Von der Heimatbücherei zum Haus der Stadtgeschichte: Die Geschichte des Stadtarchivs

Im September 1861 berichtete die Rhein- und Ruhrzeitung von einem Streit zwischen der Stadt Mülheim und der evangelischen Altstadtgemeinde über die Nutzung des Kirchplatzes für Marktveranstaltungen. Gegenüber dem Landrat berief sich die Stadt auf ein seit 44 Jahren bestehendes Gewohnheitsrecht. Allerdings konnten die städtischen Vertreter die Austragung von Märkten für diesen Zeitraum nicht ausreichend belegen. Dies kommentierte die Rhein- und Ruhrzeitung wie folgt: „Vielleicht ließen sich aus dem städtischen Archive die Beweise hierfür erbringen […] aber dieses liegt seit langer Zeit ungeordnet auf den Bodenräumen des Rathauses […] wünschenswerth aber wäre es immerhin, daß eine geeignete Persönlichkeit gewonnen würde, welche gegen eine angemessene Vergütung Ordnung in das Archiv brächte. Vielleicht würde dabei noch mancher interessante Fund gemacht.“ Es sollten noch mehr als 100 Jahre vergehen, bis dieser Wunsch des Zeitungsredakteurs in Erfüllung ging.

Der Lesesaal der Stadtbücherei (um 1930)Mit der Gründung der städtischen Bücherei in den 1880er Jahren erhielt die Mülheimer Bevölkerung öffentlichen Zugang nicht nur zu schöngeistiger Literatur, sondern auch zu einer Auswahl von Lokalzeitungen, Adressbüchern, Druckschriften und heimatkundlichen Büchern – alles Unterlagen, die heute als klassische Archivbestände im Stadtarchiv verwahrt werden. In der Person von Dr. Johannes Langfeldt erhielt die Bücherei 1926 erstmals einen wissenschaftlich ausgebildeten Leiter, der neue Akzente in der bibliothekarischen Arbeit setzte. So gründete er unter anderem eine Sonderabteilung für Heimatgeschichte – die sogenannte Heimatbücherei - und erwarb Urkundenbestände der Herrschaft Styrum. Bereits ein Jahr nach seinem Amtsantritt erschien 1927 ein erster Katalog mit den Beständen der im Aufbau befindlichen Heimatbücherei; eine zweite aktualisierte Übersicht sollte 30 Jahre später folgen. In Würdigung seiner Verdienste um das archivische und heimatkundliche Erbe Mülheims wurde Langfeldt 1938 vom Preußischen Staatsarchiv in Düsseldorf zum ehrenamtlichen Archivpfleger ernannt. Damit war seine Zuständigkeit für archivische Angelegenheiten von offizieller Seite bestätigt.

Die Stadtbücherei am Rathausmarkt (1969)Die Nachkriegszeit brachte erst einmal keine nennenswerten Änderungen mit sich. Die Heimatbücherei war nach wie vor eine Abteilung der Stadtbücherei und zog mit dieser im Jahr 1969 von den zu klein gewordenen Räumen im Stadtbad in einen neu errichteten Zweckbau in der Ruhrstraße. 1972 kam es mit der Einstellung eines hauptamtlichen Archivars zu der lange überfälligen Gründung eines von der Bücherei unabhängigen Stadtarchivs. Dem neuen Archivleiter Dr. Kurt Ortmanns wurden die ausgegliederte Heimatbücherei sowie das dort beschäftigte Bibliothekspersonal unterstellt; zudem erhielt er zum Aufbau des Archivs ein Außenmagazin im Schloß Styrum zugewiesen. Hauptsitz des Stadtarchivs blieb für die nächsten Jahre vorerst das Gebäude der Stadtbücherei.

1978 wurde dem Stadtarchiv nach langem Ringen die Zuständigkeit für die zentrale Altaktenverwaltung übertragen, die im Keller- sowie Dachgeschoss des Rathauses untergebracht und bis zu diesem Zeitpunkt dem Hauptamt unterstellt war. Damit war die Grundlage geschaffen für die Erschließung von städtischen Akten, die bis in die Anfänge des 19. Jahrhunderts zurückreichten und bis dahin nicht für eine öffentliche Nutzung zur Verfügung gestanden hatten.

