Mülheimer Baudenkmäler: Der Altstadtfriedhof

Auszug aus dem Stadtplan von Mülheim an der Ruhr mit Einzeichnung des Altstadtfriedhofes (1926)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Seit dem Mittelalter hatte es wegen der mangelnden hygienischen Verhältnisse immer wieder Kritik an der Bestattung der Toten auf den Kirchhöfen gegeben. Die Forderung zur Auslagerung der Friedhöfe weg von den Ortskernen und damit weg von den Wohnstätten erhielt vor allem ab dem 14. Jahrhundert durch die in Europa wütende Pest erhöhten Nachdruck.

In Mülheim stellte sich die Frage der Friedhofsverlagerung erstmals im Jahr 1782, als die Mülheimer reformierte Gemeinde vom Landesherrn zur Schließung ihres Kirchhofes aufgefordert wurde, was diese jedoch entschieden ablehnte. Aufgrund der enormen Widerstände aus den verschiedenen Gemeinden sah sich Kurfürst Karl Theodor, Herzog von Berg, am 4. Mai 1784 gezwungen, eine weitere Verordnung zu erlassen, in der das Bestattungswesen neu geregelt wurde. Doch weder dieser Erlass noch der seines Nachfolgers Max Joseph rund 20 Jahre später wurden in Mülheim befolgt. Erst das 1804 von Napoleon verkündete "décret sur les sépultures" - Richtschnur für das Begräbniswesen im gesamten französischen Herrschaftsgebiet - sollte Änderungen in Mülheim zur Folge haben. Der 1806 als Großherzog von Berg eingesetzte Joachim Murat verwaltete als Schwager Napoleons einen Vasallenstaat, zu dem auch die Herrschaften Broich und Styrum gehörten. Somit wurde im neugeschaffenen Großherzogtum Berg nicht nur 1808 die französische Behördenorganisation eingeführt, sondern ebenfalls französisches Recht angewendet und napoleonische Erlasse umgesetzt. Dennoch dauerte es weitere Jahre bis zur Neuanlage des Friedhofes.

Nach 70-jährigem Ringen um eine Veränderung wurde am 12. November 1812 der Altstadtfriedhof an der Kettwiger Straße in Anwesenheit der Stadtoberen, des Kirchenvorstandes und der Gemeinde durch die drei reformierten Pfarrer Karl Johann Engels, Johann Heinrich Wolf und Johann Gerhard Engels sowie durch den lutherischen Prediger Georg Friedrich Wilhelm de Groote geweiht. Im Anschluss daran fand die erste Bestattung statt. Von der Weihe des Friedhofes im Jahre 1812 bis zum Jahr 1835 belegen die Unterschriften der Pfarrer auf den Begräbnisscheinen die Verwaltung des Friedhofes durch die beiden evangelischen Kirchengemeinden. Danach zeugen die Unterschriften der Bürgermeister davon, dass die Verwaltung des Friedhofs an die Stadt übergegangen und dieser nun als Kommunalfriedhof zu betrachten war.

Die Entwicklung der Friedhofsanlage

Bestandsaufnahme des Altstadtfriedhofes mit Wegestruktur und erhaltenen GrabstellenEine Epidemie mit 50 Todesopfern machte 1835 eine erste Erweiterung des Friedhofs notwendig. Durch den Ankauf des Ostkampschen  (Gemüse-) Gartens, der im Norden die Fläche von der Kettwiger Straße bis zur Hälfte des Friedhofsweges einnahm, wurde dies ermöglicht. Die 1837 folgende Vergrößerung schloss mit dem Ankauf von Gartenland des reformierten Pastorats im Süden an die ursprüngliche Parzelle an. Die Ankäufe in den 1840er Jahren vervollständigten die nördliche Erweiterung. So wurde 1843 das angrenzende Gartenland von Möhlenbruck und 1847 das Land der Gärten Mellinghoff und Bergfried aufgekauft. Erst mit diesen Erweiterungen erreichte der nördlich des Friedhofweges gelegene Teil des Friedhofes die heute als „Alter Friedhof“ ausgewiesene Fläche.

