Mülheimer Baudenkmäler: Das Stadtbad

Postkartenansicht der Schlossbrücke mit Stadtbad (1915)

Die rasante Entwicklung der Stadt und die ständig steigenden Bevölkerungszahlen führten zu hygienischen Verhältnissen, die bereits um 1883 in erste Überlegungen zum Bau einer öffentlichen „Landbadeanstalt“ für die Stadt Mülheim mündeten. Der Bedarf an öffentlichen Badeanstalten wurde bis dahin nur dürftig durch einige Flussbadeanstalten sowie ein Wannen- und Brausebad gedeckt. Es fehlte jedoch ein Bad, das zu jeder Jahreszeit genutzt werden konnte und bequem zu erreichen war. Doch erst eine großzügige Spende der Mülheimer Industriellen August und Josef Thyssen, die 1906 der Stadt Mülheim 350.000 Aktien des Rheinisch-Westfälischen-Elektrizitätswerkes stifteten unter der Auflage, dieses Kapital zum Bau einer Badeanstalt zu verwenden, gab den Anlass für weitere Planungen. Dennoch brauchte es drei weitere Jahre, um das gesamte Kapital durch eine städtische Stiftung sowie Überschüsse der Sparkasse bereitzustellen. Am 30. Dezember 1909 wurde der Entwurf des Beigeordneten und Leiters des städtischen Hochbauamtes Karl Helbing im Rat der Stadt Mülheim genehmigt und zur Ausführung beschlossen.

Standort

Nach anfänglichen Planungen für den Kauf eines Grundstücks unterhalb der Eisenbahnbrücke, dem Besitz der Mülheimer Gerberfamilie Hammann an der Fährstraße, fiel die Entscheidung letztendlich auf ein Grundstück an der Ruhrquerung im Mittelpunkt des Stadtgebietes. Zu den 914 Quadratmetern städtischen Grunds am Mülheimer Ruhrufer kaufte die Stadt zu einem Gesamtpreis von 157.000 Mark die Grundstücke der Witwe Leimann und des Wirts Schäffer an. Durch den Ankauf stand Mitte des Jahres 1910 dem Baubeginn auf dem 3.391 Quadratmeter großen Grundstück nichts mehr im Wege. Im Juli 1910 wurde mit dem Bau des ersten Mülheimer Hallenbades am Ruhrufer neben der im Bau befindlichen neuen Schlossbrücke begonnen.

Konzept

Lageplan des geplanten Stadtbads (um 1910)Die Anbindung an den Verkehr durch die neue Straßenbahnverbindung über die Schlossbrücke ermöglichte eine ideale Erreichbarkeit und damit höchste Rentabilität. Die höchstmögliche Ausnutzung des Grundstücks führte zu einer Kombination von Nutzungen. Entlang der Kettenbrückstraße (heute Leineweberstraße) war das Grundstück für die großen Badehallen zu schmal, so dass zur Straße hin Restaurationsräume und Läden angelegt wurden. Das eigentliche Stadtbad schloss sich dann entlang des Ruhrufers an. Im Haupttrakt, der sich auch architektonisch durch seine Dreigeschossigkeit abhob, lag auf Brückenniveau vom Arkadengang aus die Eingangshalle. Die eigentlichen Badehallen befanden sich im zweigeschossigen Mitteltrakt.

Badbereich

Die von dem Arkadengang erschlossene Eingangshalle des Stadtbades vermittelte zu den einzelnen Bereichen des Bades, die aus Schwimmhallen, Wannen- und Brausebadbereichen, irisch-römischem Bad, Dampfbad, Licht- und Luftbad sowie orthopädischem Turnsaal bestanden.
Von der Vorhalle mit der Kasse und den Fächern zur Wäscheaufbewahrung aus waren sämtliche Bäder separat zu erreichen.

Blick in die Männerschwimmhalle des StadtbadsHinter der Kasse, in dem quer zum Ruhrufer liegenden Gebäudeteil, lag die große Schwimmhalle für Männer. Umlaufend um das 21,22 x 9,60 Meter große Becken lagen die Barfußgänge, zwischen den Säulen angeordnete Umkleidekabinen bildeten die Trennung zur Erschließung. An der Decke der Halle installierte Helbing hier - wie auch in der Frauenschwimmhalle - Schwimmlehrvorrichtungen. Die dienenden Bereiche mit 72 Umkleiden, Duschen sowie Toiletten plante er über zwei Etagen, auf Eingangsniveau und den umlaufenden Emporen. Auf der vorderen Empore hatten Zuschauer für 10 Pfennig Zutritt.

Blick in die Frauenschwimmhalle des StadtbadsZur Rechten der Halle, parallel zum Arkadengang, lag die kleine Schwimmhalle für Frauen. Das ebenso wie in der Herrenschwimmhalle in Eisenbeton ausgeführte Becken hatte allerdings nur eine Größe von 17  x 7,50 Meter. Auf den zwei Etagen der Halle lagen 28 Umkleidekabinen, Fußwaschbecken, Duschen und Bidets in Zellen sowie Toiletten.
Obwohl den Mülheimerinnen und Mülheimernn die Trennung von Männern und Frauen nicht passte, wurde sie lange Zeit strikt eingehalten.