Die Ausgliederung der historischen Altakten aus der Zentralregistratur hatte zur Folge, dass die provisorischen Magazinräume im Schloß Styrum für die Lagerung aller Unterlagen nicht mehr ausreichten. Da auch die Stadtbücherei dem stetig wachsenden Stadtarchiv keine zusätzlichen Räume anbieten konnte, begann die Suche nach einem geeigneten Archivgebäude, in dem sowohl das Archivpersonal als auch die Archivbestände untergebracht werden konnten. Mit dem damals leerstehenden Schulgebäude an der Cleveschen Straße, einem dreigeschossigen Bau aus dem Jahr 1899, fand man schließlich das passende Objekt. Zuvor waren zahlreiche Alternativen – darunter das ehemalige Bankhaus Hanau sowie die Alte Post -  diskutiert, geprüft und wieder verworfen worden. Nach umfangreichen Umbaumaßnahmen, die vor allem der Verbesserung der Statik dienten, konnte das neue Domizil im Juni 1980 unter der neuen Adresse „Aktienstraße 85“ bezogen werden. Es sollte jedoch noch mehr als ein Jahr dauern, bis das Stadtarchiv im Juli 1981 seine Pforten öffnete und dem interessierten Bürger die Möglichkeit bot, im Benutzerraum des Archivs Einsicht zu nehmen in das historische Erbe der Stadt Mülheim.

Das Stadtarchiv an der Aktienstraße (1981)Um sowohl die notwendige Erschließung von Archivgut als auch angemessene Öffnungszeiten für Besucher zu ermöglichen, nahm das Stadtarchiv 1982 das Angebot der Arbeitsgemeinschaft heimatkundlicher Vereine an, an einem Tag in der Woche die ehrenamtliche Aufsicht im Benutzerraum - der zentralen Anlaufstelle für Archivbesucher - zu übernehmen. Damit wurden die hauptamtlichen Archivmitarbeiter entlastet und konnten hinter den Kulissen – heute würde man vom „backoffice“ sprechen – Erschließungsarbeiten nachgehen. Aus dieser ehrenamtlichen Aufsichtstätigkeit entstand im Laufe der Zeit eine enge Zusammenarbeit zwischen Stadtarchiv und Geschichtsverein.

Die neue Unterbringung des Stadtarchivs ermöglichte es, den bis dahin als Depositum im Landesarchiv in Düsseldorf verwahrten Bestand der Herrschaft Broich nach Mülheim zurückzuholen. 1983 wurde er in einem feierlichen Akt übergeben und bildet seitdem den mittelalterlichen Kern der Mülheimer Archivbestände. In den Folgejahren wurden dem Archiv von privater Seite weitere wertvolle Bestände angeboten, wie etwa das Zeitungsarchiv der WAZ, das Sportarchiv des Sammlers Karl Könen, die Sammlung Bennertz zur jüdischen Geschichte Mülheims, die Sammlung Hohensee zur Bergbaugeschichte sowie zahlreiche Nachlässe, darunter der des ehemaligen Mülheimer Oberbürgermeisters Edwin Hasenjaeger. Doch auch amtliches Schriftgut füllte nach und nach die Schränke und Regale des Stadtarchivs. In mehreren Schritten wurden die umfangreiche Altkartei des Einwohnermeldeamtes übernommen sowie – nach einer Änderung des Personenstandsgesetzes – die Altregister des Standesamtes. Mit diesen Beständen kamen neben neuen Archivbesuchern auch neue Aufgaben auf das Archiv zu. In Kooperation mit dem Meldeamt und dem Standesamt – heute beides Abteilungen des Bürgeramtes – werden tagtäglich zahlreiche Anfragen bearbeitet.

Der Benutzerraum des Stadtarchivs (1981)Mit dem Anwachsen der Archivbestände ergab sich bald die Notwendigkeit größerer Magazinräume. Bereits 1980 waren das Kellergeschoss im Rathaus sowie das Magazin im Schloß Styrum geräumt und das dort gelagerte Schriftgut in mehrere leerstehende Klassenräume in der Saarner Straße verlagert worden. 1990 kamen zwei weitere Außenmagazine in den Schulen Kurfürstenstraße und Bülowstraße hinzu, seit 1996 wurde zusätzlich auch in der ehemaligen Augenklinik Archivgut eingelagert. Auch im Hauptgebäude an der Aktienstraße ergaben sich Veränderungen. 1985 gelang es mit finanzieller Unterstützung des Geschichtsvereins eine Restaurierungswerkstatt einzurichten und die politischen Gremien von der Anstellung eines Restaurators zu überzeugen. 1990 folgte eine Fotowerkstatt, die zunächst vom Restaurator mitbetreut, später auf Basis eines Werkvertrags von einer freien Fotografin geleitet wurde. Während die Fotowerkstatt durch den technischen Wandel irgendwann nicht mehr zeitgemäß war und daher geschlossen wurde, besteht die Restaurierungswerkstatt nach wie vor und bildet bis heute einen wichtigen Eckpfeiler des Stadtarchivs.