Eine Epidemie im Jahre 1866, bei der innerhalb kürzester Zeit 126 Einwohner an Pocken bzw. Cholera starben, sowie der generelle Bevölkerungszuwachs Mülheims machten eine abermalige Erweiterung notwendig. So wurde der Friedhof ab 1866 nach Süden erweitert, zunächst entlang des Lohscheidts durch die Gärten von Möhlenbeck und van Felbett und dann bis 1877 vom Hang der Kettwiger Straße bis zum Lohscheidt durch die Gärten des reformierten Pastorats. Trotz Errichtung der Vorortfriedhöfe im Jahre 1878 erfolgte zeitgleich eine weitere Vergrößerung des Alten Friedhofes. Weitere Flächen zwischen Dimbeck, Tersteegenstraße, Kluse und Lohscheidt wurden hinzugekauft.

Aufrisszeichnung des Torhauses am Eingang des Altstadtfriedhofes (1889)1889 wurde das Torhaus an der Kettwiger Straße mit einer Wohnung für den Friedhofwärter und einem Trauerraum erbaut. Zur Jahrhundertwende wurde der Friedhofweg als Verbindungsstraße zwischen Schulstraße und Oberstraße ausgebaut, gleichzeitig wurde der Friedhof längs der Straße durch Mauern mit je einem eisernen Tor eingefasst. Wahrscheinlich wurde mit dieser Maßnahme nachträglich die Anforderung des 1804 von Napoleon erlassenen „Décrets sur les sépultures“ übernommen. Im Zug dieser Maßnahmen wurde der ältere nördliche Teil für Reihengräber geschlossen. Bis zur vollständigen Schließung im Jahre 1909 durften jedoch auf noch unbelegten Gräbern weiterhin Erbbegräbnisse stattfinden. Mit der Eröffnung des Hauptfriedhofes im Jahre 1916 wurde auch der Teil südlich des Friedhofweges für Bestattungen in Reihengräbern geschlossen. Beerdigungen in Wahlgräbern waren bis zur vollständigen Schließung 1967 erlaubt. Erbbegräbnisse erfolgten mit Sondergenehmigung in den Jahren 1981 und 1991, seit September 1988 sind die Felder entlang der Kluse für Urnenbestattungen freigegeben.

1984 wurde der Altstadtfriedhof unter Denkmalschutz gestellt. Zur Erhaltung des Friedhofes mit seiner historischen Struktur ist seitdem die Übernahme von Patenschaften für Grabstätten und eine damit verbundene Nutzungsberechtigung für Urnenbeisetzungen möglich. Die Besonderheit des Alten Friedhofs liegt vor allem darin, dass seine Grabstellen Zeugnisse der Mülheimer Geschichte von der Stadtgründung bis in die 1920er Jahre bzw. bis in die heutige Zeit sind. Die Grabmale einfacher Bürger, der städtischen und kirchlichen Oberen sowie der Unternehmer und Industriellen sind Spiegel der Bevölkerung und des Lebens in Mülheim. Namen wie Stinnes, Thyssen und Schmitz-Scholl sowie die der Lederfabrikanten Coupienne und Lindgens belegen die Industriegeschichte der Stadt. Auf dem Altstadtfriedhof wurden jedoch nicht nur die Honoratioren der Stadt Mülheim beigesetzt. Hier fanden auch 440 überwiegend russische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus beiden Weltkriegen ihre letzte Ruhestätte. Deren Gräber erhielten ihre heutige Gestaltung im Jahre 1980.

Die Gestaltung des Friedhofes

Die einstige Einfassung durch eine Mauer, wie auch die Baumpflanzungen gehen vermutlich auf Napoleons "Décret sur les sépultures" zurück, dessen dritter Artikel „eine 2 m hohe Mauer um den Friedhof und seine Bepflanzung mit Bäumen“ vorschrieb. In Verbindung mit den Einfassungen der Gräber spiegeln die einzelnen Grabmale ebenso wie die Grüfte nicht nur die damalige Gräberkultur und die Kunst der Steinmetze wider, sondern geben auch einen Einblick in das Selbstverständnis der Mülheimer Bürger. Seien es die kunstvoll gestalteten Gräber und Grüfte der großen Industriellen, die Grabstellen der Mülheimer Bürgermeister oder aber die einfachen Grabsteine alter Schiffer-Familien: jedes Grabmal ist Ausdruck der gesellschaftlichen Stellung und des Selbstbildes. Als bauliche Zeugnisse der Friedhofsentwicklung ergänzen das Torhaus und die Trauerhalle die Gesamtanlage des Altstadtfriedhofs. Das 1889 errichtete Backsteintorhaus an der Kettwiger Straße ist bis in die heutige Zeit in seiner ursprünglichen Form erhalten.