Im linken Flügel lag im Keller- und Erdgeschoss die Bäderabteilung. Für die optimale Ausnutzung und Belichtung war sie um einen Lichthof angeordnet. Um diesen herum lagen 27 Wannenbäder erster und zweiter Klasse, die sowohl als Wasserbäder zur Reinigung als auch als Heilbäder mit Zusätzen verwendet wurden. Zwei der Wannen dienten als Medizinalbäder. Im Keller lagen 13 Brausen für Männer und neun für Frauen sowie die dazugehörige Kesselanlage.

Das Medico-Mechanische Institut (1938 aufgelöst)Im ersten Obergeschoss lag neben dem Verwaltungszimmer des Badinspektors ein eleganter Ruheraum mit zwölf Einzelzellen. Um den Lichthof gruppierten sich hier elektrische Bäder sowie Heiß- und Warmluftbäder, russische Dampfbäder mit verschiedenen Brausen, Massageräume und das 20 Quadratmeter große Licht- und Luftbad. Das gesamte zweite Obergeschoss nahm das Medico-Mechanische Institut mit Behandlungsräumen und Turnsaal ein. Freiflächen, der Stadtbadhof und das niedrigere Kesselhaus ermöglichten die ideale Belichtung aller Bereiche.

Restaurant- und Ladenbereich

Partie in den Ruhranlagen unterhalb des StadtbadsVon der Schlossstraße aus gelangte man vom Arkadengang über einen Windfang in das Gebäude. Eine breite, weiße Marmortreppe, mit Teppichen belegt, führte die Besuchenden zum Café in der ersten Etage. Die hellen, in gelb gehaltenen Räumlichkeiten des Cafés boten Platz für etwa 160 Personen. „Schmuckstück“ des Restaurants war das über dem Eichenholzbuffet von dem Münchener Maler Roloff ausgeführte Wandgemälde der Mülheimer Kettenbrücke. Die über dem Wandelgang liegende Terrasse des Cafés ermöglichte die Bewirtung weiterer 80 bis 100 Personen. Von hier bot sich den Besuchenden der Blick sowohl in die Ruhranlagen als auch über die Schlossbrücke auf das Broicher Ruhrufer. Weitere Restaurationen befanden sich sowohl im Erdgeschoss als auch im Kellergeschoss. Auf Brückenniveau gelangte man von der Wandelhalle aus in die Weinstube, einen großen behaglichen und einen kleinen elegant eingerichteten Raum, in denen etwa 50 bis 60 Personen Platz fanden. Vorne, an der Straße, lagen Ladenlokale. Auf Niveau des Ruhrufers, also im Kellergeschoss, lag direkt von den Ruhranlagen aus zugänglich ein Bierrestaurant für etwa 80 Personen mit angrenzender Kegelbahn und Weinkeller.

Einweihung

Am 1. August 1912 markierte die Eröffnung des Stadtbades nach zweijähriger Bauzeit einen Meilenstein in der Entwicklung der Stadt Mülheim. Mit großen Festlichkeiten und bedeutenden Gästen wurde dieser Tag begangen, Regierungspräsident Dr. Kruse war eigens aus Düsseldorf angereist. Ein großes Feuerwerk auf der Schleuseninsel, am „Stockfisch“ in Broich und auf dem Bismarckturm, veranstaltet von den Drogisten Bachem und Feldmann, bildete den Abschluss der Eröffnung. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im ersten Monat besuchten 15.277 Personen das neue Stadtbad der Stadt Mülheim an der Ruhr. Bis in das Jahr 1924 blieb das Stadtbad das einzige öffentliche Bad neben dem Solbad Raffelberg. Die Investition in die Ausstattung des Stadtbades machte sich bezahlt, so blieb die Erstausstattung bis zum Jahr 1938 erhalten. Erst Mitte 1938 wurde das Bad nach mehreren Instandsetzungsmaßnahmen für eine technische Grundüberholung geschlossen.

Kriegszerstörungen 1943

Das Stadtbad und das Brückenhaus mit schweren Kriegsschäden (nach 1943)Der Zweite Weltkrieg ging nicht spurlos am Stadtbad vorüber; bei Angriffen 1943 wurde es mehrfach getroffen. Nach einem Bombenangriff im Januar 1943 wurde die große Halle wegen kleinerer Beschädigungen bis Anfang Februar geschlossen. Die kleine Halle blieb bei diesem Angriff verschont. Im April 1943 kehrte sich das Blatt. Das Dach der Frauenschwimmhalle wurde bei einem Bombenangriff komplett zerstört, so dass die Halle geschlossen werden musste. Die große Halle wurde zwar von Brandbomben getroffen, diese konnten aber schnell gelöscht werden, so dass sich die Schäden in Grenzen hielten. Nach diesem Angriff wurde der Betrieb der Heilbäder bis auf Weiteres eingestellt.