1997 konnten die Mitarbeiter des Stadtarchivs das 25jährige Bestehen ihrer Einrichtung feiern. Doch schon im Jubiläumsjahr zeichnete sich ab, dass die Raumkapazitäten am Standort Aktienstraße voraussichtlich in wenigen Jahren erschöpft sein würden. Zu diesem Zeitpunkt war noch keine adäquate Lösung in Sicht, die Überführung der archivreifen Bestände aus den Außenmagazinen in das Hauptgebäude aus Platzgründen unmöglich. Erst einige Jahre später, 2004, bahnte sich eine Lösung des Raumproblems an. Gegen zahlreiche Widerstände schlug der damalige Kulturdezernent Hans-Theo Horn vor, die größtenteils leerstehende und sanierungsbedürftige Alte Augenklinik zu einem Haus der Stadtgeschichte umzubauen und zusammen mit dem Stadtarchiv die ebenfalls unter Raumnot leidende Musikschule dort unterzubringen. Ein anderer Vorschlag sah vor, das marode Gebäude komplett abzureißen und auf dem freiwerdenden Gelände hochwertige Wohnbebauung zu schaffen. Doch der Kulturdezernent leistete Überzeugungsarbeit und erreichte schließlich, dass eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben wurde mit der Vorgabe zu prüfen, ob beide Einrichtungen in der Alten Augenklinik ausreichend Platz fänden und die Räumlichkeiten für die unterschiedlichen Bedürfnisse der beiden Kultureinrichtungen geeignet seien.

Das vorgesehene Gebäude war den Mitarbeitern des Stadtarchivs nicht ganz unbekannt. Immerhin nutzte man die Alte Augenklinik seit 1996 als Außenmagazin, nach der Aufgabe von zwei anderen Standorten seit 1998 sogar als Hauptaußenmagazin. Zudem war im Rahmen einer umfangreichen Sanierungsmaßnahme am Hauptgebäude im Sommer 1999 das gesamte Archivpersonal für mehrere Monate in die Augenklinik evakuiert worden und hatte sich dort behelfsmäßig eingerichtet. Man hatte also gewissermaßen schon einmal „Klinikluft“ geschnuppert.

Die Alte Augenklinik vor dem Umbau zum Haus der StadtgeschichteDas Konzept für ein Haus der Stadtgeschichte wurde immer konkreter, zumal auch die Eigentümerin der Alten Augenklinik, die Leonhard-Stinnes-Stiftung, das Gebäude vor dem Abriss bewahren wollte und zu der angedachten Umnutzung Zustimmung signalisierte. Seitdem der Klinikbetrieb 1985 in einen modernen Neubau neben dem Evangelischen Krankenhaus verlagert worden war, wurden Teile des leerstehenden alten Gebäudes von verschiedenen städtischen Dienststellen als Bürogebäude genutzt. Daneben war seit den 1990er Jahren das Stadtarchiv dort präsent und beanspruchte immer mehr Fläche für seine wachsenden Bestände. Um den Umbau des Gebäudes zu ermöglichen, waren nun sämtliche Mieter gehalten, das Gebäude zu räumen. Die städtischen Ämter konnten eher problemlos in Büroräumen an anderen Standorten untergebracht werden, die Altakten des Stadtarchivs jedoch stellten vom Umfang her – sie belegten etwa die Hälfte des gesamten Gebäudes - eine gewaltige Herausforderung dar. Die Lösung erschien in Form einer zweistöckigen Fabriklagerhalle in Hafengebiet, die der Eigentümer dem Kulturbetrieb zur Miete anbot. Mit einer ausreichend großen Kapazität war der Standort in der Lahnstraße geeignet, sämtliche Außenmagazine zu ersetzen und das gesamte Schriftgut des Stadtarchivs – abgesehen von den historischen Beständen im Hauptgebäude – an einer Stelle zu konzentrieren. Anfang 2005 wurden in einer siebenwöchigen Umzugsaktion die bis dahin verbliebenen drei Magazine in der Saarner Straße, im Rathaus und in der Alten Augenklinik geräumt und insgesamt rund 5.000 Regalmeter Akten an den neuen Standort in der Lahnstraße verlagert.

