ZEITZEICHEN 30. April 1919: Eröffnung der Volkshochschule

Das Programm zur Eröffnungsfeier der Mülheimer Volkshochschule am 30. April 1919 - StadtarchivAm 27. März 1919 beschloss eine Versammlung von 50 Männern und Frauen „aus allen Ständen und Berufen“, wie es heißt, in den Räumen der Oberrealschule an der Schulstraße die Gründung einer Volkshochschule (VHS). Der Generalanzeiger bezeichnete am 6. April 1919 eine VHS als ein „Bindemittel zwischen den Volksschichten“ und weiter: „Wir müssen Brücken schlagen zwischen dem kleineren Volksteil, der geistig arbeitet und dem immer größer werdenden Teil unserer Volksgenossen, der mit der Hand schafft, aber geistig hungrig ist. […] Die VHS soll eine Arbeitsgemeinschaft werden, in der die Intellektuellen gemeinsam mit den Arbeitern geistig arbeiten und damit der wahren Menschenbildung der inneren Einheit der Volksgemeinschaft dienen.“ Diese Idee der Vereinigung der Klassen durch Bildung verkennt indes die Realität nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Zusammenbruch des Kaiserreichs. Sich verschärfende soziale und wirtschaftliche Konflikte nicht aufzudecken und ihre Ursachen zu untersuchen, sondern eine Idee der Beschwichtigung zur verfolgen, war vielleicht bereits ein „Geburtsfehler“ der damaligen VHS.

Gleichwohl fand am 30. April 1919 in der Aula der Oberrealschule die feierliche Gründung mit festlicher, klassischer Musik, Deklamation von Gedichten und Ansprachen statt. Bei der Gründungsfeier betonte Schulleiter Dr. Neuendorff die Bedeutung der Bildung für die soziale Versöhnung (!), um die Massen davon abzuhalten, ihre traurige Lage mit Gewalt zu verändern. Hier sollen die Massen ruhig gehalten werden. Zitat aus seiner Eröffnungsrede: „Die VHS will der gesamten Bürgerschaft Mülheims ohne Unterschied der Stände, Glaubensüberzeugungen und Geschlechter dienen. Sie strebt danach, eine Stätte zu werden, in der sowohl die geistigen Arbeiter als die Handarbeiter in gemeinsamer Arbeit nach Bildung streben. Sie will damit die Kluft zwischen geistigen Arbeitern und Handarbeitern überbrücken und die deutsche Volksgemeinschaft neu befestigen, den Teilnehmern helfen, ihre Persönlichkeit zu ertüchtigen und zu verinnerlichen, an der Ausbildung ihrer Persönlichkeit zu arbeiten, die Fachkenntnisse der einzelnen erweitern, um ihnen zu ermöglichen, sich in ihrem Beruf fortzubilden und dadurch ihre wirtschaftlichen Verhältnisse zu bessern.“

Die VHS wollte insbesondere den „Bildungsbedürfnissen dienen“, die sich aus dem „Wesen Mülheims als einer Stadt des Gewerbefleißes und Handels ergeben“. Hier ist von Ausbildung der Persönlichkeit, gar von „Lehre und Diskurs statt Gewalt und Chaos“ wenig zu spüren.

Und so zeigte sich in den folgenden Jahren, dass ein solches Konzept von VHS leider doch nicht tragfähig und geeignet war, einem echten Bildungsbedürfnis gerecht zu werden. Schon im Laufe der 1920er Jahre verschwand die VHS sang- und klanglos wieder von der Bildfläche. Erst ihrer Wiederbegründung nach dem Zweiten Weltkrieg war ein dauerhafter Erfolg als der Weiterbildungseinrichtung in Mülheim an der Ruhr beschieden.

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Stand: 16.04.2019

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