Volkstrauertag (2019)

Rede von Oberbürgermeister Ulrich Scholten

anlässlich des Volkstrauertags 2019

am Sonntag, 17. November 2019, 11 Uhr

Luisental

***

Sehr geehrter Herr Püll,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

am Volkstrauertag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft aller Völker und Nationen. Gerade heute, wo rechte Kräfte in unserer Gesellschaft die dunklen Seiten der deutschen Geschichte nur allzu gerne relativieren wollen, ist es wichtig, sich zu erinnern! Denn wir wissen: Nur wer sich erinnert, kann aus der Vergangenheit lernen, um dann eine bessere Zukunft zu gestalten.

In diesem Jahr, meine sehr geehrten Damen und Herren, blicken wir besonders nach Polen. Am 1. September 1939 überfiel Deutschland sein Nachbarland. Als Tag des Beginns des Zweiten Weltkriegs ist uns dieses Datum geläufig. Doch was in den Jahren der anschließenden Besatzung geschah, ist vielen in Deutschland kaum bewusst. Und dabei war das polnische Leid unvorstellbar.

Gleich nach dem Überfall wurde damit begonnen, tausende Angehörige der polnischen Eliten systematisch umzubringen. Die Deutschen führten eine Schreckensherrschaft voller Willkür, Terror und Gewalt. Vertreibungen, Plünderungen, Massaker, Verschleppung von Zwangsarbeitern und hemmungslose materielle Ausbeutung waren allgegenwärtig.

Die jüdische Bevölkerung Polens wurde in Ghettos zusammengetrieben und später nahezu ausgelöscht.

Polen wurde als Ort für die industrielle Vernichtung des europäischen Judentums missbraucht. Die Vernichtungslager Auschwitz und Treblinka sind nur zwei dieser irrsinnigen Orte für die Massenvernichtung von Menschen jüdischen Glaubens.

Da es in Polen wohl keine Familie gibt, die nicht vom Zweiten Weltkrieg und der deutschen Besatzung betroffen war, schien die deutsch-polnische Versöhnung lange schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Die Ostpolitik Willy Brandts öffnete Türen…

Doch erst nach den demokratischen Umbrüchen in Polen und dem Ende der Teilung Deutschlands und Europas konnte die politische Versöhnung gelingen. Unsere inzwischen seit 30 Jahren bestehende sehr lebendige Städtepartnerschaft mit Opole ist historisches Zeichen für diese großartige Chance, die uns die Geschichte bot. Niemand hätte dies 1945 für denkbar gehalten!

Trotz aller Nähe, die durch persönliche Kontakte und politische Arbeit zwischen Polen und Deutschen entstanden ist: Was wissen wir über das Schicksal polnischer Zwangsarbeiter? Wer weiß schon noch, dass es in Deutschland innerhalb der britischen vorrübergehend auch eine polnisch verwaltete Besatzungszone gab? Viele Aspekte der Kriegs- und Nachkriegsgeschichte sind uns in Deutschland nicht bekannt… Und als die Regierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder endlich individuelle Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter, KZ- und Ghettohäftlinge ermöglichte, kam das für viele NS-Opfer zu spät.

Dass der Schmerz über die Kriegsgräuel in Polen bis heute mitschwingt, mag nicht überraschen. Auch deshalb müssen wir uns der Frage nach einer angemessenen Form des Erinnerns und Gedenkens immer wieder neu stellen.

Institutionen wie das Deutsch-Polnische Jugendwerk, die Internationale Jugendbegegnungsstätte Ausschwitz und zahlreiche andere staatliche und zivilgesellschaftliche Institutionen und Projekte tun dies seit vielen Jahren…

Und nicht zuletzt leistet natürlich der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Sinne von Erinnerung und Versöhnung eine elementar wichtige Arbeit, sowohl mit dem Dienst an den Kriegsgräbern als auch mit der intensiven, internationalen Jugendarbeit.

Der Volksbund wird in diesem Jahr - am 16. Dezember - 100 Jahre alt. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gegründet, standen die Mitglieder vor Aufgaben, vor denen man hätte verzagen können. Doch die Mitglieder verzagten nicht und gingen die Arbeit mutig an. Und dann, nicht einmal 20 Jahre später, brachte der Zweite Weltkrieg noch mehr Elend und Tod über unseren Kontinent. Die Folgen spüren wir bis heute.

Die Versöhnung unserer Völker ist auch heute noch nicht selbstverständlich - und nicht überall vollendet.

Es ist an uns Deutschen, zu diesen dunklen Kapiteln unserer Geschichte zu stehen. Bei einer Gedenkfeier in der polnischen Kleinstadt Wieluń hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier dies vor wenigen Wochen eindrucksvoll getan. Er hat die Menschen in Polen um Vergebung für den deutschen Vernichtungskrieg mit Millionen Toten gebeten.

"Es waren Deutsche, die in Polen ein Menschheitsverbrechen verübt haben", sagte Steinmeier. Dieser Tatsache müssen wir uns immer wieder stellen. Und wir müssen unsere Verantwortung für Frieden in Europa übernehmen.

Für eine hoffnungsvolle Zukunft müssen wir den Nationalismus überwinden, der in den vergangenen Jahrzehnten so viel Leid über unsere Völker gebracht hat…

Der heutige Volkstrauertag mahnt uns, für die Werte der Demokratie einzutreten, den Kurs Richtung Freiheit, Frieden, Sicherheit und Völkerverständigung weiterhin einzuhalten. Für diese Werte müssen wir uns aktiv einsetzen, denn sie sind nicht selbstverständlich!

Das heißt für uns auch, dabei zu helfen, Blutvergießen zu beenden und Not zu lindern. Das heißt für uns, Versöhnungsprozesse voranzutreiben, Menschen vor Gewalt und Terror zu schützen. Und das heißt für uns, die Erinnerung lebendig zu halten.

„Wer sich dazu herbeilässt, die Erinnerung an die Opfer zu verdunkeln, der tötet sie ein zweites Mal“, hat uns der Publizist und Friedensnobelpreisträger Elie Wiesel am

27. Januar 2007 in seiner großen Rede im Deutschen Bundestag gemahnt!

Dem wollen wir folgen.

Und so verneigen wir uns an diesem Tag in Trauer vor allen Kriegsopfern und gedenken ihrer.

Vielen Dank!

Kontakt


Stand: 04.12.2019

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