Dem Einmarsch der Alliierten im April 1945 folgte die Beschlagnahmung durch die Engländer. Das Stadtbad war im den folgenden Jahren für die Mülheimer Bürger und Bürgerinnen gesperrt. Erst im Januar 1947 wurden Teile für die Öffentlichkeit freigegeben. Die komplette Freigabe ließ noch bis Mai 1949 auf sich warten. Der Badebetrieb war jedoch wegen der Kohlenknappheit durch häufige Ausfälle beeinträchtigt.

Stadtbücherei im Stadtbad

Bereits 1926 waren die Räume der Geschäfte im Parterre des Stadtbades von der Stadtbücherei übernommen worden. Umbaupläne für diese neue Nutzung existieren aber erst aus dem Jahr 1948. Der Bereich der Brückenschenke blieb bis zu ihrer Schließung wegen des Umbaus 1959 erhalten. Danach wurde auch sie der Stadtbücherei zugeschlagen und in eine Freihandbücherei für Jugendliche umgebaut.

Wiederaufbau (1950) und Umbau (1958)

Die kleine Schwimmhalle des Stadtbads (Ende 1951)1950 wurde zunächst mit der Instandsetzung des Bades begonnen. Der Wiederaufbau der zerstörten Gebäudeteile erfolgte in erheblich veränderter Form.  Bald wurde jedoch deutlich, dass das Bad nicht den modernen Ansprüchen entsprach. Bereits 1955 beriet man über die Alternative, entweder das Bad abzureißen und auf dem gleichen Grundstück neu zu errichten, oder es komplett zu modernisieren. Nach Abwägung der Kosten fasste der Rat der Stadt dann 1958 den Beschluss zur Generalinstandsetzung mit gleichzeitiger Erweiterung der großen Halle.

Begonnen wurde Anfang August 1959 zunächst mit dem Neubau der kleinen Halle und der Stilllegung des Brause- und Wannenbades. Im Zuge des Umbaus wurden die Räumlichkeiten der Brückenschenke für die Bauleitung bereitgestellt; die Schenke wurde auch nach dem Umbau nicht wieder eröffnet. Nach zweijähriger Bauzeit wurde im Mai 1961 zunächst die kleine Halle, im Juli die Bäderabteilung und Ende des Jahres, im Dezember, die Heilbäderabteilung wiedereröffnet. Mit der Einweihung der letzten Teilbereiche im Februar 1963 war dann der Umbau endgültig abgeschlossen.

Das „neue“ Stadtbad (1963)

Die kleine Schwimmhalle des Stadtbads (1961)Beide Hallen waren modernisiert, der gesamte Bäderbereich war ein kompletter Neubau. Bei der Umbauplanung hatte man bewusst darauf verzichtet, die neuen Becken in sportgerechter Größe auszubilden. Der Ende 1961 begonnene Bau des Südbades als Sportbad sollte diesen Bedarf abdecken.

Zwischen 1996 und 1997 begann mit dem Umbau des alten Sauna- und Heilbadbereiches zu einem Rehabilitations- und Operationszentrum die erste Stufe der Umnutzung. Doch auch diese Entwicklung konnte die vollständige Schließung des Stadtbades nicht aufhalten. Trotz Protests der Mülheimer Bürgerinnen und Bürger wurde das Stadtbad vollständig geschlossen.

Neue Nutzung

Um 1970 übernahm das Kunstmuseum die Räumlichkeiten der Stadtbücherei, nachdem diese in den Neubau an der Ruhrstraße umgezogen war. Anfang der 1990er Jahre zog das Kunstmuseum in die „Alte Post“, die Räumlichkeiten wurden daraufhin bis zum Jahr 2007 durch das Kino Rio und im Obergeschoss bis 2004 durch den Kulturbetrieb genutzt. Der eigentliche Badbereich wurde nur zeitweise für kleinere Veranstaltungen wie Kunstausstellungen genutzt. Auch das Ärztezentrum im nördlichen Bereich bestand bis zum vollständigen Leerzug des Gebäudes weiter. Mit dem Stadtentwicklungsprojekt „Ruhrbania“ wurde das Stadtbad erneut zum zentralen Element einer Entwicklung: Mit dem Verkauf und der Umnutzung für Wohnungen ist es der erste Baustein der neuen Ruhrpromenade.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Das Stadtbad" von Melanie Rimpel, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

 

Das Mülheimer Stadtbad noch während der Bauzeit (vor 1912) Postkartenansicht: Blick vom Broicher Ruhrufer auf das Stadtbad Ruhrbrücke, Stadtbad und Rathausturm mit Festbeleuchtung  
Der Brückenkopf am Mülheimer Ruhrufer mit Schloßbrücke und Stadtbad Schüler-Schwimmunterricht an der Angel (1916) Das Mülheimer Stadtbad: Blick vom Kassenberg  
Fassade des Mülheimer Stadtbads nach Osten Blick von der Terrasse des Stadtbades auf das Broicher Ruhrufer Sicht auf ehemaliges Stadtbad  
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Stand: 11.04.2017

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