Zeichnung der Grundrisse und Ansichten der Trauerhalle auf dem Altstadtfriedhof1906/07 wurde offenbar am Standort eines Vorgängergebäudes die noch heute erhaltene Trauerhalle errichtet. Unklar ist, ob dazu bauliche Bestandteile der Altsubstanz verwendet wurden. Die Trauerhalle - auch Aussegnungshalle - diente auf kommunalen Friedhöfen ab Ende des 18. Jahrhunderts zur Abhaltung der kirchlichen wie der weltlichen Trauerfeier.

Auf der nördlich des Friedhofsweges gelegenen Grünfläche, die heute als “Alter Friedhof“ bezeichnet wird und deren umfassende Mauer nach dem Zweiten Weltkrieg beseitigt wurde, erinnern nur noch die wenigen erhaltenen Grabsteine der Mülheimer Familien Stinnes, Troost und Weuste an die ehemalige Nutzung. An der nördlichsten Grenze liegt seit 1968 das zentrale Denk- und Mahnmal des Bildhauers Gerhard Marcks für die Opfer beider Weltkriege.

Nutzung und Erhaltung

Um eine sinnvolle Nutzung des unter Denkmalschutz stehenden Altstadtfriedhofes zu erreichen, hat der Rat der Stadt Mülheim an der Ruhr im Dezember 1987 die Wiedereröffnung für Urnenbeisetzungen beschlossen. Um diesem Angebot gerecht zu werden, wurden Felder für Urnenwahlgräber und Urnenreihengräber wie auch ein mit Rasen bewachsenes anonymes Urnenfeld angelegt. Zudem besteht die Möglichkeit, Patenschaften für die historischen Grabstellen zu übernehmen. Der Pate verpflichtet sich, die Grabstätte einschließlich der denkmalwerten baulichen Anlagen instand zu halten und - falls notwendig - zu restaurieren. Damit erwirbt er das Recht, auf der Grabstelle bis zu vier Urnen beizusetzen. Im Jahre 2006 konnte die Trauerhalle nach einer kompletten Sanierung, die durch eine Spende der Bürgerstiftung mitgetragen wurde, wieder ihrer eigentlichen Bestimmung übergeben werden: sie steht seitdem bei Urnenbeisetzungen für Trauerfeiern zur Verfügung.

(Bearbeitete und gekürzte Fassung von "Der Alte Friedhof/Altstadtfriedhof" von Melanie Rimpel, in: Zeugen der Stadtgeschichte - Baudenkmäler und historische Orte in Mülheim an der Ruhr. Klartext Verlag, Essen 2008)

Historische Ansicht der Friedhofsmauer (Fotografie, ohne Datum) Grabstein des Mülheimer Firmengründers Mathias Stinnes Grabmal des Mülheimer Bürgermeisters Christian Weuste und seiner Familie Gedenkkreuz auf dem Altstadtfriedhof für verstorbene russische Zwangsarbeiter
Die Trauerhalle auf dem Altstadtfriedhof von 1906/07 Der sogenannte Pastorengedenkstein auf dem Altstadtfriedhof (1984 versetzt auf das Gelände des Ev. Krankenhauses) Grabmal der Familie Thyssen auf dem Alstadtfriedhof Grabanlage der Industriellenfamilie Thyssen
Das Grabmal der Familie Stinnes auf dem Altstadtfriedhof Grabmal der Mülheimer Fabrikantenfamilie Troost Grabmal der Mülheimer Industriellenfamilie Marks Grabmal der Familien Perez-Stinnes-Zerwes
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Stand: 27.11.2017

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