathauses Dümpten an der Mellinghofer Straße (1908)Als Dümpten 1904 für einige Jahre Bürgermeisterei wurde, befand sich die Verwaltung zunächst in einem gemieteten Haus an der Ecke Mellinghofer Straße / Knüfen. 1907 beschloss man den Bau eines Rathauses. Da eine Eingemeindung schon denkbar war, wurde anfangs von einem schlichten Verwaltungsgebäude gesprochen. Das nach den Plänen von Gemeindebaumeister Riemann errichtete Gebäude war jedoch ein repräsentatives Rathaus. Nachdem es am Ende des Jahres 1908 bezogen werden konnte, wurde die Bürgermeisterei Dümpten schon am 1. April 1910 aufgelöst; ihr größter Teil wurde nach Mülheim, der nordwestliche Teil nach Oberhausen eingemeindet.

Das Dümptener Rathaus (Mellinghofer Str. 275, Ecke Beutherstr.) ist ein geräumiges Eckhaus; die gerundete Ecke mit dem Portal ist besonders betont. Als verputztes Gebäude wirkt es moderner als die anderen Rathäuser, obwohl es durchaus Elemente traditionellen Rathausbaus erkennen lässt. Nachdem es kaum mehr als ein Jahr seinem eigentlichen Zweck gedient hatte, wurde es sehr lange für Verwaltungszwecke genutzt. Als diese Nutzung endete, gelang es, hier eine Begegnungsstätte einzurichten.

 


Das Bürgermeisteramt Menden

Von 1910 bis 1920 bildeten die landwirtschaftlich geprägten Gemeinden Menden und Raadt die kleine Bürgermeisterei Menden, die kaum mehr als 1000 Einwohner hatte. Nachdem zunächst ein Verwaltungslokal gemietet wurde, wurde 1917 ein Wohnhaus gekauft und der Verwaltungssitz dorthin verlegt. Das im historisierenden Stil der Zeit erbaute ansehnliche Wohnhaus wurde aber nur drei Jahre als Bürgermeisteramt genutzt, denn schon zum 1. Juli 1920 wurde die Bürgermeisterei Menden in die Stadt Mülheim eingemeindet. Das Haus an der Bergerstr. 11 wurde später verkauft und existiert heute nicht mehr.

 


Schlußbemerkung

Die Rathäuser, die den Mittelpunkt der Mülheimer Bürgermeistereien bildeten, haben eine interessante, manchmal turbulente Geschichte hinter sich. Sie sollten ebenso wie die Bürgermeisterwohnhäuser nicht in Vergessenheit geraten. Erfreulicherweise sind die Rathäuser in Heißen und Dümpten nicht nur erhalten geblieben, sondern werden heute noch öffentlich genutzt. Es bleibt zu hoffen, dass diese baulichen Zeugnisse der Mülheimer Geschichte weiterhin möglichst originalgetreu bestehen bleiben.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Die Rathäuser der eingemeindeten Bürgermeistereien" von Johannes Fricke, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Postkartenansicht des Rathauses Heißen mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal (rechts das Wohnhaus des Bürgermeisters) Filmaufnahmen vor dem Rathaus Heißen (1969): Regisseur Dieter Wedel (rechts) gibt Anweisungen für die Szene Postkartenausschnitt des Bürgermeisteramtes Dümpten Ansicht des Rathauses Styrum mit Erweiterung (links), rechts der Feuerwehrturm, links im Hintergrund der Wasserturm Styrum
Das Bürgermeisteramt von Menden an der Bergerstraße Blick von Broich auf Mülheim (vor 1943); links vor dem hellen Dach der Stadthalle das ehemalige Rathaus Broich, links dahinter das Bürgermeisterwohnhaus    
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Stand: 07.11.2018

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