Das Haus der Stadtgeschichte, Heimat von Stadtarchiv und städtischer MusikschuleDem Umbau der Alten Augenklinik zum Haus der Stadtgeschichte stand nun nichts mehr im Wege. Bis zum Abschluss der Bauarbeiten und der Übergabe des  kernsanierten Gebäudes an die beiden Mieter - Stadtarchiv und Musikschule - sollten jedoch noch einige  Jahre vergehen. Im März 2013 war es dann soweit: Die Musikschule verließ ihren alten Standort unweit des Wasserbahnhofs und bezog die neuen Räumlichkeiten in der Von-Graefe-Straße. Für das Stadtarchiv standen zunächst noch Klimamessungen in den zukünftigen Magazinräumen an. Bis die Sollwerte für Temperatur und Luftfeuchtigkeit   erreicht waren, vergingen mehrere Monate. Im August zog schließlich auch das Stadtarchiv um. In mehreren Etappen wurde das Stadtarchiv von der Aktienstraße in die Alte Augenklinik verlagert: im ersten Schritt die Büros, im zweiten Schritt  das gesamte Archivgut. Hinzu kamen noch weitere archivreife Unterlagen sowie etliche aus Platzgründen ausgelagerte Plan- und Karteischränke aus dem Außenmagazin im Hafen. Anfang September waren Mitarbeiter und Archivbestände komplett am neuen Standort. Nachdem das Archiv im Juli und August 2013 umzugsbedingt rund sechs Wochen geschlossen bleiben musste – beim Umzug 1980 hatte sich die Schließung noch über ein ganzes Jahr erstreckt – konnte das Haus der Stadtgeschichte am 14. September 2013 durch die Mülheimer Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld feierlich eröffnet werden.

Aufgrund der langen Planungs- und Bauphase war es einigen Akteuren nicht mehr vergönnt, die Eröffnung des Hauses in ihrer aktiven Dienstzeit zu erleben. So wurde der impulsgebende Kulturdezernent 2006 in den Ruhestand verabschiedet und auch der Leiter des Stadtarchivs schied im selben Jahr aus Altersgründen aus dem Dienst. An seine Stelle trat Anfang 2008 Dr. Kai Rawe, der das Projekt „Haus der Stadtgeschichte“ zu seiner Sache machte und es mit Überzeugung und Tatkraft vorantrieb. Unter seiner Leitung wurden neue Akzente in der Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit gesetzt und die Reihe zur Mülheimer Geschichte, seit 2006 in der Zuständigkeit des Stadtarchivs, erreichte mit renommierten Referenten eine nie gekannte Popularität. Nachdem schon 2004 und 2007 die Geschäftsstellenaufgaben des Geschichtsvereins sowie des Arbeitskreises „Stolpersteine“ dem Stadtarchiv übertragen worden waren, kam 2009 die Zuständigkeit für die drei historischen Museen der Stadt (Schloß Broich, Tersteegenhaus und Büromuseum) hinzu. Die damit verbundene Übernahme der Kulturgeschichtlichen Sammlung - ein Depot der aus Platzgründen nicht im Museum ausgestellten Gegenstände - bedeutete einen weiteren Zuwachs für die Bestände des Stadtarchivs und ein nicht unerhebliches Raumproblem.

Der Lesesaal des Stadtarchivs (im Haus der Stadtgeschichte)Sowohl die neuen Aufgaben und Zuständigkeiten als auch die stetig gewachsenen Archivbestände haben einen Auszug des Archivs aus der Aktienstraße notwendig gemacht. Im Haus der Stadtgeschichte verfügt das Stadtarchiv erstmals über einen eigenen Raum für die Arbeit mit Schulklassen sowie über einen Vortragssaal für die Veranstaltungsreihen von Stadtarchiv und Geschichtsverein. Die Standregale in den Magazinen wurden durch Rollregale ergänzt, was die Kapazität des aufzunehmenden Schriftguts um ein Vielfaches steigerte. Und im großzügig angelegten Lesesaal kann der Archivbesucher nun am Bildschirm digitalisierte Bildbestände einsehen sowie in Datenbanken recherchieren. Dies alles sind Meilensteine auf dem Weg des Stadtarchivs zu einem modernen Großstadtarchiv.

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Stand: 04.08.2016

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